3 Fragen an:
Rainer Guldin, Chefredakteur Flusser Studies

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Der Philosoph und Kulturtheoretiker Vilém Flusser (1920–1991) hat in seinem Werk viele derzeit aktuelle Themen vorweggenommen. Wir haben mit Rainer Guldin , Dozent für deutsche Sprache und Kultur an der Università della Svizzera Italiana und Chefredakteur des mehrsprachigen und frei zugänglichen E-Journals Flusser Studies, gesprochen und ihm drei Fragen zur Rolle der Gestaltung in Flussers Werk gestellt.




1. Vilém Flusser hat Texte zu einer Vielzahl an Themen veröffentlicht. Welche Rolle spielt das Nachdenken über Design in seinem Werk?

 

Wenn man die posthumen Publikationen von Flussers Werk durchgeht, so sticht der Bereich Design besonders heraus. Es gibt insgesamt mehrere Sammlungen zu diesem Themenbereich: die Spezialnummer „Virtuelle Räume – Simultane Welten“ von Archplus (1992), Fabian Wurms „Vom Stand der Dinge“ (1993), Martin Pawleys „The Shape of Things“ (1999), Rafael Cardosos „O mundo codificado“ (2007), die italienische Version „Filosofia del design“ (2003), erschienen bei Bruno Mondadori (Mailand), und die französische Version „Petite philosophie du design“ (2002), erschienen bei Circé (Strasbourg).

Der Inhalt der Ausgaben ist trotz Abweichungen weitgehend deckungsgleich. Es ist anzunehmen, dass es auch aus verlegerischen Gründen zu diesen verschiedenen Sammlungen gekommen ist. Dass es eine finanziell interessante Wahl war, beweist auch die Tatsache, dass „Vom Stand der Dinge“ im Oktober 2016 neu aufgelegt werden soll.

Dieser erste Eindruck ist allerdings täuschend. Flusser ist kein Designtheoretiker. Design ist ein Begriff, den er eher spät, Ende der 1980er-Jahre, in sein Denkgebäude aufgenommen hat. Flusser schrieb den ersten Text zu diesem Thema für einen Kongress des Internationalen Forum für Gestaltung in Ulm, „Gestaltung und neue Wirklichkeit“, der vom 2. bis 4. September 1988 stattfand. Es war eine Auftragsarbeit („Gebrauchsgegenstände“) und wurde am 8. September 1988 in der Basler Zeitung publiziert. Für die vom Rat für Formgebung herausgegebene Zeitschrift Design Report schrieb Flusser von 1989 bis 1991 insgesamt zehn Beiträge. „Gebrauchsgegenstände“ wurde unter dem neuen Titel „Design. Hindernis zum Abräumen von Hindernissen“ im Design Report publiziert (Nr. 9, Januar 1989) und ist zugleich der siebte Beitrag in Wurms Sammlung.

Flussers Designtexte gehören in den Bereich seiner phänomenologischen Essays zu Dingen. Dieses Interesse wiederum geht bis in seine Brasilien-Zeit zurück. Das Projekt hieß damals „Coisas que me cercam“ [Dinge, die mich umgeben, bedingen mich]. Verschiedene Texte aus diesem Bereich sind dann in die französische Sammlung „La force du quotidien“ (1973) übernommen worden. Florian Rötzer hat zu diesem Themenkomplex den Band „Dinge und Undinge“ (1993) herausgegeben. Die Sammlung von Cardoso enthält neben den Texten zum Thema Design auch einige Texte aus dieser Sammlung.




2. Was macht Flussers Gedanken – gerade in Bezug auf Design – heute noch so aktuell und wichtig?

 

Flussers Umgang mit Design ist nach wie vor spannend, weil er einen unüblichen, sehr breiten, weitgehend philosophischen Ansatz gewählt hat. Er hat den Begriff Design in ein umfassenderes Denkgebäude eingebaut, das neben der schon erwähnten phänomenologischen Dimension, auch Begriffe wie Kunst, Technologie (komputierte Technobilder), Projekt, Entwurf, Konstruktivismus (Streuen und Raffen), Einbildungskraft und Sinngebung (nicht Sinnsuche) umfasst. Flussers angestrebte Synthese einer ganz und gar vom Menschen gestalteten Umgebung, einer absoluten Künstlichkeit („Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit“ – ein Zitat von Nietzsche, das Flusser immer wieder anführt), die er auch als eine Konkretheit zweiten Grades verstand, wird durch die Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Philosophie zustande gebracht. Der Begriff Design – auch als vormoderne Verbindung von Kunst und Technik, oder im Sinne der Moderne: Leben als Kunst, bei den Surrealisten beispielsweise, aber auch beim Bauhaus – ist somit ein weiteres Wort, um diesen einen Vorgang zu erfassen.

 

 

3. Es ist nicht nur interessant, was Flusser geschrieben hat, sondern auch, wie er geschrieben hat: Sie schlagen vor – wie in Ihrem Vortrag „Cotton Wool. On Flusserian Terminology“ an der Königlichen Akademie der Künste in Den Haag im Rahmen des Symposiums „Transcoding Flusser“ im April 2016 –, das Nachdenken über Flusser und das Analysieren seiner Texte zu ändern. Sie sagen, seine Texte hätten einen performativen Aspekt, mit dem sie den Leser beispielsweise einmal in diese Richtung, dann in eine ganz andere führen und ihm somit mehrere Perspektiven aufzeigen. Sie schlagen vor, „alle Texte Flussers als fiktionale Texte zu lesen“. Welche Vorteile bot ihm diese Art des Schreibens, gerade in Bezug auf das Schreiben über Design?

 

All dies fließt nun auch in Flussers eigene, zwischen den Sprachen und Medien hin und her nomadisierende Schreibpraxis ein. Er schreibt weder objektive, faktisch belegbare Texte noch rein literarische Arbeiten, sondern intersubjektive dialogische Philosophiefiktionen, auf der Grenze der Diskurse. Er designt seine Texte so, dass sie zwischen die Fronten geraten und der Leser aufgefordert ist, selbst produktiv zu werden. Seine Texte provozieren stets und fordern dadurch zum Widerspruch heraus. Design ist ja auch der Wille, Dinge herzustellen, die schön sind, funktional und zugleich zum Nachdenken anregen. Eine Welt neu designen heißt auch, die Welt grundlegend verändern zu wollen.
















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Dossier
Designliteratur
Jahr
2016
Disziplin
Designtheorie
Ausgabe
form 267
Links
flusserstudies.net
flusser-archive.org

In form 267 stellen wir das an der Universität der Künste Berlin beheimatete Vilém Flusser Archiv vor, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Flussers Art und Weise zu denken für die Öffentlichkeit lebendig zu halten und weiterzuführen. Sie können die Ausgabe online über unseren Shop bestellen.

Text: Anja Neidhardt