Nº 270
Focus:

Graphic Seoul

Text: Sul-Ki Choi, Sung-Min Choi

Übersetzung: Jessica Sicking

Sul-Ki Choi und Sung-Min Choi betreiben in Seoul das Grafikdesignstudio Sulki und Min, mit dem sie sich vor allem auf kulturelle Institutionen spezialisiert haben. Ihr Portfolio umfasst unter anderem Corporate Identities, Publikationen und Werbemittel für Museen, Galerien, Verlage, Stiftungen und Künstler.

Beide Designer absolvierten ihr Studium sowohl in Südkorea als auch in den USA und lehren heute selbst Grafikdesign und Typografie an der Kaywon School of Art and Design beziehungsweise an der University of Seoul. Für uns haben sie einen Überblick über die Grafikszene Südkoreas zusammengestellt. Zudem geben ihre Kommentare Aufschluss über die Relevanz und Besonderheiten sowohl der etablierten als auch der aufstrebenden Gestalter und Studios.

 

Zwischen seinen größeren Nachbarn wird Südkorea häufig lediglich als eine weitere asiatische Kultur angesehen, trotz des Stolzes der Einwohner auf ihre nationale Identität, die sich besonders in ihrem (entworfenen) Alphabet Hangul widerspiegelt. Hierbei handelt es sich um das beständige, ernsthafte Anliegen, ein modernes südkoreanisches Grafikdesign zu entwickeln: ein Bemühen um die eigene Identität innerhalb einer Profession, die auf Ideen ausländischer Kulturen basiert (denn im Koreanischen gibt es kein Wort für „Design“) und als ein ökonomisches Werkzeug für ein sich schnell entwickelndes Land angepriesen wurde. Die Hangul-Typografie von Sang-Soo Ahn aus den 1980er-Jahren gab eine radikale Antwort auf diese Fragestellung: eine Rekonstruktion – und keine einfache Anwendung – von modernen Designprinzipien im koreanischen Kontext. In den meisten Fällen waren Designer allerdings nur damit beschäftigt, die boomende Wirtschaft zu nutzen, um Designunternehmen zu gründen.

Mitte der 2000er-Jahre kam es dann jedoch zum Bruch, als sich einige junge Designer entschieden, lieber selbstständig zu arbeiten. Diese neuen Unternehmer – uns und die Designer, die im Folgenden vorgestellt werden, eingeschlossen – bringen häufig ihre eigenen, persönlichen Interessen in ihre Arbeit ein und stellen damit den Begriff des Designers als untergeordneten Experten in Frage. Einige begannen, Bücher und Magazine zu veröffentlichen, während andere Arbeiten für Ausstellungen entwickelten. Die Grenzen zwischen Design und anderen Disziplinen verschwammen immer mehr: Als Designer konnte man nun auch Künstler, Verleger, Autor oder alles zugleich sein. Grafikdesign machte wieder Spaß.

Das ist natürlich keine einzigartige Geschichte. All das muss den europäischen oder nordamerikanischen Lesern unter Ihnen bekannt vorkommen. Aber verglichen mit anderen asiatischen Kulturen, ist es vielleicht doch keine so geläufige Geschichte. Und es war definitiv keine zu erwartende Entwicklung in einem von Konzernen dominierten Südkorea, nicht in der Folgezeit der geplatzten Dotcom-Blase. Kein Wunder also, dass viele Menschen an einen kurzlebigen Trend glaubten.

Diese Struktur ist allerdings erhalten geblieben, auch während einer Zeit, in der die gesamte südkoreanische Designindustrie unter einem langsamen Wachstum litt. Neue Studios wurden gegründet (einige von Studierenden), neue Inspirationsquellen gefunden (zumeist im Internet und seltener in den gerne mystifizierten „Traditionen“) sowie neue Ausdrucksmöglichkeiten für die entstandenen Arbeiten erschlossen (wie der kleine, aber doch lebhafte und unabhängige Verlagsmarkt, der durch die erfolgreiche Seouler Kunstbuchmesse Unlimited Edition repräsentiert wird). Diese Entwicklung machte auch die Frage nach einer kulturellen Identität immer irrelevanter für viele Designer, die bereits genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Interessen zu sondieren.

Die folgende Auswahl an Arbeiten –, die in keiner Weise einen Anspruch auf eine umfassende Darstellung erheben, sondern schlicht einen kleinen Ausblick auf eine sehr mannigfaltige Szene darstellen – bekundet die Lebendigkeit und die Fülle dieser Erkundungen. Es interessiert uns nicht, ob sie „ausreichend südkoreanisch“ sind – haben Sie sich jemals gefragt, ob Ihre Arbeiten beispielsweise deutsch genug sind? Bedeutsam sind sie allemal – und wunderschön – auf eine Art und Weise, die spezifisch ist für diese Kultur und Gesellschaft. Das sollte als Kriterium für eine Darstellung südkoreanischen Grafikdesigns genügen.

Folgende Grafikdesignstudios aus Seoul stellen wir Ihnen in form 270 vor: Na Kim, Sunny Studio, Dong-Shin Kim, Byung-Rok Chae, Workroom and Workroom Press, Jae-Min Lee, Studio Hik, Sung Kim und Kijo Kimm.

 

Ahngraphics Typography Lab

agfont.com

1985 von dem Grafikdesigner und Typografen Sang-Soo Ahn gegründet, zählt Ahn Graphics zu den einflussreichsten Studios in Südkorea. Jüngst leistete das Ahngraphics Typography Lab – das Research und Development-Team des Unternehmens, das 2012 ins Leben gerufen wurde – mit seinen historischen Typeface-Projekten einen interessanten Beitrag. Während die Neubelebung von Geschichte und Traditionen immer ein Teil der westlichen Typografie war, ist sie in Südkorea noch immer ein neues Phänomen, da dort aufgrund der relativ kurzen Historie des modernen Drucks viele Dinge von Grund auf neu entwickelt werden mussten.

 

Min-Kee Bae

baeminkee.com

Intellektuelle Anfragen und formale Experimente gehen in Min-Kee Baes Arbeiten Hand in Hand. Er promovierte mit einer Studie zur Visualisierung von Informationen. Seine Arbeiten sind, wenn auch in ihrer visuellen und verbalen Form sehr durchdacht und präzise, keinesfalls trockene Wissenschaft, sondern voll ironischem Witz und überraschender Details. Die Poster und die Ausstellung „Put Up and Remove“ [Aufstellen und Entfernen] sind ein Paradebeispiel hierfür und zeigen, basierend auf Informationen aus dem Internet, wie man Poster aufhängt und Sticker von einem Poster entfernt. 

 

Everyday Practice

everyday-practice.com

Obwohl sie sich bereits in unterschiedlichen Projekten engagiert haben, scheinen die Arbeiten von Everyday Practice am stärksten – und unverwechselbar – zu sein, wenn es um soziale oder politische Themen geht. Obwohl kleinformatige, kunsthandwerkliche Designstudios dazu neigen, eigenständig und nach innen gekehrt zu arbeiten, haben die drei Partner von Everyday Practice (Joon-Ho Kwon, Kyung-Chul Kim und Eo-Jin Kim) keine Angst davor, sich an die Community zu wenden, um im Leben der Menschen etwas zu bewegen. 

 

Eun-Joo Hong und Hyung-Jae Kim

keruluke.com

In den vergangenen Jahren zählten Eun-Joo Hong und Hyung-Joa Kim zu den produktivsten Designern in Südkorea und entwickelten visuelle Identitäten, Werbematerialien und Publikationen für große Kunstinstitutionen und neu gegründete Ausstellungsräume sowie die Publikation des wichtigen Kulturmagazins Domino. Ihr spielerischer und praktischer Ansatz wird besonders auf den von ihnen gestalteten Webseiten deutlich – mit konzeptionellem Einfallsreichtum, jedoch ohne jedes Übermaß an (aal-)glattem Klimbim.

 

Jin und Park

jinandpark.com

Das sowohl im Grafikdesign als auch in der Kunst tätige Duo Dal-Lae Jin und Wook-Hyuk Park präsentiert eine scheinbar fließende Integration dieser beiden Disziplinen. Ihre einfachen und suggestiven Formen lassen sich zusammen mit einem gewissen Humor über alle Medien hinweg wiederfinden: von visuellen Identitäten, Druckprodukten und Publikationen bis hin zu Installationen und Performances. Wir haben Jin und Park bereits in form 267 vorgestellt.

 

Waterain

waterain.kr

Waterain ist ein Zusammenschluss des Autors Jong-Sori Kim und des Grafikdesigners Eun-Jeong Hwang. „Aus den Inspirationen des Materiellen machen wir etwas Nichtmaterielles und geben es dann dem Materiellen zurück.“ Ungeachtet dieses etwas kryptischen Mottos, entstanden ihre Arbeiten aus einer Notwendigkeit heraus: dem Bedürfnis, für südkoreanischer Künstler unabhängige Events und Treffpunkte zu organisieren und diesen einen konkreten – materiellen – Ausdruck zu verleihen. The Scrap, eine innovative Fotokunstmesse ist ein aktuelles Beispiel dafür und war im vergangenen Jahr ein großer Erfolg – auch dank der effektiven Markenbildung von Waterain.

 

OYE

o-y-e.kr

Mit der Risografie ist in den späten 2000er- und frühen 2010er-Jahren ein mittlerweile bedeutender Bestandteil der unabhängigen Verleger- und Zine-Kultur in Südkorea angekommen. Druckereien beziehungsweise Designstudios Green Greem, Busan und Corners, Seoul leisten hier einen wichtigen Beitrag. Hezin O oder OYE – ein häufiger Partner von Corners – geht der Materialität des digitalen Schablonendruckprozesses mitsamt seinen Unzulänglichkeiten auf den Grund. Ihre Kenntnisse über die Anwendung von grafischen Illustrationen aus vergangenen Epochen fördert die Wahrnehmung der Risografie in Südkorea, die manchmal auch als Retrodruck bezeichnet wird.

 

Practice

we-practice.com

Während viele zeitgenössische Grafikdesigner versuchen, ihre Grenzen zu erweitern, ist Yoon-Seok Yoos Studio viel mehr daran interessiert, an den traditionellen Rollen der Disziplin festzuhalten. Das Team arbeitet mit verschiedenen Kunden zusammen und beschränkt sich dabei keinesfalls nur auf kulturelle Institutionen. Neben den durchgängig einfachen und mutigen Lösungen, zeigen ihre Arbeiten die Vorzüge eines kollaborativen Ansatzes, der nicht von einem Auftraggeber dominiert wird, sondern auch die individuellen Talente der jeweiligen Mitarbeiter miteinbezieht (derzeit Ji-Yeon Yoo, Hong Kim und Won-U Lim).

 

Shin Shin

okhyeok.egloos.com

Dong-Hyeok Shin und Hae-Ok Shin sind ein Spin-off des Typography Workshop, einer studentischen, autodidaktischen Gruppe an der Dankook University aus den späten 2000er-Jahren. Hinsichtlich des Designs und der Designgeschichte, entwickeln Shin Shin mit einem Otaku-Level an Wissen [Anmerkung der Redaktion: Otaku ist ein japanischer Begriff für Menschen mit obsessiven Interessen] Arbeiten mit starken Ideen und einer fast zwanghaften Liebe zum Detail. Mit ihren visuellen Ausdrucksformen für Künstler, Labels und Programmen haben sie außerdem entscheidend zur Entwicklung der experimentellen Musikszene in Südkorea beigetragen.

 

Shrimp Chung

cargocollective.com/shrimpchung

Die, eigenen Aussagen zufolge, bildschirmorientierte Designerin Shrimp gestaltet Poster für Musikevents und Partys, bei denen sie nicht selten auch selbst auflegt. Mehr noch als in gedruckter Form, sind die Poster als animierte GIFs bekannt, die in sozialen Medien zirkulieren. Der Einfluss ihrer Arbeiten beschränkt sich aber keinesfalls nur auf das Internet. Als lautstarke Feministin hat Shrimp Chung Unterlagen für Wohltätigkeitsveranstaltung und Partys entwickelt und zusammen mit Hye-Mi Yu und Vakki Park außerdem „Jabchunda“ gestaltet, eine Ausstellung, die sich mit Design und geschlechterrelevanten Themen beschäftigt.

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Nº 270. South Korea
März/Apr 2017

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