Nº 278
Focus:

Climate Engineering
Vom Regentanz zum Hagelflieger

Text: Sascha Pohflepp

Der Mensch hat zwischen sich und die Natur eine dünne Schicht Technologie platziert: Architektur, Kleidung, kooperativ erwirtschaftete Vorräte. Jedoch sind wir dem direkten Einfluss der Naturgewalten nie entkommen, katastrophale Wetterereignisse sind seit jeher Teil der menschlichen Lebensrealität.

Ebenso sind Versuche, das Wetter aktiv zu gestalten, in der Geschichte vieler Kulturen dokumentiert: von vedischen Ritualen im antiken Indien, die versuchten, Regen zu erzeugen, über die vielfältigen Windmythen der antiken Griechen bis hin zu neuzeitlichen Beispielen aus dem deutschsprachigen Alpenraum wie dem „Wetterläuten“ von Kirchenglocken oder dem „Wetterschießen“ mit Kanonen. Oft wurde die Hoheit über das Wetter Göttern, Hexen oder Dämonen zugeschrieben, deren Absichten und Macht man beeinflussen wollte, um die Folgen von Dürre, Sturm oder Hagel abzuwenden.



 

Später suchte man nach physikalischen Ursachen für die wahrgenommenen Effekte. So fiele Anekdoten zufolge nach kriegerischen Auseinandersetzungen oftmals Regen. 1891 beauftragte das stets an Wetterwahrheiten interessierte US-amerikanische Landwirtschaftsministerium den Soldaten und Anwalt Robert Saint George Dy’renforth mit der Detonation von größeren Mengen Schwarzpulver, dessen Rauchschwaden eine regenmachende Wirkung zugeschrieben wurde. Das ergebnislose Experiment brachte seinem Veranstalter den Spitznamen „Dry-Henceforth“ ein und zusätzlich die Einsicht, dass der Grund für den Wetterwandel wahrscheinlich eine Präferenz für kriegerische Auseinandersetzungen bei guten Witterungsverhältnissen war. Auf gutes Wetter folgt schlechtes, irgendwann – ein Effekt, der in der Statistik als Regression zum Mittelwert bekannt ist.

Erstaunlich an der Geschichte der Wettergestaltung ist ihre Aktualität, denn viele Techniken befinden sich trotz ihrer umstrittenen Wirksamkeit im regen Einsatz, wie die „Wolkenimpfung“ zeigt, eine technologische Erbin von Dy’renforths Versuchen, die 1946 von einem Team um Bernard Vonnegut (dem Bruder des Schriftstellers Kurt Vonnegut) bei General Electric in Schenectady, New York, entwickelt wurde und bei der künstliche Kondensationskerne aus Silberjodid in Wolken eingebracht werden. Dies geschieht beispielsweise, um den Niederschlag in von Dürre bedrohten Landwirtschaftsgebieten wie dem kalifornischen Central Valley zu erhöhen oder zur „Hagelabwehr“, wie durch die am Stuttgarter Flughafen stationierten Hagelflieger, die den Weinanbau und nicht zuletzt die zur Auslieferung bereitstehenden Fahrzeuge der Mercedes-Benz-Werke vor Schaden bewahren sollen. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen ist unklar, doch die Drohkulisse der Natur scheint den Aufwand zu rechtfertigen. Wesentlich größere Dimensionen hat die aktive Wettergestaltung in der Volksrepublik China angenommen: Schon während der Olympischen Spiele im Jahr 2008 gab es Berichte über ein staatliches „Wetteränderungsamt“, das mithilfe von über zehntausend silberjodidgeladenen Artilleriegeschützen und Raketen den Regen von Peking fernhalten sollte. Ein weiteres, im März 2018 vorgestelltes Projekt soll durch Wolkenimpfung im tibetischen Hochplateau das Regenvolumen um zehn Milliarden Kubikmeter erhöhen, und so dazu beitragen, die Süßwasserversorgung von knapp der Hälfte der Menschheit zu sichern – in Antizipation einer Zukunft der steigenden Temperaturen.



 

Diese Zukunft jedoch eröffnete sich erst mit der formalen Messung und Aufzeichnung des Wetters, die beispielsweise in Deutschland 1781 am Observatorium Hohenpeißenberg begann. Durch Datenaufzeichnung und statistische Auswertung transformierte sich das unmittelbar Spürbare in das Systemische, aus dem lokalen Wetter wurde das globale Klima, jedoch untrennbar miteinander verbunden. Durch die Nutzung von Computersimulationsmodellen hat sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts schlüssig gezeigt, dass der Gebrauch von fossilen Brennstoffen den Energiehaushalt des Planeten beeinflusst, indem er die Temperaturen steigen lässt. Seitdem es zu einem Effekt des Klimas geworden ist, ist so auch dem Wetter eine neue Bedeutung zugekommen. Hatte früher eine Dürre Auswirkungen auf eine Region, vielleicht ein Land, werden die faktisch zunehmenden extremen Wetterereignisse nun im Zusammenhang mit einem Klimawandel gesehen, der potenziell die Lebensumstände eines Großteils der Menschheit bedroht.

In diesem Zuge ist aus der Gestaltung des Wetters die potenzielle Gestaltung des Klimas als existenzsichernde Maßnahme geworden, die zum ersten Mal 1965 in einem wissenschaftlichen Bericht an den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson erwähnt wurde und spätestens nach einem Artikel des niederländischen Atmosphärenchemikers Paul J. Crutzen im Jahr 2006 kontrovers diskutiert wird. Die Hauptansätze von „Climate Engineering“ sind die aktive Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, beispielsweise durch großflächige Aufforstung, die umstrittene künstliche Eisendüngung der Ozeane, um das Wachstum von Phytoplankton zu begünstigen, oder die Absorption (Scrubbing) von Kohlendioxid aus der Atmosphäre durch künstliche Filter.



 

Kontroverser noch als solche „negativen Emissionen“ wird das sogenannte „Solar Radiation Management“ diskutiert, bei dem unmittelbar in den globalen Energiehaushalt eingegriffen werden soll, um der Erwärmung gegenzusteuern. So hatte der russische Klimatologe Michail Budyko schon 1974 vorgeschlagen, mehrere hunderttausend Tonnen Schwefel in die Stratosphäre einzubringen, die wie künstliche Wolken das natürliche Rückstrahlvermögen der Erde erhöhen würden, um so in Zukunft die „derzeitigen Klimabedingungen aufrechtzuerhalten“. In der Tat ist in vielen Klimamodellen, auf denen das politisch akut bedrohte Übereinkommen von Paris basiert (das die Erwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Epoche begrenzen soll), zumindest der Einsatz von negativen Emissionstechnologien schon enthalten.

Gegner halten dem entgegen, dass die bloße Erwägung von aktiver Klimagestaltung ein „moralisches Risiko“ darstelle, das von der Einsparung von Treibhausgasen ablenken würde. Ein Dilemma ist, dass die Technologien des Solar Radiation Managements vergleichsweise trivial und kostengünstig sind und ihr Effekt garantiert ist. Dafür bürgt nicht zuletzt das „natürliche Experiment“ der Eruption des Vulkans Mount Pinatubo auf den Philippinen, die 1991 auf gleichem Wege innerhalb weniger Monate zu einem global gemessenen Temperaturabfall von einem halben Grad Celsius führte. Die Herausforderung ist hier eher eine des Wissens: Die Vorhersage der genauen Wirkung eines Eingriffs und deren Folgen würde Klimasimulationen erfordern, die um mehrere Größenordnungen detaillierter sind als die heute zur Verfügung stehenden. So hat die Gestaltung des Klimas die genau umgekehrte Problematik derer des Wetters: während die eine in großem Maßstab angewendet wird und niemand weiß, ob es überhaupt eine statistisch signifikante Wirkung gibt, stockt die andere an einer Krise des imperfekten Wissens und dem daraus resultierenden „Vorsorgeprinzip“, was in diesem Fall hieße, nichts zu tun. Zumal der Unterschied zwischen Experiment und Einsatz in einem globalen System ein definitorisches Detail wäre – ein Grund, warum auch angewandte Grundlagenforschung der Klimagestaltung auf Widerstand stößt.



 

Gemeinsamkeiten zwischen der Gestaltung von Wetter und Klima könnten sich jedoch im Laufe dieses Jahrhunderts zeigen, wenn anthropogene Wetterextreme sich in ihrer zerstörerischen Unmittelbarkeit häufen und sich eine kritische Masse der Weltbevölkerung einer „Krisis“, im ursprünglichen Sinn des Wortes einer Entscheidung gegenübersehen könnte. Abgesehen von der Wahl, den eigenen Lebensstil radikal klimaverträglicher zu gestalten (stets Privileg derer, die das Gros der Treibhausgase überhaupt verursachen), wäre dies potenziell auch eine Entscheidung über Eingriffe mit zeitnaher Wirkung: Zwischen einer unbeabsichtigt gestalteten Welt, in das Katastrophengebiet eines jahrhundertelangen Hinausschießens (Overshoot) über die zwei Grad Celsius von Paris, dem wiederum eine Welt der Unwägbarkeiten der aktiven Klimagestaltung gegenübersteht – welche jedoch paradoxerweise eine Umwelt mit Lebensbedingungen bewahren könnte, die unserer vertrauten zumindest ähnlich wäre.

Die Frage nach der Krise wirft weitere auf: Wenn wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über die Auswirkungen einer bestimmten Klimabeeinflussungstechnologie wüssten, wäre eine Mehrheit bereit, sie einzusetzen, um dem sechsten Massensterben der Erdgeschichte zumindest teilweise Einhalt zu gebieten? Wären wir bereit, die konkrete Umsetzung unserer Wünsche einer künstlichen Intelligenz zu überlassen, wenn wir wüssten, dass sie allein die nötige Wissensleistung erbringen kann? Kann sich der Mensch im Anthropozän überhaupt aus der Natur ausnehmen? Welche genauen historischen Verantwortungen wem (oder was) gegenüber erwachsen aus der ungleichen Welt der Menschen und was wären politische Prozesse, um eine solche Entscheidung gerecht zu treffen?



 

Dies sind nur einige Aspekte, mit denen sich die Vereinten Nationen, zahlreiche nationale Regierungen, Forschungseinrichtungen, Nichtregierungsorganisationen, aber auch andere Interessensvertreter wie Rückversicherungen auseinandersetzen müssen. Gleich, was im Zusammenhang des anthropogenen globalen Klimawandels geschehen oder nicht geschehen wird – es ist jetzt schon das größte Gestaltungsprojekt der Menschheitsgeschichte.

Sascha Pohflepp ist Künstler und Designforscher, dessen Arbeit sich mit Themen wie synthetischer Biologie, künstlicher Intelligenz und Klimamodifikation auseinandersetzt. Nach seiner Ausbildung an der Universität der Künste Berlin und dem Royal College of Art in London war er an zahlreichen Ausstellungsprojekten beteiligt und hat im Dezember 2017 die Veranstaltung „1948 Unbound“ im Rahmen des Anthropozän-Projektes am Haus der Kulturen der Welt in Berlin co-kuratiert. Derzeit ist er Annette Merle-Smith Fellow und Doktorand an der University of California, San Diego.

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