Ausstellungsbesprechung:
„Das Kapital.
Schuld – Territorium – Utopie“

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– 6. November 2016

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin

smb.museum



Für die Biennale in Venedig 1980 schuf Joseph Beuys die Installation „Das Kapital Raum 1970–1977“. In den 1970er-Jahren hatte sich in seinem Denken eine neue Definition für „Kapital“ herausgebildet. Beuys löste den Begriff vom Geldwesen und rückte das schöpferische Potenzial des Menschen in den Mittelpunkt des ökonomischen Denkens. Seine Idee wird mit „Kunst = Kapital“ beschrieben.

„Das Kapital Raum 1970–1977“ ist nun erstmals in Berlin zu sehen. Allerdings wird es nicht in einer Art White Cube oder nur für sich alleine gezeigt, sondern eingebettet in einer vielschichtigen Ausstellung, die Elemente aus unterschiedlichen Epochen, Disziplinen und Medien in Dialog bringt und so einen reichhaltigen Kontext schafft, in dem sowohl das Werk eine neue Bedeutung bekommt, aber auch der Blick auf alle anderen Exponate verändert werden kann. Die von Eugen Blume und Catheine Nichols kuratierte Ausstellung „Das Kapital. Schuld – Territorium – Utopie“ fragt und diskutiert, was „Kapital“ einmal war, nun ist – und, was es in Zukunft sein könnte.




Das Kapital im Kontext von Schuld, Territorium und Utopie

 

Die Ausstellung gliedert sich in drei Kapitel: Schuld, Territorium und Utopie. Zunächst wird die These aufgestellt, dass Schulden – materielle wie moralische – älter und grundlegender sind als Geld: Mit der Geburt beginnt das ökonomische Verhältnis zu den Mitmenschen, aber auch zur Welt. Diese Erbschuld, die in fast allen Religionen eine Rolle spielt, bildet sowohl die Voraussetzung als auch die Grundlage allen Gebens und Nehmens. Im zweiten Kapitel – Territorium – geht es vor allem um die sich in der frühen Neuzeit entwickelnde Verflechtung von Kapital mit der Eroberung und Umgestaltung von globalem Raum. Der dritte Teil – Utopie – hinterfragt den positiven, in der Kreativität begründeten Kapitalbegriff von Joseph Beuys. Die Ausstellung endet mit „Das Kapital Raum 1970–1977“. Da der Besucher allerdings umkehren und die Ausstellung erneut durchqueren muss, um zum Ein- beziehungsweise Ausgang zu gelangen, kann Beuys’ Werk auch als Dreh- und Angelpunkt, als Wende- und Mittelpunkt dieses räumlichen Diskurses beschrieben werden.

 

 

Im Dialog

 

Für die Kuratoren spielte bei der Konzeption die dialogische Form eine wesentliche Rolle, wie Catherine Nichols in ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung im Hamburger Bahnhof am 1. Juli 2016 sagte. „Was wir mit Dialog meinen, hat einerseits mit der Tradition des humanistischen Geistergesprächs zu tun, insofern wir viele, auch widersprüchliche Stimmen zum Thema Kapital vernehmen und befragen, wobei wir keinesfalls nur mit Toten reden“, so Nichols. Diese Stimmen erscheinen in der Ausstellung in Form von Zitaten, um die kleine Konstellationen von zwei bis fünf Objekten gruppiert sind. Die Zitate haben keine erklärende Funktion, sondern vielmehr eine fragende, suchende, impulsgebende. Insgesamt umfasst die Ausstellung 130 Exponate, von denen eine Vielzahl den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin entstammt. (Das älteste Objekt ist ein altbabylonischer Kaufvertrag für eine Sklavin, der im zweiten Jahrtausend vor Christus in Keilschrift geschrieben wurde.)

Die Kuratoren verwenden den Begriff „Dialog“ allerdings auch „im Sinne des imaginären Museums von André Malraux“, wie Nichols in ihrer Rede sagte. Sie haben „Kunstwerke und Artefakte aus unterschiedlichen Zeiten und Orten zusammengetragen, die miteinander sprechen, Objekte aus allen Bereichen der Kultur, die durch ihr Miteinander, durch ihr Neben- und Gegeneinander Denkbilder erzeugen, welche die Dimensionen des Kapitals, vor allem aber die Rolle des Menschen bei diesem ganzen komplexen Gewusel der spätkapitalistischen Gesellschaft erhellen“, so die Kuratorin.




Jan Sanders van Hemessen trifft auf Rihanna

 

Konkret bedeutet diese Vorgehensweise, dass beispielsweise im ersten Kapitel, in dem es um den Schuldenausgleich geht, folgende Kombination entstand: „Die Goldwägerin“, ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert von dem flämischen Maler Jan Sanders van Hemessen, und die Bergpredigtszene aus Pasolinis Matthäuspassion finden sich in Gesellschaft mit dem Trap-Music-Song „Bitch Better Have My Money“ von Rihanna und einem Zitat von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood, in dem es heißt: „Wir ernten, was wir gesät haben, jedenfalls möchten wir das gern glauben, und nicht nur das, sondern auch, dass irgendjemand, irgendeine Macht die Verantwortung für den Ausgleich der Konten übernommen hat“. Verschiedene Kulturen, Zeitalter, Weltanschauungen und Medien prallen hier aufeinander – erfolgreich, denn es entsteht tatsächlich ein vielschichtiges und reichhaltiges Gespräch, in dem es um die Ökonomie der Schuld und das Ideal des Gleichgewichts geht.

 

 

Offene Stellen

 

Die gestalterische Umsetzung der einzelnen Gespräche, die wie Inseln im Raum angeordnet sind, basiert auf leeren Glasvitrinen, die aus den Museen in Dahlem stammen (welche in das sich im Bau befindliche Humboldt-Forum umziehen werden). In Zusammenarbeit mit Raumlabor Berlin haben die Kuratoren so einen Raum erschaffen, in dem auch „offene Stellen“ (wie sie es selbst formulieren) existieren: Die leeren Vitrinen können als Fragezeichen und Projektionsflächen gesehen werden; sie funktionieren als Wände und Fenster, sowie als Rahmen und Spiegel. Insofern stehen sie auch als Sinnbild dafür, dass dieser interessante und reichhaltige Dialog über Kapital und der Versuch einer Definition von Kapital – und überhaupt, das Suchen nach Antworten für die Vielzahl an dabei aufkommenden Fragen – wahrscheinlich gerade erst begonnen haben und noch lange andauern werden.

















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Dossier
Ausstellungen
Jahr
2016
Disziplin
Kuration, Kunst
Ausgabe

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Text: Anja Neidhardt