60 Years of form
2013:

Wohin der Wege?
Design 2013

Text: Stephan Ott

Wohin gehst du, Design? Reicht diese Frage aus, um eine Antwort darauf zu geben, auf welchem Weg sich die Disziplin derzeit befindet? Befindet sich das Design überhaupt auf einem einzigen Weg?

Und, auf welchem Trip ist eigentlich der längst nach Konsumer, Prosumer und Desumer zu unterscheidende Kunde unterwegs? Welchen Kurs geben die neuen Technologien vor? Drohen sich Designerin und Designer in ihrer eigenen Disziplin zu verlaufen? Fragen über Fragen, deren Liste sich lange fortsetzen ließe und auf die es keine eindeutige Antwort geben kann. In seiner auf zwei Teile angelegten Betrachtung wirft Chefredakteur Stephan Ott zunächst einen Blick auf das Design selbst, im zweiten Teil (in form 251) dann auf dessen Protagonisten, die Designerinnen und Designer.



 

Design – eine Disziplin?

Es ist von jeher das Problem geisteswissenschaftlicher und kultureller Disziplinen, dass dort – anders als beispielsweise in den Natur- oder Rechtswissenschaften – die Grenzen zwischen Laien- und Expertentum nicht hermetisch sind. Kaum ein Mensch käme ohne die entsprechende Ausbildung oder Qualifikation auch nur auf die Idee, chirurgische Operationen durchzuführen oder juristisch wasserdichte Schriftstücke zu verfassen. Nicht so in der Designzunft. Hier fühlen sich auch Fachfremde berufen oder werden gar aufgefordert, zu gestalten, sobald ihr eigenes Gewerk nur Berührungspunkte mit dem Design aufweist: Vertreter des Marketings respektive der Werbung liefern neben der Markenberatung das Logo gleich mit, parallel zum Engineering formen die Ingenieure gerne auch das Maschinengehäuse, Architekten gestalten mit großer Selbstverständlichkeit das passende Interieur für ihre Hochbauten.

„Ich würde immer den Dipl. Ing. beauftragen“, kommentierte kürzlich im Rahmen eines iF-Workshops [1: iF lndustrie Forum Design e.V., Workshop „Quo Vadis Design?“, Fraueninsel im Chiemsee, 14. September 2013.] der Wirtschaftsethiker Nils Ole Oermann die begrifflichen Unschärfen des Designs und seiner Qualifikationen. Damit trifft Oermann offenbar einen sehr wunden Punkt. In seiner 2012 – ein Jahr vor seiner Emeritierung – vorgelegten Dissertation „Design – auf dem Weg zu einer Disziplin“ [2: Bernhard E. Bürdek, Design – auf dem Weg zu einer Disziplin, Hamburg, 2012.] geht zum Beispiel Bernhard E. Bürdek, Professor an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, noch einmal ausführlich der viel diskutierten Frage nach, ob Design überhaupt (schon) eine Disziplin sei. Ausgehend von Betrachtungen seines Doktorvaters Burghart Schmidt konstatiert Bürdek, „dass es ‚Fachwissen‘, also ‚disziplinäres Wissen‘ erst einmal geben muss, von dem aus der Überschritt von Grenzen erfolgen kann. Dieses Problem ist im Design evident.“ [3: Ebd., S. 80.] Und im weiteren Verlauf konstatiert er: „Insbesondere im Kontext von High Tech Projekten ist diese Professionalität überlebensnotwendig, denn sonst verkommt Design zum Dilettantismus.“ [4: Ebd., S. 81.]

Dass eine fächerübergreifende Professionalität heute in anderen Disziplinen erwartet wird, deren Vertreter jedoch nicht erst darauf warten, bis die Protagonisten des Designs dann einmal dessen Position definiert und besetzt haben, zeigt sich etwa bei der Methode des Design Thinking, das die Übertragung von aus dem Design bekannten ästhetischen Gestaltungsprinzipien auf den gesamten interdisziplinären lnnovationsprozess vorsieht. So hat das Design Thinking zwar potente Fürsprecher in Marketing und in der Informatik gewonnen und es auch innerhalb kürzester Zeit zu entsprechenden Ausbildungsstätten gebracht, unter anderem zum 2005 gegründeten Hasso Plattner Institute of Design an der Stanford University in Palo Alto (unter der Leitung von IDEO-Gründer David Kelley) und 2007 zur, dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik angeschlossenen, HPI School of Design Thinking in Potsdam; Kritiker wie die Designforscherin Gesche Joost, Professorin am Design Lab der Universität der Künste Berlin, bemängeln dabei jedoch die Reduzierung der Designer auf die „hippen Kreativen, die in Brainstorming-Sessions die total tollen Weltverbesserungsvorschläge machen“ [5: Vgl. „Die Design-Rhetorikerin – Gesche Joost“, Interview, in: form 249, S. 39.].

Es handelt sich also – das wäre ein erstes Zwischenfazit – im Grunde um nichts anderes als einen aus der Stadtsoziologie hinlänglich bekannten Fall von Gentrifizierung: Angehörige statushöherer Disziplinen mischen das statusniedrigere Design auf, wobei höherer Satus nicht unbedingt mit höherem Ansehen oder Image gleichzusetzen ist, sondern mit einer höheren Kompetenz- und Qualifikationsschärfe. An allgemeiner Reputation hat es dem Design selten gemangelt, eher schon an der klaren Definition und Kommunikation seiner Kernfähigkeit. Das Phänomen könnte unter Umständen auch den häufigen Mangel einer ausreichenden ökonomischen, seine Protagonisten nährenden Basis erklären, denn ohne Kompetenzdefinition ist auch eine Honorardefinition schwierig.



 

Menschen Milieus Maschinen

Zu einer Konkretisierung und Kommunikation ihrer Profession kann eine Disziplin aber nur gelangen, wenn – für Interne und Externe – Klarheit über Ziel, Sinn und Zweck ihres Tuns besteht. Für wen oder was also ist das Design unterwegs? Hier lassen sich – mindestens – drei grobe Richtungen festmachen, die sich weder gegenseitig ausschließen noch befruchten, die aber zumindest unter ethischen, philosophischen, soziologischen und anderen Gesichtspunkten aktiv in den Designkanon Eingang finden müssen. Den geringsten Widerstand dürfte hier das bewährte, aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus motivierte, dem Menschen dienende Design verspüren, der traditionell mit ihm in Verbindung gebrachte Entwurf von Prothesen und Werkzeugen also (Ruth Baumeister, Am Anfang war die Form, S. 84).

Ein zweiter Designansatz orientiert sich an sozialen Milieus und verfolgt damit vorrangig ökonomische Interessen. Hier steht der Mensch als Kunde im Mittelpunkt, Produkte werden in diesem Kontext unter Marketinggesichtspunkten gestaltet und unterliegen weniger objektiven Qualitätskriterien wie technische Zuverlässigkeit, ästhetische Langlebigkeit etc. Der Unternehmensberater Torsten Oltmanns, Partner und Global Marketing Director bei Roland Berger, weist in diesem Kontext darauf hin, dass über den ökonomischen Erfolg nicht zwangsläufig technische Vorteile oder Qualitäten, sondern die Kombination von Design und Marketing entscheidet. „Lt. Pannenstatistik schneiden die Fahrzeuge von Opel in allen Klassen besser ab als die vergleichbaren Angebote von VW [...]. Dennoch verkauft VW je Segment deutlich mehr Fahrzeuge und dies zu einem 10 bis 25 Prozent höheren Preis.“ [6: iF Industrie Forum Design e.V., Workshop „Quo Vadis Design?“, Fraueninsel im Chiemsee, 14. September 2013.]

Bleibt noch, drittens, der rein technologisch getriebene Ansatz von Machine-to-Machine (Interview, Caroline Seifert – So denken wir nicht mehr, S. 56), wie er beispielsweise vom Director of Engineering bei Google, Ray Kurzweil, vertreten und unter anderem an der von ihm 2009 mitgegründeten Singularity University im kalifornischen Moffet Federal Airfield gelehrt wird. (Interessant ist übrigens, dass, wie schon das Design Thinking, auch dieser Ansatz sogleich die Nähe zu und den Anschluss an Ausbildungsstätten sucht – eine auch für neue designfokussierte Ansätze zumindest bedenkenswerte Strategie.) Im Mission Statement der privaten Singularität-Hochschule ist zwar ebenfalls davon die Rede, die Herausforderungen der Menschheit zu lösen [7: Vgl. unter http://singularilyu.org: „Our mission is to educate, inspire and empower leaders to apply exponential technologies to address humanity’s grand challenges.“], jedoch gibt die Designautorin Anne-Marie Willis zu bedenken, „dass es bei der Singularität absolut nur um Design im schlechtesten Sinne geht: ultra-deterministisches, autonomes Gestalten, Gestaltung als reinen, endlosen Richtlinienprozess“ [8: Vgl. Anne-Marie Willis, „Design Jenseits der Singularität denken“, in: form 248, S. 80.]. Sehenswert ist in diesem Zusammenhang auch die 2011 für die BBC produzierte dreiteilige Serie „All Watched Over by Machines of Loving Grace“ des Dokumentarfilmers Adam Curtis. Curtis zeigt auf, dass mit einer unkritischen Übernahme dieser neuen Maschinenideologie die Idee menschlichen Fortschritts und das gesellschaftspolitische Streben, die Welt zum Besseren zu verändern, aufgegeben wird.

Design muss – so könnte eine Erweiterung des obigen Fazits lauten – aus sich heraus strategische Ziele entwickeln, formulieren und vor allem auch lehren, um nicht wegen Bedeutungslosigkeit von neuen, gesellschafts-, marketing- oder technologierelevanten Gestaltungsbereichen von vornherein ausgeschlossen zu werden.

 

Form folgt, Funktion flieht

Für den derzeit vielleicht größten, mentalen Umbruch sorgen auch im Design die neuen digitalen Technologien. Gegenstände verlieren ihre Form, verschwinden als (reine) Funktion in den Blackboxes Smartphone, Laptop oder Tablet (Harald Taglinger, In drei Richtungen weiter, S. 46). Zwar betrifft dies bis dato nur alltägliche Konsumprodukte wie Wecker, Taschenrechner, Taschenlampe oder Buch (siehe Das Verschwinden der Form, form 249, S. 52), für das Selbstbild und -verständnis der Designdisziplin ergeben sich dadurch aber heute schon weitreichende Konsequenzen. Wenn von der dreidimensionalen Form nur noch das zweidimensionale Icon einer digitalen App übrig bleibt, dann besteht die Gefahr, dass mit der Auflösung der bisher vertrauten Disziplingrenzen (Produktdesign, Grafikdesign, Softwareentwicklung, Engineering etc.) auch einzelne Designdisziplinen verschwinden beziehungsweise ihre bisherige Bedeutung verlieren. Das unterscheidet das Design im Übrigen von anderen Gestaltungsdisziplinen wie beispielsweise der Architektur. Dort steht trotz aller Digitalisierung am Ende des Entwurfs nach wie vor eine, wie auch immer geartete, dreidimensionale Hülle, die gestaltet zu haben der Architekt allein für sich in Anspruch nehmen kann.

Nun hat das Verschwinden einzelner Formen noch nie das Verschwinden der Produkte insgesamt zur Folge gehabt. Aber es bedeutet das Verschwinden bisher geläufiger Entwurfsprozesse und seines, wie oben dargelegt, im Vergleich zu anderen Fächern ohnehin bisher nicht stark ausgeprägten Selbstbewusstseins. Junge Gestalter wie Cohen Van Balen (S. 78) oder Superéquipe (S. 88) haben dieses Verschwinden längst realisiert und setzen sich mit den neuen Verhältnissen intellektuell und praktisch auseinander. Womit wir beim Übergang zum zweiten Teil der Betrachtungen angelangt wären, den wir in der nächsten Ausgabe fortsetzen: Wohin der Wege? – Designer 2014.

 

Fazit 1

Das oben begonnene und erweiterte Zwischenfazit wäre also in dem Sinne zu vervollständigen, dass das Design, will es Zukunftsfähigkeit beweisen, erstens der Einmischung von außen (Gentrifizierung) mit einer klaren Kernkompetenz(definition) begegnen sollte; sodann, zweitens, neue und bisher übergangene gesellschaftsrelevante Bereiche (unter anderen (Bio-)Technologie, Ethik, Soziologie) als designrelevante Bereiche verstehen und integrieren sollte; und schließlich, drittens, die infolge der Digitalisierung sowieso stattfindende Auflösung der Disziplingrenzen als willkommene Gelegenheit sehen sollte, die Disziplin insgesamt neu auszurichten – mit geeigneten Grundlagen und einer adäquaten Designtheorie (Hans Ulrich Reck, Zum Stand von Designtheorie, S. 74). Maßnahmen, die vor allem von den Hochschulen begleitet, das heißt aktiv mitentwickelt und gelehrt werden sollten.

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