Nº 264

Discourse

Wanted: Hybrid Designers

Im September vergangenen Jahres lud Braun 250 Gäste in seinen Hauptsitz nach Kronberg zur neunzehnten Verleihung des Braun Prize ein, der alle drei Jahre stattfindet und 1968 als Deutschlands erster internationaler Produktdesignwettbewerb gegründet wurde. Teilnehmen können junge Industriedesigner unter 35 Jahren, die entweder an einer Designhochschule eingeschrieben sind oder noch nicht länger als zwei Jahre im Berufsleben stehen.

 

 

1968 wurde der Braun Prize primär als ein Wettbewerb für Produktdesigner gegründet – die Konzepte reichten damals von einem Baukran bis hin zu einer Diesellok –, 47 Jahre später scheint das immer noch so zu sein. Einen feinen Unterschied gibt es seit 2015 allerdings doch: die Einführung des Wortes „virtuell“ in die Gestaltungsvorgaben. Wie auf der Webseite beschrieben, war es das Ziel „etwas zu entwerfen, das die Lebensqualität unseres Lebens und der Welt positiv beeinflusst: einfach oder komplex, groß oder klein, physisch oder virtuell“. Die Einführung des Wortes „virtuell“ eröffnet hierbei neue Möglichkeiten, Konzepte zu entwickeln, die über physische Produkte hinausgehen und interaktive Erfahrungen und Dienstleistungen miteinbeziehen.




Diese Erweiterung des Bereichs vermittelt ein gutes Bild von den Veränderungen, die wir bereits in den vergangenen 20 Jahren beobachten konnten, angesichts des massiven Einflusses von Technologie auf unser Leben und der Tatsache, dass diese so oft in die uns umgebenden Produkte integriert ist. Die Inklusion interaktiver Erfahrungen im vergangenen Jahr führte zu meiner Einladung als externes Jurymitglied. Obwohl ich ursprünglich (in den späten 1980er-Jahren) als Produktdesignerin ausgebildet worden war, kehrte ich einige Jahre später an die Universität zurück, um die Gestaltung von Softwareprogrammen zu erlernen. Als Produktdesignerin bemerkte ich, dass beinah alle Produkte, die ich entwickeln sollte, einen Bildschirm erforderten, was es unmöglich machte, ein Produkt zu entwerfen, ohne zu verstehen, was auf dem Bildschirm passierte. Wenn man sich durch das Onlinearchiv der Braun Prize-Gewinner seit 1968 klickt, dann werden Produkte, die einen Bildschirm haben, in den seltensten Fällen durch mehr als ein Foto des Produkts mit einem statischen Text auf dem Bildschirm dargestellt.

Aus diesem Grund waren die Einreichungen, die sich mit interaktiven Erfahrungen und Produkterlebnissen auseinandergesetzt haben, eine willkommene Abwechslung. Um mehr Produktdesigner zu ermutigen, ihren Ansatz zu erweitern, bevor sie ihre Einreichungen für den Braun Prize 2018 tätigen und um mehr Interaktions- und Service Designer zur Teilnahme zu bewegen, werde ich im Folgenden fünf Themen erläutern, die den Ansatz zur Entwicklung von technologischen Lösungen in der Zukunft hervorheben. Zudem können auf diese Weise die Einreichungen des Braun Prize des vergangenen Jahres analysiert werden, die die Effektivität dieser neuen Art und Weise zu denken veranschaulichen.

 

Von Produkten zu Dienstleistungen

 

Seit Jahren schon verändern sich Designkonzepte von eigenständigen Produkten hin zu ganzen Produkt- und Dienstleistungserfahrungen. Produkte sind nur noch einer von vielen Berührungspunkten in einem größeren Ökosystem. Die Art und Weise, wie wir mit dieser Dienstleistung interagieren, wechselt ständig. Das kann über einen Bildschirm passieren, mit einem Anruf in einem Callcenter oder von Angesicht zu Angesicht im Einzelhandel. Es ist notwendig, dass Designer über das System und nicht die Produkte nachdenken sowie über den Weg des Verbrauchers zwischen den verschiedenen Berührungspunkten über einen längeren Zeitraum hinweg. Um erfolgreich zu sein, müssen Designer an Produkte, Dienstleistungen und das gesamte System denken.




 

 

Das beste Beispiel für so einen ganzheitlichen Dienstleistungsansatz war 2015 das Projekt „The Urban Yield“, das von einer Gruppe junger Designer der Queensland University of Technology in Brisbane, Australien, eingereicht wurde. Die Dienstleistung verbindet ein Netzwerk von Landwirten und Community-Gärtnern mit lokalen Cafés und Restaurants, um auf diese Weise ein umweltbewusstes und gemeinschaftsorientiertes Food Mobility-Netzwerk zu schaffen. Die Designer haben ein Lastenfahrrad entworfen, das die frischen Produkte abholt und in der Stadt ausliefert. Durch die Bereitstellung einer mobilen Infrastruktur in Form von spezialisierten Lastenfahrrädern fördert das System urbane Landwirtschaft und soll Menschen ermutigen, sich in der Gemeinschaft der lokalen Lebensmittelproduktion und -verteilung zu engagieren.

Sie entwickelten außerdem eine App, die es Erzeugern ermöglicht, Kuriere über Abholungsorte zu informieren und Angaben zu Lebensmitteltyp und Gewicht zu machen. Zusätzlich erlaubt die App den Erzeugern, einen Überblick über ihre Abholungen zu behalten; ein integriertes Navigationssystem hilft Kurieren beim Finden des Erzeugerstandorts. Nicht zuletzt kann ein Café oder Restaurant frische Ware über die App bestellen und mit ihrer Hilfe Lieferung und Bezahlung im Blick behalten.

Obwohl es sich hier an sich nicht um ein einzigartiges Konzept handelt, zeigt es doch die Berücksichtigung aller Details für jeden Aspekt der Lösung durch die Designer: von der Gestaltung des Fahrrads über die App bis hin zum Dienstleistungserlebnis und der Markenbildung. Dienstleistungen, die sich hervortun, sind typischerweise konsistent, angenehm im Gebrauch und einzigartig.

 

Von Designspezialisierungen zu -hybriden

 

Über viele Jahre hinweg wurden traditionelle Disziplinen wie Architektur, Grafik-, Industrie- und Modedesign streng getrennt unterrichtet und kaum vermischt. Hatte man sich für eine Disziplin entschieden, kam man selten mit einer anderen in Berührung. Ein Produktdesigner beispielsweise lernte, wie man physische Produkte entwirft, aber selten, in welchem Verhältnis dieses physische Produkt zu dem Erlebnis am Bildschirm steht. Da immer mehr Produkte entstehen, die auf digitalen Technologien basieren, entstehen auch immer neue Designdisziplinen wie Interaktions- oder Service Design. Designer betreten mit dieser neuen Art zu arbeiten einen Arbeitsmarkt, auf dem sie mehr kollaborieren und weniger an ihre eigene Kerndisziplin gebunden sind. In multidisziplinären Teams werden sie mit neuen Werkzeugen, Techniken und Ansätzen anderer Disziplinen konfrontiert. Diese sogenannten „Hybriddesigner“ arbeiten über viele verschiedene Designdisziplinen hinweg und passen sich unterschiedlichen Problemstellungen flexibel an.




Mats Lönngren, „Konzept-“ und Industriedesigner gleichermaßen, der mit dem Gold Award in der Kategorie Professionals and Enthusiasts ausgezeichnet wurde, verkörpert diese neue Art zu arbeiten. Lönngrens Athi X1 Connected Life Jacket ist schon an sich ein schönes und elegantes Produkt, aber seine integrierte Konnektivität geht über pure Ästhetik hinaus. In der Schwimmweste befindet sich ein mittels Induktion geladenes, kabelloses Modul, das von der Weste vollständig wasserdicht umschlossen wird. Wenn jemand über Bord geht, bläst sich die Schwimmweste automatisch auf und erstellt eine Zeit- und Ortsangabe für das Opfer. Diese Daten können dann mithilfe einer mobilen App eingesehen werden, sodass die Position des Opfers in Echtzeit verfolgt werden kann. Die Retter können so direkt sehen, wie lange das Opfer schon im Wasser ist, wie weit sie vom Opfer entfernt sind, erhalten aber auch Angaben zu Wind und Wassertemperatur. Die App gibt zudem deutliche visuelle Anweisungen dazu, wie man jemanden sicher aus dem Wasser rettet; eine klare Informationshierarchie hebt kritische Details während der Rettungsaktion hervor.

Lönngren hat das Produkt entworfen, den Prototypen gebaut und die App gestaltet – eigenständig, ohne fremde Hilfe. Als echter Hybriddesigner hat er die Fähigkeit, weiter als nur das Produkt zu denken. Ich bin überzeugt, dass wir beim nächsten Braun Prize noch viele weitere solcher Ansätze sehen werden.

 

 

Ahti X1 - The connected lifejacket from Mats Lönngren on Vimeo.

 

 

Komplexität steuern

 

Im Design geht es um die Entwicklung kreativer Lösungen, die für Menschen einfach zu verstehen und nutzen sind. Es geht darum, Menschen zu helfen, der Welt einen Sinn zu geben. Designer sind gewissermaßen „Sinn-Geber“. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, alles noch komplexer zu gestalten. Um diesen Punkt noch einmal zu verdeutlichen, betrachten wir ein alltägliches Produkt wie ein Thermostat. Jahrelang haben Menschen damit gekämpft, ihr Thermostat zu programmieren. Anstatt die Bedienung für die Menschen einfacher zu machen, haben Designer weiter kleine Gummiknöpfe entworfen, die eine komplexe Reihe von Funktionen ansteuern – oftmals ganz ohne Bildschirm.

Als das Nest-Thermostat auf den Markt kam, hat es ihn mit seiner Einfachheit und Vernetzung grundlegend verändert. Das Angebot wurde durch die Schaffung eines intuitiven Produkts, das dabei ebenso elegant wie leicht zu bedienen ist, komplett neu erdacht. Am allerwichtigsten aber ist es, dass die Affordanz eines Produkts mit dem Erlebnis auf dem Bildschirm übereinstimmt. Wenn die Form und das Interface harmonieren, können Menschen schneller verstehen, wie ein Produkt funktioniert. Nest kann auch aus der Ferne kontrolliert und überwacht werden, was dem ganzen Erlebnis eine zusätzliche Dimension verleiht.




Fuse - The Smart Consumer Unit from Dan Salisbury on Vimeo.

 

 

Das Thermostat ist dabei nur eines von vielen Produkten aus unserem Alltag, das auch nach vielen Jahren relativ unverändert geblieben ist. Ein weiteres Beispiel ist der Sicherungskasten, der sich oftmals unter der Treppe in einem dunklen Kämmerchen befindet und eigentlich nur benutzt wird, wenn ein Problem auftritt. DCA, eine Designagentur aus Großbritannien, hat sich diesem Thema angenommen und den Sicherungskasten Fuse entwickelt, der den Silver Award in der Kategorie Professionals and Enthusiasts 2015 gewonnen hat.

DCAs Sicherungskasten ist schön und einfach zu verstehen. Funktioniert etwas nicht wie vorgesehen, verändert sich das Gehäuse entsprechend und gibt an, wo sich das Problem befindet. Zudem aktualisiert sich der Bildschirm mit passenden Instruktionen zur Behebung. Mit der App kann man außerdem seinen Energieverbrauch überwachen und hilfreiche Statistiken abrufen, um mehr über den eigenen Energieverbrauch zu lernen. Es handelt sich hierbei nicht nur um eine intelligente Lösung, die in die Richtung eines vernetzten Zuhauses weist, sondern hat auch das Potenzial, das Benutzerverhalten auf Dauer zu beeinflussen, was letztlich der Umwelt zugutekommt.

 

Einfluss nehmen

 

Das bringt uns zum nächsten Thema: Einfluss nehmen. Als Designer haben wir die Verantwortung, sorgfältig darüber nachzudenken, was wir erschaffen und welchen Einfluss diese Entwürfe auf unsere Gesellschaft haben. Das Ausmaß und die Komplexität dieser gesellschaftlichen Probleme erhöht sich immer weiter und das Design wächst mit ihnen.

Viele der in 2015 eingereichten Projekte beschäftigen sich mit großen, komplexen und dringenden Problemstellungen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen: Wasser, Lebensmittel, Energieknappheit und die Verbesserung der Gesundheit. Eines der besten Beispiele für die Einflussnahme ist das Projekt Noah Balloon, Gewinner des Silver Awards in der Kategorie Students. Die Prämisse war einfach: Wie kann Design helfen, Menschen vor und nach einer Naturkatastrophe aus einer Stadt zu evakuieren? Laut der Designer Jong Chan Kim und Daewoong Park kamen 2004 230.000 Menschen durch den Tsunami im Indischen Ozean ums Leben; 2010 starben 316.000 Menschen bei einem Erdbeben auf Haiti. Städte mit hohem Risiko sollen mit mehreren Noah Balloons an Orten ausgestattet werden, die je nach dem Risikofaktor ausgewählt werden. In Erdbebengebieten würden diese in sicherer Entfernung zu Hochhäusern auf großen, offenen Flächen positioniert werden; in tsunamigefährdeten Gebieten hingegen würden die Ballons auf Hochhausdächern platziert. Die Ballons sind so entworfen, dass sie ein Beben erkennen und sich daraufhin automatisch mit Helium füllen und in die Luft schießen. Aus der Ferne gut sichtbar, werden die Ballons so zu markanten visuellen Punkten, die es großen Gruppen von Menschen ermöglichen, sich in einen sicheren Bereich der Stadt zu retten.




Der Entwurf des Noah Balloons ist bemerkenswert: rot, kühn und eindeutig greift er die Form einer Stecknadel auf einer digitalen Karte auf. Es ist ermutigend zu sehen, dass junge Designer sich mit solch großen Themen auseinandersetzen und ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Designer darüber nachdenken, wie ihre Arbeit das Leben der Menschen auf unserem Planeten positiv beeinflussen kann.

 

Technologie um ihrer selbst willen

 

Nicht zuletzt möchte ich über den Einsatz von Technologie sprechen. Viele der Einreichungen aus dem vergangenen Jahr haben Technologie als Antwort auf ein Problem gesehen, das in meinen Augen gar keines ist. Wenn Technologie nur um ihrer selbst willen eingesetzt wird, führt das zu vielschichtigen Problemen. Designer müssen sich im Klaren sein, warum sie Technologie bei einem bestimmten Produkt einsetzen. Sie müssen sich zuerst und vor allem fragen, was das eigentliche Problem ist, das sie zu lösen versuchen, um dann der Frage nachzugehen, ob sie es nicht auch einfacher lösen können. Braucht es dazu überhaupt ein Produkt? Kann das Problem auch mithilfe von Software und einem bereits existierenden Gerät gelöst werden? Wenn man sich diese Fragen zu einem frühen Zeitpunkt im Designprozess stellt, kann die Produktion unnötiger Hightech-Produkte, die nur die Müllberge weiter anwachsen lassen, vermieden werden.

Das alles lässt darauf schließen, dass es nur zeitgemäß von Braun war, den Braun Prize neben physischen auch für virtuelle Lösungen zu öffnen. 2015 gab es insgesamt 2.510 Einreichungen aus 67 Nationen und ich bin überzeugt, dass die Anzahl der Einreichungen beim nächsten Mal noch weiter steigen wird. Trotzdem ist es wichtig, dass wir weiterhin Produktdesigner dazu ermutigen, ihren Ansatz über Produkte hinaus zu erweitern und die Teilnahme von Interaktions- und Service Designern am Wettbewerb zu fördern. Die Einreichungen aus dem vergangenen Jahr waren sehr beeindruckend und der Qualitätsstandard ist weiterhin hoch. Allerdings gibt es immer noch Potenzial, die Qualität, die Reichweite und den Einfluss der Lösungen zu steigern. In diesem Sinne freue ich mich auf die Einreichungen zum Braun Prize 2018.

 

 

 

Heather Martin ist Design-Vizepräsidentin der Design- und Innovationsagentur Smart Design und hat einen Abschluss des Royal College of Art in Interaktionsdesign. Sie hat mehr als 20 Jahre Berufserfahrung und wird als eine der führenden Expertinnen des Interaktionsdesigns geschätzt. Sie hat als Designerin bei Tangerine, Ideo und als Lehrbeauftragte am Interaction Design Institut Ivrea gearbeitet. Sie ist für Kunden aus den Bereichen Transport, Finanzen, Gesundheit, Medien, Telekommunikation, Einzelhandel und Automobile tätig.

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