Nº 272
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Documenta 14

Text: Carolin Blöink

Adam Szymczyk, ehemals Direktor der Kunsthalle Basel, ist künstlerischer Leiter der Documenta 14 (D 14). Er initiierte die erstmalige Doppelstruktur der Documenta, die 2017 Athen als zweiten Schauplatz einführt und damit Kassel und die griechische Hauptstadt zu gleichberechtigten Ausstellungsorten macht. 

Am 8. April 2017 eröffnete das Kunstevent in Athen und setzt seit dem 10. Juni 2017 unter dem Motto „Von Athen lernen“ sein Programm in Kassel fort. Das 15-köpfige Team um Szymczyk entschied sich für eine visuelle Identität der D 14, die mit der Zeit und in Reaktion auf den Fortgang des Projekts einen Prozess durchlaufen sollte, weshalb gleich vier Designbüros in diesen involviert waren. Julia Born und Laurenz Brunner entwickelten die Webseite, während Mevis und Van Deursen die vier Sonderausgaben des in Athen gegründeten South Magazine zur Einstimmung auf den Beginn der D 14 layouteten. Wir haben von den Gestaltern Vier 5 und Ludovic Balland erfahren, welche Rolle sie hierbei übernommen haben; zudem hat uns die Stuttgarter Agentur L2M3 berichtet, welche Konzeption sich hinter dem Redesign des Documenta-Archivs, das parallel erfolgte, verbirgt.

 

L2M3 über das Documenta-Archiv

l2m3.com

documenta-archiv.de

 

„Das Logo besteht aus einer neuartigen Ligatur der Kleinbuchstaben ‚d‘ und ‚a‘; eine eigenständige Glyphe, die die Form beider Buchstaben enthält und so die Initialen des Documenta-Archivs zu einem prägnanten Zeichen verbindet. Formal greift dies die visuelle Sprache früherer Documenta-Schauen auf, die sich unter anderem durch geometrisch konstruierte Typografie auszeichnet. Das Logo ist als Glyphe in die von uns entwickelte Hausschrift eingebettet.

 

Gestaltungsansatz für diese Schrift ist das Prinzip der geometrischen Konstruktion von Buchstaben mit nur minimalen Eingriffen in die Kurvenführung zum optischen Ausgleich. Ihr auffälligstes Merkmal sind die ungewohnt großen Unter- und Oberlängen bei einzelnen Zeichen – ein Zitat der grafischen Sprache, wie sie in den Logos der Documenta 1 und 2 vorkommt.

Kreisförmige, stark geschlossene Rundungen, gleichmäßige Strichstärken sowie horizontale und vertikale Linienabschlüsse schaffen eine neuartige Anmutung und behalten gleichzeitig den Charme der Typografie der 1950er- und 1960er-Jahre bei. Unkonventionelle Winkel und unterschiedliche Breiten der Großbuchstaben machen das Schriftbild rhythmisch. Die Unter- und Oberlängen erzeugen Charakter, mit alternativen Glyphen kann die Displaygröße variantenreich typografiert werden. Neben dem bereits bestehenden Book-Schnitt sind im weiteren Ausbau Light- und Bold-Schnitte sowie zugehörige Kursive geplant. 

 

Die wichtigsten Aufgaben eines Archivs sind das Ordnen und Aufbewahren. Große Mengen von Inhalten sind meist in Schachteln, Mappen oder Schubladen gestapelt. Auch in der vorliegenden Gestaltungslogik gibt es zwei Prinzipien: Ordnen und Schichten. Informationen, Titel, Daten und Adressen werden unabhängig von ihrem Format in einem Infoblock in der Kopfzeile eingeordnet. Flächen und Bilder werden als Stapel geschichtet, woraus sich die Gestaltungsregeln für die Printmedien und die Webseite ableiten.“

 

Ludovic Balland über die Documenta 14

ludovic-balland.com

 

„Adam Szymczyk hatte sich entschieden, vier Büros für den visuellen Auftritt der D 14 anzufragen. Ich konnte den Reader, etwas später das Public Paper – eine Veranstaltungsübersicht, die alle zwei Wochen erscheint – und wie alle anderen Büros auch, ein Plakat gestalten.

 

Der Reader war eine komplexe Aufgabe, da er hauptsächlich Text beinhaltet. Nach einer ersten Besprechung wurde klar, dass die Herausgeber Quinn Latimer und Adam Szymczyk sich für den Reader eine radikale Umsetzung ohne Bilder wünschten. Radikal fand ich interessant. Also suchten wir nach Möglichkeiten, wie ein solch umfangreiches Buch eine gewisse Zugänglichkeit beibehalten kann. 700 Seiten reiner Text sind eine echte Herausforderung. Das Verbinden der diversen Textarten – Interviews, Essays, Literatur, Gedichte und Historisches – bildete den Fokus des Entwurfsprozesses; der Leser sollte durch das Buch ‚spazieren‘ können. Würden wir ein Buch mit einem Haus vergleichen, wäre dieses Buch aus architektonischer Sicht ein gemischtes Programm in einem öffentlichen Gebäude. Den Aufenthalt in den verschiedenen Räumen wollten wir dem Leser möglichst angenehm machen. Wir entwarfen eine separate Zone oberhalb jedes Textes, um eine unabhängige Erzählebene zu gestalten, welche Raum schafft, um Fragmente des darunterliegenden Textes hervorzuheben. Diese Zone könnte man auch mit der Funktion eines Vorraums vergleichen. Die Hauptidee war es, den Leser damit in das Buch hineinzuführen.

 

Der andere wichtige Gestaltungsansatz war, eine Serie von Büchern zu gestalten, jeweils ein Buch pro Sprache, die als Objekte die gleiche Dicke haben. Im Verhältnis ist die Textlänge des Griechischen anderthalb Mal so lang wie der englische Text. Das heißt, mit einem Layout von 500 Seiten in Englisch hätten wir 750 Seiten im Griechischen. Das war undenkbar. Deshalb machte ich es mir zur Aufgabe, dass alle unterschiedlichen Textlängen den gleichen Umfang haben sollten. Wir entwarfen deshalb zwei unterschiedliche Satzspiegel für die beiden Arten von Haupttext – Essays und Literatur. Beide Satzspiegel können je nach Textlänge in die Breite oder in die Höhe wachsen. Es gibt also eine vertikale und eine horizontale Ausbreitung. Dieses sehr einfache Satzkonzept ermöglichte es uns, alle drei Sprachen gleich zu behandeln, das heißt, auf jeder Seite genau gleich aufhören zu können, ohne die Schriftgröße zu verändern. Neben den zwei unterschiedlichen Satzspiegeln für Literatur und Essays, benutzen wir zusätzlich zwei verschiedene Schriften. Die Serifenschrift Stanley für Literatur und Gedichte und die serifenlose Schrift Next für die Essays. 

 

Wir beschlossen, die geplante einführende Zone oberhalb jedes Textes auf einer ganzen Seite zu platzieren. Diese Seiten mit einzelnen Textteilen aus dem jeweils danebenstehenden Text, sollen eine Art Fenster zum Hof bilden. Diese wurden einzeln gesetzt und versuchen wie konkrete Poesie, einen visuellen Satz zu formen. Wörter werden wie gesprochene Sprache in den Raum gesetzt. Diese kleinen Sprachpausen oder Freiräume rhythmisieren das Buch und machen die Geschichte erlebbarer.

 

Erfreulicherweise wurden schließlich doch noch Bilder eingeplant. Diese Bilder wurden, unabhängig von Kapiteln, zwischen die Texte gesetzt, wobei sie jeweils inhaltlich auf die davor- und danebenliegenden Texte Bezug nehmen. Die Bilder sind eigenständig auf der Seite platziert – links randabfallend oder im Bund, immer unten an der Seite positioniert. Durch die Transparenz des Papiers wirken die Bilder in ihrem Layout, als kämen sie aus einem Archiv. Die Seiten sollten die Bilder nicht einrahmen, sondern untersuchen – besonders in Kombination mit dem Bild daneben. Somit entstehen kleine Geschichten, manchmal gewollt, manchmal unerwartet.

Das Buch als Objekt weckt den Anschein eines Prototyps. Es ist einfach und ökonomisch in seiner Materialität und seinen gestalterischen Mitteln. Ich habe bewusst auf jegliche Schutzoptionen, wie Kaschieren oder einen Umschlag, sowie auf Veredelungen verzichtet. Durch den unfertigen Charakter wirkt das Buch archaisch – ein Bauteil einer großen Baustelle.

 

Außerdem publiziert die Documenta 14 alle zwei Wochen eine Zeitung mit den jeweils stattfindenden Veranstaltungen in Athen und in Kassel. Der Name der Zeitung ist Public Paper. Das Format entspricht dem Nordischen Vollformat 400 mal 570 Millimeter. Im Gegensatz zum Reader, beinhaltet das Public Paper drei Sprachen: Deutsch, Griechisch und Englisch. Die Zeitung ist unterteilt in ein Editorial auf Seite eins und zwei Stadtkarten, für Athen und Kassel, auf denen alle Ausstellungs- und Veranstaltungsorte eingetragen sind. Darauf folgt eine Seite mit allgemeinen Informationen.

Die Gestaltung der ersten Seite wird je nach Inhalt pro Ausgabe anders umgesetzt. Dafür wird immer nach einer neuen typografischen Lösung gesucht. Die drei Sprachen sind organisch angeordnet, das heißt nicht unbedingt nebeneinander. Der Leser muss aktiv nach seiner Sprache suchen. Die Idee eines unkonventionellen Umgangs mit der visuellen Anordnung der verschiedenen Sprachen spiegelt auch die allgemeine Haltung der D 14 wider: sich gegen Kategorisierung zu wehren und dafür den Leser selbst zu involvieren. Der Titel auf dem Cover wird unabhängig vom restlichen Text gesetzt. Er soll die ganze Frontseite aktivieren und versucht, den Inhalt in seiner Umsetzung zu vermitteln – fast wie Bilder oder Plakate, ein Manifest.

 

Der Veranstaltungskalender hat die Funktion einer Agenda. Aufgrund der Komplexität und Vielfalt der unterschiedlichen Aktivitäten, haben wir uns für eine örtliche Anordnung als Hauptstruktur entschieden. Die Anordnung nach Wochentag ist jeweils unten an der Seite als Fußnote mit Nummern aufgelistet. Es ermöglicht dem Leser, den Inhalt durch zwei Lesestrukturen beziehungsweise zwei Besuchsmethoden zu verfolgen – nach Ort oder nach Wochentag. Um die Unmengen an Information innerhalb von zwei Tagen setzen zu können, habe ich ein Skript entwickelt, welches den gesamten Inhalt aus einer Tabelle direkt in das richtige Layout formatiert.“

 

Das Public Paper ist in beiden Städten sowie an allen Ausstellungsorten frei verfügbar.

 

Vier5 über die Documenta 14

vier5.de

 

„Wir arbeiten seit über zwei Jahren an dem Projekt D 14. Unser Fokus liegt auf der Ausstellung in Athen. Es wurden vorab einige Parameter von uns festgelegt, innerhalb derer wir uns bewegten. Das erste Logo mit Schriftzug und der 14 entstand auf der Grundlage eines Anti-Documenta-Graffitis, das wir in Athen gesehen haben. Im Laufe unserer Arbeit schien es uns interessant auszutesten, ob es genügt, die Ausstellung nur anhand dieser Ziffer zu kommunizieren, anstatt wie zuvor, ein ‚d‘ in Bezug zur Nummerierung zu setzen. Auf diese ‚kryptische‘ Art haben wir versucht, die Ausstellung visuell im Stadtbild von Athen zu etablieren. Dabei waren uns verschiedene Deutungsmöglichkeiten wichtig. Im Gegensatz zu Kassel, wo schnell der Bezug zum Ausstellungsformat erkannt wird, lässt Athen als neuer Standort Spielraum für eigene Interpretationen. Er erschließt sich langsamer und daher, für unser Verständnis, intensiver. Als die anderen beteiligten Studios begannen, mit der 14 als alleiniges Symbol für ihre Plakate zu agieren, kehrten wir zu einem logofreien Documenta-Schriftzug zurück, der den Font des jeweiligen Dokuments aufgreift. Die Gesamtgestaltung hat sich von einem offenen, freien Entwurfssystem hin zu einem eher sperrigen, strengen und geschlossenen Prinzip entwickelt und dokumentiert so unsere Interpretation des Verlaufs der Ausstellung und ihrer Umstände.“

Sie finden die Beiträge in


Nº 272. Muster
Jul/Aug 2017

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