Nº 282
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Dekonstruktion

Text: Kim Kaborda

Übersetzung: Emily J. McGuffin

Das Zerlegen eines Komplexes kann neue Perspektiven und Herangehensweisen eröffnen, wenn es um das Verständnis eines Gegenstands, die Definition einer Problemstellung oder eines Lösungsansatzes geht.

Dekonstruktion beinhaltet die Zerstörung, genauso wie das erschaffende Konstruieren und bietet so Chancen für die Analyse und Neuanordnung einzelner Parameter. Das Dekonstruieren besitzt dabei immer auch ein spielerisches Moment, sodass eine zwanglose Auseinandersetzung möglich wird. Im Folgenden geht es um Konzepte, die sich den dekonstruktiven Prozess in verschiedener Weise zunutze machen.



 

Schwanensee

patrik-huebner.com

 

Auf der Basis eines generativen Gestaltungskonzepts entwickelte Patrik Hübner am Beispiel des berühmten Ballettstücks Schwanensee ein dynamisches Corporate Design-System. Auf einer interaktiven Webseite hat der Nutzer die Möglichkeit, über eine programmiersprachlich anmutende Steuerung per Tastatur einfache Befehle zu geben und einen tanzenden Avatar in verschiedenen Farben zu animieren. Mit der Zeit zeichnen sich auf der Webseite die einzelnen Schritte, Haltungen und Gesten typischer Posen und Bewegungen eines Balletttänzers ab, die sich immer stärker überlagern und letztlich unzählige grafisch verwobene Muster bilden. Hübner stellt mit diesem Projekt die Rolle des Gestalters in algorithmisierten Designprozessen infrage, sieht den Ansatz aber auch als Möglichkeit für finanziell schwächere Kulturinstitutionen, um an eine Auswahl fachmännisch gestalteter Werbematerialien zu kommen – eventuell sogar unter Einbeziehung des Publikums.

 



 

Tone Lab

colinhearon.com

 

Für seinen Abschluss an der Ohio State University entwarf Colin Hearon das Konzept Tone Lab: ein Synthesizer, der das Prinzip elektronischer Musik darlegt. Dafür setzte Hearon sich im Vorfeld mit der Struktur digitaler Musikproduktion auseinander und landete am Ende bei Tönen und Effekten, die er als Grundbausteine identifizierte. Die übersetzte er in physische Elemente, die er wiederum auf ein System aus vier Schienen und einer Kontaktstelle anwendete. Auf den Schienen lassen sich Akkorde platzieren, die über die Kontaktstelle mit Effekten überlagert werden. So kann der Benutzer durch den Aufbau erleben, welchen Unterschied ein Arpeggiator-, Hall- oder Hochpass-Filter macht. Für die Anzahl und Reihenfolge der Effekte gibt es unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten, die durch Ausprobieren erkundet werden können. Zusätzlich sind die Höhen und Tiefen der Akkorde über die Position auf der Schiene variierbar, sodass letztlich eine Melodie entsteht.

 



 

Flow State

alexmayarts.co.uk

 

Für die biomedizinische Forschungseinrichtung Francis Crick Institute in London realisierte der Künstler Alex May eine interaktive Videoinstallation, die Außenstehenden den wissenschaftlichen Arbeitsalltag näherbringen soll, der nicht nur aus tagtäglichen Neuentdeckungen besteht, sondern überwiegend durch akribische Präzision und Routine gekennzeichnet ist. Ein Jahr lang verfolgte er den Alltag der Institutsmitarbeiter, woraus letztlich hunderte Filmsequenzen entstanden, die May für eine Präsentation im Foyerfenster aufbereitete, die auch von der Straße aus zu sehen ist. Rund dreißig 24 mal 15 Zentimeter große, skulpturartig nebeneinander und überlagernd angeordnete Bildschirme zeigen dem weit entfernten Betrachter ein sich aus allen Displays zusammengesetztes Bild mikroskopischer Strukturen – eine verbreitete Darstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Nähert man sich der Installation, schätzt eine von May programmierte Software anhand eines Webcam-Bilds die Entfernung des Betrachters. Je nach Distanz zeigen die Bildschirme dem Betrachter reguliert über ein komplexes Raspberry-Pi-Netzwerk, verschiedene Videoausschnitte zur Architektur des Gebäudes sowie gängige Arbeitsabläufe der Wissenschaftler. Steht der Betrachter unmittelbar vor der Skulptur, werden ihm die Mitarbeiter des Francis Crick Institutes vorgestellt.



 

Slice

nasimsehat.com

 

Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Die iranische Architektin Nasim Sehat versucht, der daraus resultierenden Wohnraumproblematik mit ihrem Konzept Slice zu begegnen. Sie definierte die funktionalen Einheiten des Komplexes Wohnung und wies jedem ein sogenanntes Slice zu: Arbeitsplatz, Küche, Schlafraum, Freiraum sowie Toilette und Dusche finden sich jeweils in einem 0,8 mal 2,4 mal 2,8 Meter großen Modul wieder. Der moderne Städter soll, indem er die Slices individuell wählt und anordnet, seine Wohnung an die eigenen Bedürfnisse anpassen können – Schlaf- und Toilettenmodul gehören dabei immer zur Grundausstattung. Über einen digitalen Dienst sollen weitere Module gebucht und die sonstige Koordination geregelt werden können. Perspektivisch werden die Slice-Wohnungen gestapelt, sodass sie in Form von Türmen viele Menschen auf kleinem Raum unterbringen können.

 



 

Variable Fonts

very-able-fonts.com

underware.nl

 

Das niederländisch-finnische Kollektiv Underware lebt für die Typografie und stellt sich neben der Aufgabe Schriften zu gestalten, dem Anspruch, diese Disziplin zu vermitteln. Mit dem Ziel, eine Schrift zu entwerfen, bei der sich jeder Buchstabe in einen anderen verwandeln kann, entstand die Schrift „Safari from A-to-B“. Um einen fließenden Gestaltwechsel zu ermöglichen, wurden die einzelnen Buchstaben so abstrahiert, dass ausschließlich durch die vertikale Bewegung einzelner Bausteine neue Buchstaben entstehen. Dieses Prinzip überträgt Underware auch auf den Zusammenhang zwischen dem lateinischen Alphabet und der Brailleschrift. Das Projekt Safari Braille konstruiert eine Verbindung zwischen lateinischen Lettern und der aus Punkten bestehenden Blindenschrift. Das abstrahierte Alphabet reduziert sich durch die vertikale Bewegung auf Punkte, die sich im Anschluss vereinzelt horizontal verschieben. Die Transformation lässt sich auf der Webseite durch die Bedienung eines Reglersystems eigenständig nachvollziehen.

 

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Nº 283
The Power of Design

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