Nº 272

Editorial

Design

Wer den jüngsten Tatort aus München „Die Liebe, ein seltsames Spiel“ gesehen hat, konnte Zeuge eines Schauspiels der besonderen Art werden. Da setzen sich ab Minute 36:45 die Ermittler Batic und Leitmayr im Büro eines Architekten in den Sessel Chaos (2001) von Konstantin Grcic. Das ist nicht weiter verwunderlich, ist das Büro im wirklichen Leben doch der Unternehmenssitz von Classicon, dem Hersteller von Chaos also. Bemerkenswerter als die subtile Produktplatzierung ist in dieser Szene vielmehr die gekonnt inszenierte Besitzergreifung beziehungsweise Sitzbegreifung des Sessels: Es vergeht kaum eine Sekunde, in der nicht einer der beiden Ermittler auf der Sitzfläche von der hinteren auf die vordere Kante und wieder zurück rutscht, hin und her wippt, das Gleichgewicht sucht und dabei die Lehne umgreift. „Ich wollte mit der Konvention des korrekten formalen Sitzens brechen“, schreibt Grcic zu seinem Entwurf. „Der Sessel verhindert, dass dem Sitzenden eine bestimmte Körperhaltung aufgezwungen wird. Stattdessen erlaubt er uns, was wir sowieso tun: uns setzen, herumzappeln, uns umdrehen, das Gewicht verlagern.“ Wenn es die gestalteten Dinge also gut mit uns meinen, gewähren sie uns ein intuitives Verhalten und fordern dies sogar ein. Auch wenn uns diese Forderung mitunter überfordern mag – Ermöglichung ist und bleibt eine essenzielle Aufgabe von Design. Dabei ist es einerlei, ob uns die Dinge im Rahmen eines Architekturexperiments, in einem Naturkundemuseum oder mithilfe von Materialexperimenten anwehen.

 

Kontext

Für die Strukturierung unserer Welt spielt nicht nur unsere Intuition eine große Rolle, sondern auch die (Wieder-)Erkennung von Mustern, etwa beim Dating oder in Visualisierungen. In unserem Schwerpunkt gehen wir der Besonderheit von Mustern auf den Grund, beschäftigen uns mit dem Sinn und Zweck von Mustersammlungen, fragen, warum sich Menschen für Fertighäuser entscheiden und stellen Projekte vor, die zeigen, welche unterschiedlichen Funktionen Muster neben dem Strukturieren noch übernehmen können.

 

Situation 

Auch aus aktuellem Anlass haben wir den vierten Teil unserer Jubiläumsreihe der europäischen Idee gewidmet. Diese – respektive die EU als ihre politische und mitunter bürokratische Verkörperung – ist seit geraumer Zeit von innen wie von außen erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Andere Alternativen als rückwärtsgewandte, nationalstaatliche Alleingänge auf Kosten wirtschaftlich benachteiligter Regionen à la „Make America Great Again“ oder „Let’s Take Back Control“ sind aber von den Kritikern nicht zu vernehmen. Wäre es also nicht für das Design höchste Zeit, Partei zu ergreifen? Allein schon, um den Kleingeistern und Ewiggestrigen, die übrigens längst parteiisch sind, diskussions- und streitbereit gegenüberzutreten?

Last but not least: Ein Umzug steht an. Wir bleiben der Stadt natürlich treu, wechseln lediglich den Stadtteil. Ab Juli 2017 befindet sich das form-Domizil in Frankfurt-Bockenheim. 

 

Stephan Ott, Chefredakteur

 

 

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Nº 272. Muster
Jul/Aug 2017

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