Nº 270

Editorial

Design

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Aktualität die Historie besitzt oder – aus anderer Perspektive betrachtet – wie viele ungelöste historische Fragen sich in der Aktualität wiederfinden. Weder Moden, innovative Technologien, neue Typologien oder Verkaufsstrategien noch smarte Materialien können darüber hinwegtäuschen, dass uns viele Themen immer noch und immer wieder beschäftigen. Ob die „Jahrhundertdebatte“ zum Funktionalismus, die Stadtplanung oder die Nachhaltigkeit– Angelegenheiten, deren Struktur die Menschen in ihren Grundfesten betreffen, lassen sich offenbar nicht ausschließlich wissenschaftlich-systemisch regeln. Daran vermögen auch politische Systeme jeglicher Couleur wenig zu ändern, weder in der Theorie noch in der Praxis. 

 

Kontext

Südkorea, unser Schwerpunktthema, bildet keine Ausnahme. Dort ist die Präsidentin Geun-Hye Park in einen Korruptionsskandal verwickelt, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Amt kosten wird. Die Kulturministerin Yoon-Sun Cho wurde bereits Ende Januar wegen Amtsmissbrauchs verhaftet, weil sie offenbar eine schwarze Liste systemkritischer Künstler und Kreativer anfertigen ließ, um diese von öffentlicher und privater Förderung auszuschließen. Umso wichtiger ist es, eine eigene Einschätzung vornehmen zu können, sei es geschichtlich, mithilfe aktueller Arbeiten oder im Gespräch mit internationalen Experten, die durch ihre tägliche Arbeit einen Einblick in die südkoreanische Arbeitswelt geben können. An dieser Stelle möchten wir uns auch sehr herzlich bei Na-Ri Lim and Hae-Mi Woo vom Team Post Seoul für ihre Unterstützung bedanken. Entgegen individueller Präferenzen, haben wir uns für eine einheitliche Schreibweise der koreanischen Namen entschieden. Wir bitten dafür um Verständnis. 

 

Situation 

Bei alledem ignorieren wir die unerträglichen Machenschaften des Donald Trump nicht. Den 45. Präsidenten der USA aber lediglich als temperamentvollen Charakterschwächling abzutun, wie uns das derzeit vorrangig konservative Erklärer weismachen wollen, ist dabei wenig hilfreich. Trump-Kritiker wie der Republikaner Eliot A. Cohen, immerhin ein vehementer Verfechter des Irakkriegs 2003, lenken damit nur von der inhaltlichen Agenda Trumps ab. Tatsächlich erleben wir derzeit – auf Kosten großer Teile der (Welt-)Bevölkerung – eine Stabilisierung der Systeme Wirtschaft, Politik und Medien. Das, worin sich Trumps Amtsantritt von dem seiner Vorgänger unterscheidet, ist, dass mehr Protagonisten des „Establishments“ als sonst ausgetauscht werden. Dabei gibt es jede Menge Profiteure, auch wenn die sich noch so gern als Kritiker gerieren mögen. Es könnte beispielsweise Twitter doch nichts Besseres widerfahren als ein Präsident, der ob seiner tiefen Aversion gegen kritische Journalisten diese beschimpft, belügt und ignoriert – und der auf deren empörte Reaktionen einfach nur pfeift.

Wir, die Mitarbeiter von Verlag und Redaktion, wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre, auf dass wir alle nicht den Mut und vor allem nicht den Überblick verlieren mögen.

 

Stephan Ott, Chefredakteur

Sie finden die Beiträge in


Nº 270. South Korea
März/Apr 2017

Online lesen
Magazin bestellen