Nº 262

Raum und Zeit

Staging Public Design 

Der öffentliche Raum, der uns tagtäglich umgibt, ist geprägt von kulturhistorischen, ökonomischen, sozialen, gestalterischen, repräsentativen und verkehrstechnischen Funktionen – oft sind wir uns diesen jedoch nicht bewusst. Dabei prägt die Gestalt der Umwelt den Menschen in einem erheblichen Maße, denn Eingriffe in den Raum drücken etwas aus, haben eine Intention. Jede räumliche Veränderung kann auch als Inszenierung begriffen werden. Eine intendierte Inszenierung lädt einen Ort symbolisch auf, hinterfragt seine räumlichen Funktionen und regt den Nutzer zur (Neu-) Interpretation an.






Irritierende Illusionen

 

Verschiedene Formen inszenierter Freiräume und ihre Wirkung auf den Betrachter unter Berücksichtigung des räumlichen und zeitlichen Phänomens, zeigen die folgenden Beispiele aus Kunst und Architektur. Der britische Künstler Alex Chinneck hat im kleinen Maßstab temporäre Installationen für den öffentlichen Raum entwickelt, die den Betrachter irritieren. Wie eine Illusion wirkt zum Beispiel sein Projekt „From the Knees of my Nose to the Belly of my Toes“ [Von der Spitze meiner Nase zur Mitte meiner Zehen] (2013), bei dem eine komplette Hausfassade aus Backstein inklusive Fenster und Tür einige Meter in den Vorgarten gerutscht zu sein scheint. Oder er lässt den Betrachter vor dieser Szene stutzen: Ein Stück Asphaltstraße sieht aus, als hätte es sich – mitsamt einem auf den Kopf gestellten Opel Corsa – vom Boden gelöst und eingerollt. Mysteriös, spielerisch, irgendwie naheliegend und doch völlig unmöglich muten die Installationen an. Zur Inspiration hält sich Chinneck zunächst tagelang am Ort des Geschehens auf und lässt sich vom Räumlichen inspirieren. Dabei spielt die Materialität für ihn eine große Rolle. Dauerhaftigkeit, so sagt er, sei für ihn der Käfig der kreativen Freiheit. Vergänglichkeit dagegen ist maßgebend für seine Kunst. Auch wenn das Kunstwerk abgebaut ist, hallt der Eindruck beim Besucher nach. Mit „Take my Lightning but Don‘t Steal my Thunder“ [Nimm meinen Blitz, aber lass mir meinen Donner] ließ er 2015 den oberen Teil eines historischen Gebäudes, dessen Mitte ohne Verbindung zum Boden herausgebrochen zu sein schien, auf rätselhafte Weise in der Luft schweben. Einen Monat lang warf die Installation auf dem Londoner Covent Garden Piazza für die Passanten Fragen zu Ursache, Wirkung und den scheinbar außer Kraft gesetzten Naturgesetzen auf. Das Ziel seiner Kunst ist, dass der Betrachter sich mit diesen Fragen auseinandersetzt während er sich durch die Stadt bewegt.




Wenige Meter entfernt, im Inneren der Covent Garden Markthalle aus dem 19. Jahrhundert, zeigte der französische Künstler Charles Pétillon im September 2015 seine Installation „Heartbeat“ – 100.000 weiße Luftballons unterschiedlicher Größe –, die wie eine gigantische, 54 Meter lange und zwölf Meter breite Wolke angeordnet waren, pulsierten kontinuierlich in einem warmen Licht und ahmten so einen Herzschlag nach. Pétillon ist bekannt für seine Balloninvasionen, die er selbst als Metaphern bezeichnet. Seine Intention ist es, die Sicht des Betrachters auf die alltäglichen, unbewussten Dinge und Orte zu lenken und diese zu hinterfragen. Seine weißen Ballons quellen aus leerstehenden Garagen, Häusern und Autos, sie finden sich auf Spiel-, Sport- und Golfplätzen. Dabei ist das Bild der fröhlichen, unbeschwerten Ballons deshalb so einprägsam, weil es mit der Umgebung im Kontrast steht und sich an ihr bricht. Der Kontext ist immer der öffentliche – und damit determinierte – Raum. Am eindrucksvollsten sind Momentaufnahmen dieser Situationen: Auf Pétillons Fotografien sind nie Menschen zu sehen, einzig die Ballons okkupieren auf geisterhafte Weise die alltäglichen Orte und ergeben ein absurdes und zugleich poetisches Bild der Irritation.




Interaktion im großen Maßstab

 

Ebenfalls mit Luftballons und in Form der bislang größten Kunstinstallation im öffentlichen Raum Berlins haben 2014 Besucher dem 25. Jahrestag des Mauerfalls gedacht. Christopher und Marc Bauder inszenierten mit der Lichtgrenze die ehemalige Berliner Mauer für drei Tage. Dabei zeichneten 8.000 weiß leuchtende Ballons auf 15 Kilometern den ehemaligen Mauerverlauf nach, um am Abend des 9. November 2014 in einer abgestimmten Choreografie in die Luft zu steigen. An der kollektiven Gedenkveranstaltung nahmen Millionen von Menschen teil und wurden damit Teil der Inszenierung, die den Stadtraum temporär, die Besucher nachhaltig, beeinflusste. Für einen kurzen Moment wurde die Geschichte an den Ort des Geschehens zurückgeholt, wurden die vergangenen Ereignisse lebendig. Den Machern war wichtig, die Lichtgrenze als neutrale Markierung verstanden zu wissen und die Interpretation den Betrachtern zu überlassen. Am Ende hat sich die Inszenierung mit dem Aufsteigen der Ballons selbst aufgelöst. Was blieb, war einzig die Erinnerung, die sich wie eine unsichtbare, imaginäre Patina über den Ort legte und untrennbar mit ihm verbunden bleibt.




Eine noch größere, zeitlich begrenzte und räumliche Inszenierung ist das Festival Burning Man, das sich selbst als vorübergehende „Metropole, gewidmet der Gemeinschaft, Kunst und Selbstverwirklichung“ beschreibt. Alljährlich zieht die temporäre Stadt in der Wüste Nevadas für eine Woche etwa 50.000 Menschen an. Nachdem die Organisation bisher partizipativ stattfand, soll die Planung nun in professionelle Hände gegeben werden. Gestalter sind weltweit dazu aufgerufen, einen Masterplan für die räumliche Struktur der temporären Stadt zu entwerfen. Die Betreiber sehen dabei Stadtplanung ebenso als Kunstform wie eine Skulptur und sind offen für alles, was möglich ist. Die einzigen Anforderungen sind: eine große, offene Fläche soll für Kunstinstallationen zur Verfügung gestellt werden, die Infrastruktur soll einfach zu navigieren sein und der „Burning Man“ (eine mehrere Meter hohe, hölzerne Statue, die zum krönenden Abschluss abgebrannt wird) und der sogenannte Temple müssen die zentralen Punkte des neuen Stadtplans darstellen. Ist das Festival vorbei, ist auch von der Stadt nichts mehr zu sehen, denn sie wird jedes Jahr vollständig abgebaut. Der Gestalter des Masterplans mag sich, ebenso wie der Besucher nach Abbau der inszenierten Metropole fragen: Was macht eine Stadt eigentlich aus? Ist es ihre bauliche Form, ihre Beständigkeit, sind es ihre Bewohner oder die vielfältigen Funktionen, die sie erfüllt?




Dass wir auch unsere Vorstellung davon, was einen Park ausmacht, überdenken müssen, finden Dan Barasch und James Ramsey, die beiden Initiatoren des Projekts Lowline in New York City. Der weltweit erste Untergrundpark in der Lower East Side kann als Pendant zur High Line verstanden werden, einem Park auf einer stillgelegten Hochbahntrasse, der mittlerweile zu den bekanntesten Parks der Welt zählt. Im dicht bebauten städtischen Umfeld fehlt es an Grünflächen und das unterirdische Straßenbahndepot Williamsburg Bridge liegt seit Jahrzehnten brach. Die Inszenierung des unwirtlichen Areals als Park stellt die gängige Idee eines solchen Raums auf den Kopf. Schüsselförmige Solarkollektoren sollen an der Erdoberfläche Sonnenlicht sammeln, das über Glasfaserkabel zu den Pflanzen unter der Erde geleitet wird, sodass die Fotosynthese auch unterirdisch stattfinden kann. Wind, Regen, Sonne, Jahreszeiten, Tag und Nacht bestehen in diesem Park 2.0 nicht mehr, dafür bietet er ganzjährig Schutz vor Witterung. Ob sich das Konzept Untergrundpark als Lösung für die Millionenstädte dieser Welt als alternative Landschaftsform durchsetzen kann, ob ein inszenierter Park einem echten gleichkommen kann, bleibt abzuwarten. Mit der Eröffnung des Lowline-Parks 2018 beginnt jedenfalls die Neuinterpretation eines elementaren, städtischen Freiraums.

 

Auch die Gestaltung konventioneller, überirdischer Parkanlagen könnte zu kontroversen Diskussionen führen, wenn die Planer vom herkömmlichen Stil abweichen, wie das im Fall Superkilen in Kopenhagen zu beobachten war. Für elf Millionen US-Dollar wurde 2011 auf 30.000 Quadratmetern eine neue Parkform etabliert, die sich selbst in Szene setzt. Als Treffpunkt, Sport- und Spielplatz, Park, städtebauliches Highlight und buntes Wagnis steht der symbolträchtige Landschaftspark vor allem für eins: Weltoffenheit. Denn auf dem schwarzen Platz, dem roten Platz und im grünen Park werden insgesamt 60 verschiedene Nationen anhand von verschiedensten Gestaltungselementen dargestellt: von Trainingsgeräten des Muscle Beach in Los Angeles über eine lateinamerikanische Telefonzelle bis hin zu Palmen aus China und Leuchtreklamen aus Katar und Russland spiegelt der Park die Herkünfte der Bevölkerung des angrenzenden, dicht besiedelten, multikulturellen und -ethnischen Stadtteils wider. Die unkonventionelle Ausstattung des von Topotek 1, BIG und Superflex gestalteten Parks ist partizipativ entstanden, um die spätere Nutzung und Identifikation mit dem Ort zu fördern. Zugleich löst es auch die starren, immer gleichen Anforderungen an den öffentlichen Raum auf. Der nach den Wünschen der Bevölkerung gestaltete Raum repräsentiert nicht nur die Kulturen des Stadtteils, er inszeniert auch ein Stück Heimat.




Spürbare Landschaft

 

Welchen Einfluss landschaftliche Gestaltung haben kann, zeigt auch das derzeit in Norwegen entstehende Denkmal „Memory Wound“, das an den Amoklauf im Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya erinnern soll, bei dem insgesamt 77 Menschen ihr Leben verloren haben. Jonas Dahlberg, Architekt und Künstler aus Schweden, hatte die Idee, in die Landzunge Sørbråten, deren Spitze auf die eineinhalb Kilometer entfernte Insel Utøya zeigt, eine dreieinhalb Meter breite Schneise bis unter die Wasseroberfläche zu schneiden, an deren Innenseite die Namen der Opfer eingraviert sind. Die Namen sind vom Festland aus zwar lesbar, können aber nicht berührt werden. Die Inszenierung beginnt für den Besucher bereits mit einem kontemplativen Spaziergang durch den Wald, der in einen kurzen Tunnel mündet, von dem aus die Besucher in das Innere der Landschaft bis zum dramatischen Schnitt geführt werden. Hier ist die Unerreichbarkeit derer, die ihr Leben gelassen haben und deren Namen auf der anderen Seite zu lesen sind, räumlich spürbar. Der tiefe Schnitt in der Landschaft soll das Trauma und Verlustgefühl in Erinnerung rufen und physisch erfahrbar machen. Als radikal und mutig lobte die Jury den gesamten Entwurf, der eindrücklich in Form einer landschaftlichen Wunde, die der Betrachter interpretieren und nachempfinden kann, unsere Verbindung zum Raum darstellt.

Die Gestaltung und Inszenierung öffentlicher Räume ist eine Form von Kommunikation – Codierung und Decodierung. Die vorgestellten Projekte geben Impulse, irritieren und inspirieren. Sie stärken den öffentlichen Raum, die eigene Verortung in und die Identifikation mit ihm. Mit spielerischen Mitteln, einem Augenzwinkern, als Innovation, Hingucker oder leichtes Aufrütteln schaffen sie Aufmerksamkeit und fokussieren die Wahrnehmung des Betrachters auf die Frage, wie die Freiräume aussehen sollen, die uns umgeben.




 

 

Bettina Krause studierte Landschaftsarchitektur in Hannover und lebt seit 2006 in Berlin. Dort arbeitete sie für verschiedene Agenturen und Architekturbüros bis sie sich als freie Journalistin für raumbezogene Themen selbständig machte. Seit zehn Jahren schreibt sie für Formate wie Baunetz, Deutsche Bauzeitung, Detail, Domus, Garten und Landschaft, Home, Plot, Stadtaspekte, Modulør und andere.

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