Nº 261

Space Design

Die bemannte Mondlandung am 21. Juli 1969 war einer der größten Meilensteine in der Raumfahrt. Die zu dieser Zeit gehegten Pläne eines bemannten Marsfluges wurden bis heute nicht verwirklicht und größtenteils ad acta gelegt;
 der Traum jedoch lebt weiter. Jüngst haben sogar die Vereinigten Arabischen Emirate angekündigt, eine Sonde in die Umlaufbahn des Mars zu schicken. Neben NASA, ESA und der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos arbeiten zur Zeit auch Indien, China und Japan an eigenen oder gemeinsamen Marsmissionen.




Raumfahrt – Nebenprodukt des Kalten Krieges

 

Der Traum der Raumfahrt ist alt. Plutarch, Johannes Kepler oder Jules Verne träumten davon. Technisch möglich wurde dieses Vorhaben aber erst in der zweiten Hälfte des 
20. Jahrhunderts. Die Grundlage bildete Wernher von Brauns für die Nationalsozialisten entwickelte V2 (eigentlich: Aggregat 4), die 1944 als erste Flüssigkeitsrakete den Weltraum erreichte. Später sollte von Braun für die USA die Mondrakete bauen. Die V2 war aber keineswegs als Vehikel zu den Sternen entworfen worden, sondern als todbringende Waffe. Dabei starben mehr Zwangsarbeiter während der Konstruktion als durch ihren Kampfeinsatz. Ungeachtet dessen engagierten sowohl die USA als auch die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ihre deutschen Konstrukteure und machten diese somit auch zu Protagonisten des Kalten Krieges, da sie maßgeblich am Bau der nuklearen Kurz-, Mittel- und Interkontinentalraketen beteiligt waren. Hier sollten die ersten Erfahrungen gesammelt werden, die später die Raumfahrtprogramme auf beiden Seiten ermöglichten. Denn der nukleare Sprengkopf, der zwecks Reichweite auf seiner ballistischen Bahn die Erdatmosphäre verlässt, darf beim Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht verglühen, um sein Ziel zu treffen – grundlegende Voraussetzung auch für eine sichere Rückkehr von Astronauten zur Erde.




(Über-)Leben in der Schwerelosigkeit

 

Schon zu Beginn der ersten bemannten Raumflüge Anfang der 1960er-Jahre war klar, dass sich die Menschen – bedingt durch die Naturgesetze außerhalb der Erdatmosphäre – neuen Herausforderungen stellen mussten. Aufgrund der Schwerelosigkeit verbleiben Dinge meist nicht an einem Ort. Wurde beispielsweise anfangs an Bord noch mit Bleistiften geschrieben, war schnell klar, dass dies für Astronauten zu gefährlich ist. Abgebrochene Minen, die durch den Innenraum einer Raumkapsel oder Raumstation schweben, können aufgrund des leitfähigen Graphits Kurzschlüsse in der Bordmechanik verursachen oder eingeatmet werden. Handelsübliche Kugelschreiber wiederum funktionieren nicht, da diese für den Tintenfluss Schwerkraft benötigen. Abhilfe leistet hier der 1965 von Paul C. Fisher in Eigenregie entwickelte (Fisher) Space Pen, dessen Tintenpatrone unter Gasdruck steht.

Eine der ersten Architektinnen, die sich grundlegend mit diesen Problemen auseinandersetzte, war Galina Balaschowa. Von 1963 bis 1990 war sie als Innenarchitektin und Designerin an verschiedenen sowjetischen Raumfahrtprojekten beteiligt, unter anderem an der Entwicklung den Woschod- und Sojus-Kapseln sowie der Raumstation Mir. Derzeit widmet ihr das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main eine eigene Ausstellung. Auf US-amerikanischer Seite arbeitete Raymond Loewy Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1970er-Jahre im Auftrag der NASA am Interior Design der Skylab-Space Station, welche von 1973 bis 1979 die Erde umkreiste. Erstmals sollten Astronauten bis zu 84 Tage im All bleiben. Bis dahin ging es bei
der Konzeption von Weltraumfahrzeugen vor allem darum, das Überleben der Astronauten und die Durchführbarkeit von Missionen zu garantieren – ein längerer Aufenthalt der Raumfahrer stellte nun auch Fragen nach der Wohnlichkeit unter extraterrestrischen Bedingungen. Loewys Vorschläge stießen jedoch auf Seiten der Techniker auf Unverständnis. Ideen wie
ein Farbschema wurden eher belächelt und schließlich verworfen.




Design und Raumfahrt

 

Ähnliche Skepsis widerfuhr dem Designer Fabian Wappler auch noch als er 2009 anfing am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zu arbeiten. „Viele Ingenieure wussten nicht, was sie mit einem Designer anfangen sollten“, so Wappler. Dies hat sich mittlerweile aber geändert. Unter der Leitung von Tilo Wüsthoff und in Zusammenarbeit mit Jürgen Graef wurde 2012 das Robotics and Mechatronics Center (RMC) Designteam am DLR ins Leben gerufen. Langfristig ist geplant, das Team als Schnittstelle zwischen Design und der Raum- und Luftfahrt zu etablieren. Nicht nur Designern soll hier die Arbeitsweise der Raumfahrt näher gebracht werden, sondern auch junge Maschinenbauer und Mechatroniker sollen einen Einblick in die methodische Arbeit von Designern am DLR erhalten können.

Wir haben mit Fabian Wappler über seine Zusammenarbeit mit dem DLR gesprochen. 




Wie kann die Raumfahrttechnik von Design profitieren?

 

Das Corporate Design der NASA oder die Einrichtung des Skylab und des Columbia Moduls sind dafür beispielhaft. Wie so oft erweist sich dabei, dass durch
 den interdisziplinären Austausch von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Designern innovative Entwicklungen und Produkte entstehen können. Dazu ist auch auf Seiten der Designer ein gewisses Verständnis von Maschinenbau, Mechatronik sowie verschiedenen Materialien unverzichtbar. Wohingegen Wissenschaftler und Ingenieure von designspezifischen Methoden lernen können. Vor allem aber haben Designer auch die Aufgabe, die Technik sowohl optisch ansprechend als auch funktionierend und zweckdienlich zu „verpacken“. Ich denke Projekte wie Toro, Dexhand oder Rover, die im Rahmen der Arbeit mit dem DLR entstanden sind, spiegeln diese produktive Arbeit wider. Darüber hinaus zeigt auch die Gründung des RMC-Designteams, dass in Zukunft das DLR auf Designmethoden setzen will. Ich empfinde die Zusammenarbeit dort als äußerst produktiv und zukunftsweisend.

 

 

Was müssen Designer bei der Gestaltung für den Weltraum beachten?

 

Beim DLR bin ich für die robotische Raumfahrt zuständig: Probleme dort unterscheiden sich natürlich von der bemannten Raumfahrt. Vor allem das Vakuum stellt uns in der Konstruktion vor Schwierigkeiten. Lufteinschlüsse und die Gefahr eines Hitzestaus müssen verhindert werden. Die eingeschlossene Luft würde
im Vakuum das Objekt sprengen und mangelnde Kühlung würde zu einer Überhitzung der Mechanik führen. Die Gestaltung tritt dabei gegenüber der Technik etwas in den Hintergrund. Dies war hauptsächlich in meiner Anfangszeit beim DLR ein Problem, da viele Ingenieure nicht wussten, was sie mit einem Designer anfangen sollten: Sie dachten, ich würde nur eine schöne Hülle gestalten. Und dennoch geht es natürlich auch um das Optische. Man sollte immer daran denken, dass in der Raumfahrt viel Geld investiert wird und oft auch das Allerbeste, was technisch auf dem Markt ist, zum Einsatz kommt. Raumfahrt ist technische Pionierarbeit. Demnach sollten die Geräte auch ansprechend, verständlich und wiedererkennbar sein.




Seit dem Ende des Space-Shuttle-Programms der NASA 2011 kann man beobachten, wie mehrere Unternehmen, aber auch staatliche Organisationen, wieder vermehrt in die Raumfahrt investieren. Inwieweit sollte die Designausbildung auf die aktuellen Entwicklungen reagieren?

 

Die deutschen Hochschulen sind bereits eng mit der Industrie vernetzt und davon profitieren sowohl die Studierenden als auch die Unternehmen. Die jungen Industriedesigner sind technisch gut ausgebildet. In den letzten Jahren hat sich das RMC-Designteam im Rahmen der Arbeit für den DLR etabliert: ein Team aus angestellten und selbstständigen Designern, das gemeinsam mit Industriedesign-Studierenden an Projekten des DLR arbeitet. Hier bietet sich eine Möglichkeit für junge Designer, erste praktische Erfahrungen in der Raumfahrt zu sammeln. Doch ist es notwendig, dass die Designausbildung eine neue Generation an kreativen, motivierten und freidenkenden Erfindern in diesem Bereich weiterbildet und darauf wollen wir auch die Designhochschulen aufmerksam machen. Die Arbeit am DLR ist so umfassend, dass alle Designdisziplinen eine wichtige Rolle spielen.




Sie arbeiten nun seit sechs Jahren mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen. Könnten Sie kurz Ihre Arbeit beschreiben?

 

Meine Arbeit besteht darin, einem Projekt seine entsprechende Form zu geben, dabei die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, für „Probleme“ Lösungen zu finden und so das Projekt noch verständlicher und erkennbarer zu machen. Durch die Erfahrung der letzten Jahre und durch den engen Austausch mit Kollegen kann man mittlerweile gut einschätzen, was machbar
 ist und was nicht. Schon zu Beginn eines Prozesses, aber spätestens während des Zeichnens und Skizzierens, können wir Designer bereits Einfluss auf den Verlauf eines Projektes nehmen. Die Kunst liegt darin, anfangs nicht zu detailliert zu arbeiten, sondern erst einmal eine klare Perspektive zu kreieren. Vordergründig ist es dann in vielen Fällen aber die Herangehensweise, die man als Designer in der Ausbildung erlernt hat, die die Ingenieure bei der Lösung technischer Probleme verblüfft. Dabei helfen mir natürlich meine Erfahrungen aus dem klassischen Produktdesign, die ich in verschiedenen Agenturen gesammelt habe, aber auch Erfahrungen aus einem Job als Chemielaborant und natürlich technisches Allgemeinwissen für die Lösung der verschiedenen raumfahrttechnischen Problemstellungen.

 

 

 

Carl Friedrich Then studiert seit 2011 Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. In form 260 schrieb er zuletzt über die Wiederbelebung des Plattenspielers.

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