Nº 273
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Transparenz

Text: Giovanna Reder

Material, das für die Strahlen des sichtbaren Spektrums (umgangssprachlich auch Lichtstrahlen genannt) weitgehend durchlässig ist, wird von uns mit dem Begriff „transparent“ versehen, der sich aus den lateinischen Wörtern für „durch“ und „scheinen“ zusammensetzt. Dieses Phänomen wird in der Gestaltung dazu genutzt, sonst verborgene Objekte und Vorgänge sichtbar zu machen, etwas zu offenbaren oder aber den Anschein von Unsichtbarkeit zu wecken.

Wir erleben Transparenz sowohl in physischer Form als auch im übertragenen Sinn. Dabei kann die Ästhetik der Transparenz Teile eines Objekts enthüllen und klarer machen oder eine Mystik aufbauen, indem sie etwas zeigt, das der Betrachter nicht versteht.



 

I/O

dustinlee.ca

 

Technik begleitet uns heute nahezu überall in unserem Alltag, meist versteckt in Gehäusen. Das Projekt I/O beschäftigt sich mit der Frage, wie man ein Produkt gestalten kann, das seine Technik nicht verbirgt, sondern sie offen präsentiert. Der Industriedesigner Dustin Lee verwendet dafür beim Entwurf einer Set-Top-Box, die dem Nutzer zusätzliche Entertainment-Optionen, meist über einen Fernseher, bietet, die Platine als Designelement und stellt sie wie ein Ausstellungsstück in einem Glaskubus zur Schau. Durch ein integriertes Aluminiumgehäuse wird der Interaktionspunkt mit anderen Geräten, die Ein- und Ausgabe, hervorgehoben, die über eine Rasteranzeige vom Nutzer bedient werden kann. Die Transparenz erlaubt, dass sich die Box dem Raum anpasst und so eine Beziehung zwischen Objekt und Umgebung entstehen kann.



 

Solid State Poems

chengtaoyi.com

 

„Form follows function“ ist ein oft zitierter Satz und ein klassisches Designparadigma. Chengtao Yi versucht die Beschränkungen der Wirklichkeit aufzuheben, indem er sich einzig auf die Form konzentriert und schreibt: „Form is form, and it is more.“ [Form bleibt Form und ist doch mehr.] In seinem stetig wachsenden Projekt „Solid State Poems“ entwirft der Industriedesigner imaginäre Produkte, die durch ihre Existenz allein in der puren, gerenderten Fiktion ihre ursprüngliche Formgestalt erhalten können. Man erkennt in seinen modernen Skulpturen Produkte, deren Funktion sich meist erahnen lässt, die jedoch im Detail der Fantasie des Betrachters und seiner Interpretation überlassen bleibt. Die Interaktion zwischen „Nutzer“ und Objekt ist damit ehrlich und transparent. Durch diesen Ansatz erschafft Yi philosophische Produkte, die zum Rätseln über Funktionen einladen.



 

Inconvenience Store

ichelleim.com

 

Ein Convenience Store ist ein kleiner Lebensmittelladen, der meist über die üblichen Supermarkt-Öffnungszeiten hinaus geöffnet ist. Der von Andrew Kim und Michelle JY Park erdachte „Inconvenience Store“ ist ein fiktiver Laden, der sich inmitten einer belebten Kreuzung auf einer Verkehrsinsel befindet. Dort ist jedes Produkt nur einmal vorhanden; das skurrile Inventar umfasst unter anderem einen Verlobungsring, Latexfarbe, Sprudelwasser, Whisky, ein Kondom, eine Leiter und einen Stein, der als Haustier angeboten wird. Die Produkte und der Laden wurden von den Gestaltern digital visualisiert und gehören zu einer Geschichte, die die Frustration eines Mannes beschreibt, der dort eine Orange kaufen möchte, aber nie eine bekommt. Obwohl der Laden visuell vollständig transparent gestaltet ist, bleiben Inhalt und Funktion des „unbequemen Geschäfts“ rätselhaft und haben so den von den Gestaltern beabsichtigten Effekt.



 

Transparent Speaker

peoplepeople.se

 

Bei dem Lautsprecherentwurf des fünfköpfigen Designstudios People People aus Stockholm geht die Transparenz über das Produkt hinaus und offenbart neben den einzelnen Bauteilen auch einen Produktkreislauf, in dem jedes Teil ausgetauscht und recycelt werden kann. Wir haben mit Per Brickstad über transparente Objekte und die Herausforderung des Upcyclings gesprochen.

 

 

Was beabsichtigt Ihr damit, den Nutzer in den Lautsprecher hineinsehen zu lassen?

 

Mithilfe von Transparenz erreichen wir, dass ein großes Gehäuse einen nicht so großen visuellen Raum einnimmt, obwohl die Größe für die Audioqualität benötigt wird. Durch seine Transparenz passt der Lautsprecher sich jedoch gut in jede Wohnumgebung ein.

 

 

In welcher Hinsicht unterstützt Transparenz Euer Projekt darüber hinaus?

 

Wir legen den Fokus auf das, was die Menschen wirklich wollen: die Musik. Zu viele Produkte arbeiten mit dekorativen Stilelementen. Das lässt ein Produkt schnell altern. Wir verfolgen das Ziel, das Aussehen auf ein Minimum zu reduzieren, sodass es lange Bestand hat. Es ist ein Statement gegen die heutige Wegwerfkultur.

 

 

Habt Ihr das Konzept des Upcyclings auch auf andere Produkte übertragen?

 

Oft gestalten wir Produkte, für die wir recycelten Kunststoff verwenden. Für Upcycling benötigt es in meinen Augen aber ein Systemdenken, das sich nicht immer so leicht umsetzen lässt. Die Transparent Speaker sind bisher unser bestes Beispiel.

 

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