Nº 273
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Jerusalem Design Week

Text: Norman Kietzmann

In der Weltpolitik geht es derzeit ganz schön unruhig zu. Dass auch Gestalter davor nicht die Augen verschließen, zeigt die sechste Ausgabe der Jerusalem Design Week.

Produktdesign, Grafik, Kunsthandwerk und Mode treffen hier in einer lebendigen Mischung aufeinander. Serienprodukte sind zwar in der Minderheit, doch dafür gelingt der Schau mit zahlreichen Installationen, handgefertigten Objekten und Kleinserien der kulturelle Brückenschlag.



 

Gestaltung ist weit mehr als „nur“ das Verflechten von Form und Funktion. Sie kann mitunter auch ein Medium sein, um Stellung zu beziehen. „Design ist eine starke, dynamische und vereinende Kraft, die die einmalige Möglichkeit besitzt, sich über Ländergrenzen hinwegzusetzen und einen konstruktiven Dialog aufzubauen“, sagt Anat Safran. Die künstlerische Leiterin der Jerusalem Design Week hat zusammen mit Chefkurator Tal Erez mehr als 50 israelische und internationale Gestalter eingeladen, sich mit dem Thema „Islands“ [Inseln] auseinanderzusetzen.

Worum es hierbei geht, ist das genaue Gegenteil von Isolation. In einem Land wie Israel, in dem die lokale Designszene ohnehin sehr stark vernetzt ist und der Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus quasi zum guten Ton gehört, steckt noch mehr dahinter. Das Insel-Thema ist ein Sinnbild für Jerusalem: In der auf sieben Hügeln errichteten Stadt treffen kulturelle, religiöse, soziale und machtpolitische Konflikte aufeinander wie an kaum einem anderen Ort. Alles ist hier ein Stück weit auch politisch – und Design bildet da keine Ausnahme.



 

„No Man Is an Island“ [Kein Mensch ist eine Insel] prangt in großen Lettern an einem Zaun unweit des Hansen House. Das frühere Krankenhaus ist zu einem Zentrum für Design, Medien und Technologie umgebaut worden und dient, zusammen mit einem früheren Verwaltungsgebäude der Telefongesellschaft Bezeq in Jerusalems zentralem Talbiya-Viertel, als Hauptaustragungsort der Design Week. Die Themen Mode, Produktgestaltung und visuelle Kommunikation werden ebenso als einzelne „Inseln“ bespielt wie die Ergebnisse eines internationalen Austauschprogramms.



 

„In diesem Jahr hat das Weiße Haus den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko angekündigt. Für uns Designer ist das ein Aufruf, aktiv zu werden“, sagt die französische Grafikerin Marlène Huissoud. Zusammen mit dem israelischen Produktdesigner Erez Nevi Pana hat sie die Arbeit „Borderline“ im Gebäude der Bezeq-Telefongesellschaft vorgestellt. Politische Teilung überwindet das Duo auf wortwörtliche Art und Weise: Die Längen mehrerer Ländergrenzen werden von Kilometer in Meter umgerechnet und anschließend auf die Länge von Garnrollen übertragen. Die Fäden durchlaufen ein Wachsbad und werden zu großformatigen Kerzen aufgerollt, die sich in ihren Formen und Proportionen stark unterscheiden. Im Anschluss werden die Kerzen vor den Augen der Besucher niedergebrannt.



 

Wie Grenzen mit Sinnlichkeit und Poesie auszuhebeln sind, zeigen der israelische Industriedesigner Rami Tareef sowie der in Amsterdam ansässige Gestalter Maurizio Montalti vom Büro Officina Corpuscoli mit der Arbeit „S(e)ameness“, bei der die Mauer nicht als Symbol der Teilung verstanden wird. Sie dient vielmehr als Nährboden für Speisepilze, die an beiden Seiten emporwachsen und die planen Oberflächen in ein komplexes Relief verwandeln. Die Menschen sollen sich dort treffen, miteinander reden und die Pilze untereinander verteilen. Auf einen kulturellen Austausch setzt Rami Tareef auch mit einer weiteren Arbeit, die im Jerusalem Museum for Islamic Art auf der gegenüberliegenden Straßenseite gezeigt wird.



 

Die Sitzbank „The Significant Other“ ist mit einem Geflecht aus Kunststofffäden bespannt, das die Muster muslimischer Gebetsmatten ebenso aufgreift wie die aus Stroh gefertigten Sitzschalen von Stühlen, die in vielen jüdischen Haushalten in Israel zu finden sind. Auf Initiative des Kurators Alon Razgour hin haben sich elf weitere Designer, Architekten und Künstler von den Exponaten der Islam-Sammlung inspirieren lassen und daraus neue Produkte geschaffen. Einer davon ist der in Haifa geborene Industriedesigner Koby Sibony. Arabesken und geometrische Fliesenmuster werden von ihm in feingliedrige Gebilde aus dem 3D-Drucker übersetzt, die die Zweidimensionalität hinter sich lassen und als Schalen und dekorativer Wandschmuck Verwendung finden.



 

Einheit in Vielfalt zu finden, zieht sich als roter Faden durch zahlreiche weitere Installationen. Im Innenhof des Hansen House zeigt das Grafikbüro Grotesca Design einen interaktiven Wandteppich, zusammengesetzt aus 30.000 Papierblättern, die von den Besuchern abgerissen und mitgenommen werden können. „Wir möchten stets eine interaktive Komponente einbringen und das Veränderliche und leicht Chaotische zeigen, was in unseren Augen sehr typisch für israelisches Design ist“, erklären die beiden Studiogründer Eitam Tubul und Shira Glick.



 

Die Zuschauer Teil der Installation werden zu lassen, gelingt auch dem Designbüro Magenta mit der Ausstellung „Izika“. Die Fassaden und Dachflächen eines aus Lochblechen konstruierten Miniaturhauses können mit Legosteinen bestückt und somit auf vielfältige Weise personalisiert werden. Die Arbeit ist eine Hommage an den Kurator Izika Gaon (1938–1997), der die Design- und Architekturabteilung des Israel Museums gegründet und 1977 eine viel beachtete Lego-Ausstellung in Szene gesetzt hatte. „Er wollte, dass die Menschen die Produkte berühren und sie sich mit den Händen aneignen“, erklärt Magenta-Gründer Ronen Bavly, in dessen Büro in den westlichen Hügeln von Jerusalem Israelis und Palästinenser zusammenarbeiten.



 

Schulterschlüsse werden auch an einer anderen Stelle gesetzt: Im Jerusalemer Museum of Natural History präsentieren Studierende der Bezalel Academy of Arts and Design, des Hadassah Academic College sowie der NB Haifa School of Design ihre Abschlussarbeiten – umringt von unzähligen Tierpräparaten. Welche stimmigen Analogien dabei entstehen können, zeigt die Keramikerin und Bezalel-Absolventin Maiyan Ben Yona. Ihre filigranen Porzellanarbeiten erinnern an Korallen und Seeanemonen und werden passender Weise in einen Raum mit atmosphärischen Unterwasserlandschaften eingebettet.

Das Festival agiert an dieser Stelle ganz im Sinne der Stadtväter. Denn Jerusalem möchte nicht länger nur der Zankapfel von Politik und Religion sein. Die wichtigsten israelischen Designuniversitäten sind in der Stadt ansässig. Doch bisher zieht es fast alle Absolventen weiter nach Tel Aviv oder ins Ausland. Die Jerusalem Design Week ist daher mehr als ein Plädoyer fürs Kooperative. Sie ist ein Aufruf an junge Gestalter, sich zum Ort zu bekennen und ihn nicht länger nur den Fantasten ganz gleich welcher Couleur zu überlassen. Design, so die unmissverständliche Botschaft, kann und soll Brücken bauen.

Nach seinem Designstudium zog es Norman Kietzmann nach Mailand, von wo aus er für zahlreiche deutsche und internationale Designmedien berichtet. 2009 gehörte er zu den Mitbegründern des Netzwerks Designjournalists. In form 267 schrieb er zuletzt über das südkoreanische Designstudio Jin und Park.

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Designing Protest

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