Nº 277
Focus:

Streifzüge durch den Alltag
Design for the People

Text: Kassim Vera
Übersetzung: Jessica Krejci

Der Versuch, einem Auswärtigen mexikanisches Design zu erklären, ist einem Gespräch über mexikanisches Essen nicht unähnlich – das einfachste wäre, man würde eine Menge Namen sowie ausgefallene als auch historisch wichtige Orte nennen.

Im Folgenden werde ich daher versuchen, über Design zu schreiben, als würde ich mit einem Freund aus dem Ausland mexikanisches Streetfood erkunden: Ich würde vorab den Hintergrund der Speisen erläutern, die wir essen werden, eine persönliche Einschätzung zu den gängigen Trends geben sowie eine Warnung aussprechen, wenn das Essen zwar gut aussieht, aber nicht so gesund ist; damit klar wird, warum es völlig normal ist, in Mexiko Chilaquiles (eine gebratene Tortilla mit Soße, die unter anderem mit Käse, Schweinefleisch, saurer Sahne und Avocado serviert wird) zum Frühstück zu essen.



 

Zu sagen, dass das Design den Menschen näher sein sollte, heißt nicht automatisch, dass Design plötzlich die einzige treibende Kraft für sozialen Wandel werden muss, einem Wandel, nach dem die Schwachen in unserem Land in der Rechtsprechung, der Politik oder sogar der Architektur bisher vergeblich suchten. Den Menschen Design näherzubringen, bedeutet, dass die Gesellschaft Mexikos (mit mehr als 125 Millionen Einwohnern) ein besseres Verständnis davon entwickeln muss, was Designer und das Design leisten können. In der dritten Ausgabe des Emerge MX-Magazins mit dem Titel „Intersección“ [Überschneidung] haben wir eine Umfrage mit 100 Nicht-Designern aus Bereichen wie Marketing, Tourismus, Recht, Medizin, Immobilien, Psychologie, Ingenieurwesen und Journalismus durchgeführt, um zu erfahren, wie diese Menschen Design definieren, und um besser zu verstehen, wie der Berufsstand des Designers von ihnen wahrgenommen wird. Es war erstaunlich und entmutigend festzustellen, dass die meisten Befragten Design als etwas Ästhetisches, etwas Dekoratives begreifen, als eine Aktivität des Aufhübschens. Der vorliegende Text beabsichtigt, Design aus Mexiko zu zeigen, das darüber hinausgeht. Das bedeutet nicht zwangsläufig, der Hässlichkeit anheim zu fallen, aber auch nicht, dass es notwendig ist, exzessiv über Projekte zu berichten, damit sie erfolgreich oder geschätzt werden.



 

Bevor wir uns auf den Weg machen, möchte ich verdeutlichen, dass Design in Mexiko als Disziplin gesellschaftlich noch lange nicht so etabliert ist, wie die Rechtswissenschaften oder das Ingenieurwesen. Das ist mit einem einfachen historischen Fakt zu begründen: Design ist hierzulande eine noch relativ junge Disziplin. Ich habe allerdings das Gefühl, dass Designer derzeit viel interessierter sind, dies zu ändern, indem sie die Art und Weise weiterentwickeln, wie Design mit den Menschen (in ihrem Zuhause oder im öffentlichen Raum) oder mit dem (öffentlichen oder privaten) Raum interagiert.



 

Design und Industrie: Beziehungen definieren

Obwohl es sich hierbei wahrscheinlich um den gebräuchlichsten Ansatz im Design handelt, möchte ich im Folgenden dennoch erläutern, wie mexikanische Designer mithilfe von Massenfertigung versuchen, den Menschen das Design näherzubringen. Hierbei sind Personen wie Alberto Villarreal, der kreative Leiter des Designteams, das bei Google für die Hardware verantwortlich ist, und einer der Köpfe hinter dem neuen Google Pixel 2-Smartphone, wesentlich, um den Einfluss von Design auf die Industrie zu verstehen. Auch Designer wie Joel Escalona oder Jorge Diego Etienne sind weitere Schlüsselfiguren in der Arbeit mit oder für die Industrie. Beide sind vielseitige Persönlichkeiten, die mühelos ein Projekt zur Mailänder Möbelmesse vorstellen und gleichzeitig großen Einfluss auf die lokale Produktion haben und so nah an den Menschen dran sind. Denn zum Beispiel können wir heute problemlos in den Supermarkt gehen und einen Zinntopf kaufen, den Joel Escalona für Cinsa entworfen hat, einer der größten Küchengeschirrhersteller in Mexiko, der bereits seit 80 Jahren auf dem Markt vertreten ist.



 

Andere Designmarken wie Lo Esencial – eine Lederwarenfirma, die von Adolfo Navarro gegründet wurde – bieten neue Methoden an, um Design und Herstellung miteinander zu verbinden. In diesem Fall soll der konfigurative Designansatz des Unternehmens die Herstellung durch die reduzierte Anzahl der verschiedenen Teile verbessern und dem Nutzer gleichzeitig eine Bandbreite an Optionen zur Konfigurierung der Funktionen mittels weniger zentraler Komponenten ermöglichen. Ihre bekannte Seamless-Kollektion, aber auch die neue Kollektion Interact, sind großartige Beispiele für dieses Prinzip.

Ein weiterer interessanter Charakter ist Cristián Bredée, der sich vornehmlich mit Spielzeug für den Massenmarkt beschäftigt, aber mit Projekten wie dem DSI Sign System (einem smarten Ampelsystem, das verschiedene Signale in einer Anlage vereint) das Ziel verfolgt, Stress während des Autofahrens in Mexiko-Stadt zu reduzieren. [1: Mexiko-Stadt hat ein großes Verkehrsproblem: Es wird geschätzt, dass 46 Prozent aller Haushalte im Ballungsgebiet der Stadt mit einer Population von 21 Millionen Menschen ein Auto besitzen. Das Verkehrsproblem und der Stress während des Fahrens wird sich sicherlich nicht mit einem smarten Ampelsystem allein lösen lassen, der multifunktionale Ansatz von Bredée ist aber trotzdem bemerkenswert.]



 

Der öffentliche Raum

Gestaltung für den öffentlichen Raum könnte man – mit Dan Hills Worten – auch als schwarze Materie [2: Dan Hill, Dark Matter and Trojan Horses: A Strategic Design Vocabulary, Moskau: Strelka Press, 2015.] bezeichnen. Die Stadt ist per Definition ein konvergierender Raum: Mexikanische Städte sind von Verkehrsproblemen und Ungleichheit geprägt, was viele Herausforderungen auf dem Weg zu einer positiveren Wahrnehmung der Stadt mit sich bringt. In meiner Heimatstadt Guadalajara leitet Rodrigo Vázquez, Industriedesigner und Fahrradenthusiast, das Unternehmen BKT Mobiliario Urbano und zeigt, dass Design in Städten eine zentrale Rolle spielt – von Radstationen (beispielsweise die aktuelle BKT-CP-009) und Bushaltestellen über Reparaturplätze für Fahrräder bis hin zu Radwegen. BKT hat bewiesen, dass sich Designer, um eine Stadt wirklich zu verbessern, in erster Linie als Bürger begreifen müssen und nicht nur als Nutzer.



 

Hinsichtlich neuer Typologien urbaner Möbel und funktionaler Dynamiken im öffentlichen Raum, finde ich außerdem das Projekt Línea bemerkenswert, eine große Installation des französischen, mittlerweile in Mexiko lebenden Designers Fabien Cappello. Línea sieht die Zukunft des Designs in Mexiko in seinem „großartigen Reichtum an profanen Lösungen, behelfsmäßigen Situationen und der lokalen Wirtschaft“, die sich in einer schlangenförmigen Struktur als Möbel für den öffentlichen Raum mit rotierenden Sitzen, Schirmen, Tischen und Pflanzentöpfen äußert, welche auf das Streetfood in Mexiko Bezug nimmt.



 

Neue Visionen und neue Praktiken

Die Nennung von Cappello und mexikanischem Streetfood ist notwendig, um die Verbindung zu neuen Methoden im Design herzustellen. Cappello ist immer auf der Suche nach neuen Strukturen, Situationen und Materialien in beliebten Vierteln, die als Inspiration im alltäglichen Leben genutzt werden können wie der Reading Room für das Archivo Diseño y Arquitectura.

Ein weiteres Beispiel für neue Methoden im mexikanischen Design ist auch die Arbeit des Designstudios C 37, das von Carolina Cantú und Valeria Loera gegründet wurde. Sie definieren C 37 als „Studio für Materialentwicklung“ – ein frisches Statement, welches das mexikanische Design bitter nötig hatte, um mehr als nur Möbelentwürfe hervorzubringen. Das erste von C 37 entworfene Material heißt Magma 04, ein flüssiger Verbundwerkstoff, der, sobald er erhärtet ist, aussieht und sich anfühlt wie Basalt. Derzeit widmen sie sich der Entwicklung eines neuen Materials aus industriellem Abfall.



 

Auch die neuesten Arbeiten von Popdots (das von Melisa Aldrete und Luis Cárdenas geleitet wird) mit dem Namen Siniestros (was soviel wie „Übel“ oder „Unfall“ bedeutet) sind Materialexperimente: Die Vase aus Keramik ist an der Innenseite mit Latex beschichtet, was sie unzerbrechlich macht.

Ein interessanter Fall ist ebenfalls die Arbeit von José de la O. Seine Arbeit reicht von Produktdesign über zukünftige Designmethodologien bis hin zu spekulativem Design, wie das Projekt Nueva Qwerty beweist. Dabei handelt es sich um ein vereinfachtes Alphabet, das die Regeln der spanischen Sprache infrage stellt, indem es Buchstaben kombiniert und die Anzahl der Regeln reduziert: beispielsweise werden die Buchstaben V und B oder K, C und Q, die im Spanischen eine ähnliche Verwendung haben, zusammengefasst.



 

Gesellschaftlich motiviertes Design

José de la O betreibt außerdem die Initiative The Chair that Rocks, die Designern einwöchige Workshops in Tlacotalpan (eine Stadt in Veracruz, die 1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde) mit lokalen Handwerkern anbietet, die für die Herstellung des Schaukelstuhls Sillón Tlacotalpeño bekannt sind. Ziel des Projekts ist es, das traditionelle Handwerk zu erhalten (wie Tischler, Geigenbauer, Keramikkünstler und viele mehr) und gleichzeitig die lokale Wirtschaft wiederzubeleben und Tlacotalpan in ein Ziel für Designtourismus zu verwandeln.



 

Es gibt bereits viele mexikanische Designstudios, die einen ehrlichen und gesellschaftlich motivierten Ansatz verfolgen – Bi Yuu ist allerdings ein besonders ausgereiftes Beispiel. Die von Marisol Centeno geleitete Designfirma stellt Teppiche und Textilien her und arbeitet mit Kunsthandwerkern aus Teotitlán del Valle (Oaxaca) und Huixtán (Chiapas) zusammen. Bi Yuu bringt ihren Traditionen großen Respekt entgegen und legt Wert auf langfristige Beziehungen. Die Verwendung von natürlichen Pigmenten wie Estragon und Cochenille findet sich besonders deutlich in den Teppichen Norte 61 und Bacaanda wieder. Ersterer ist durch den Zug, der seit 1961 durch das Barranca del Cobre (zu deutsch Kupferschlucht) in Chihuahua fährt, inspiriert; das Modell Bacaanda hingegen nimmt Bezug auf das Huipil, ein charakteristisches Kleidungsstück, das von indigenen Frauen in Mexiko getragen wird. Laut des Berichts zum sozialen Wirken des Unternehmens, den Bi Yuu anlässlich des fünfjährigen Firmenjubiläums publizierte, konnten 28 Vollzeitjobs und 13 Teilzeitjobs geschaffen werden, von denen 39 Kunsthandwerker (darunter 23 Frauen und 16 Männer) direkt profitieren.

 

Auch Moisés Hernández hat mit Diario ein sozial engagiertes Designprojekt ins Leben gerufen. Diario reist durch Mexiko und sucht dabei in unterschiedlichen Gemeinden nach Objekten, Texturen und Orten des täglichen Lebens. Die Art und Weise, wie dabei jedes Objekt eine eigene Geschichte erhält, kann kommenden Generationen als Vorbild dafür dienen, den Menschen den größten Wert beizumessen. Alle Diario-Produkte finden ihre Inspiration in alltäglicher Ästhetik und Handlungen, wie auch das Felipe und José-Projekt, ein Set aus Tischdecken und -sets, das von den zweifarbigen Fassaden in Oaxaca inspiriert wurde; oder auch Mario, ein traditionelles Spielzeug, das von Hernández vereinfacht wurde, um den Produktionsprozess für die Tischler zu verbessern.



 

Es gibt keine Grenzen

Es ist deutlich geworden, dass mexikanisches Design sehr vielfältig ist. Wie auch das lokale Streetfood sind die Ausdrucksformen des Designs stark miteinander verbunden – das ist der wichtigste Aspekt. Es gibt allerdings noch ein großes Wachstumspotenzial für das Design in Mexiko, da sowohl die Gesellschaft an sich als auch Institutionen derzeit noch einen eher begrenzten Blick auf das Design haben und wenig über die Grenzen hinausdenken, wie das in anderen Ländern, in denen Design schon etablierter ist, durchaus der Fall ist. Diese begrenzte Vision der Menschen hat mexikanische Designer motiviert, durch eine Einstellung, die keine Grenzen akzeptiert, Verbindungen und Beziehungen zu generieren; durch die Einstellung, eigene Arbeiten zu produzieren und den Menschen das Design dadurch näherzubringen. Meiner Meinung nach zeichnet sich das zeitgenössische mexikanische Design besonders durch seine Unabhängigkeit, soziale Verantwortung, seinen Forscherdrang und vor allem seine Vielfalt aus. Wir verstehen Design nicht nur als Dienstleistung für die Industrie oder als etwas, das nur den Eliten vorbehalten ist. Wir sehen Design nicht als Objekt oder als ausschließlich immateriellen Prozess; wir begreifen Design auch nicht als den neuen Retter der Welt – sprechen ihm seine gesellschaftliche Wirkung aber auch nicht ab. Mexikanisches Design ist genauso wie Mexiko auch, eine Mischung aus Möglichkeiten, Optionen und Impulsen.



Kassim Vera ist Designkritiker und Professor. Er ist in Guadalajara in Mexiko geboren und aufgewachsen und leitet derzeit das Projekt Emerge MX zum Thema Designausbildung und -kritik, womit er die erste Publikation für Designkritik in Mexiko herausgibt. Vera unterrichtet Experience Design sowie strategisches Design am Monterrey Institute of Technology and Higher Education. Darüber hinaus schreibt er über Design und dessen Schnittstellen für verschiedene Kunst- und Designpublikationen und hat bereits an mehreren Universitäten in Mexiko und im Ausland Vorträge gehalten, wie dem Copenhagen Institute of Interaction Design.

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