Die Weltraumräume der Architektin Galina Balaschowa

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt

– 15. November 2015

dam-online.de


Wohnen auf engstem Raum, oder auch: Wieviel Kubikmeter braucht der Mensch?, das ist angesichts der Megastädte ein in der Gegenwart oft behandeltes Thema mit Geschichte. Werner Wirsing schlug im Olympiadorf München eine kubische Lösung vor, Thoreaus Walden gibt Auskunft, und Kisho Kurakawas Kapselhotels weisen in die Richtung, die auch die 1931 geborene Galina Balaschowa mit ihren Entwürfen für die sowjetisch-russischen Raumstationen einschlug: den Raum für das autarke Existenzminimum. Ihrer Arbeit widmet das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt aktuell eine Ausstellung. Was es bedeutet für den Weltraum zu gestalten, beleuchten wir ebenfalls in form 261. Lesen Sie den Artikel online oder bestellen Sie die Ausgabe in unserem Shop.




Die (Innen-)Architektin hatte allerdings wenig Einfluss auf die Raum- und Funktionsanordnungen, ihre Arbeit begrenzte sich auf Farbwahl, Oberflächen und Kleinmobiliar und in der Ausstellung bleibt unklar, was tatsächlich realisiert wurde. Das aber, was auf großteils enorm vergrößerten Zeichnungen und Aquarellen gezeigt wird, ist unbeschadet handwerklicher Qualität irritierend, zeigt es doch, wie sehr die heroische Moderne der frühen Sowjetunion selbst im industriell avanciertesten Bereich der UdSSR durch biedere Behaglichkeit ersetzt wurde. Zwar erinnern Stühle auch mal an Arne Jacobsen, allein, sieht man auf die wenigen Innenraumfotos, die scharfe Kanten, improvisierte Schalttafeln und unbeholfene Schraubverbindungen zeigen, wird deutlich, dass in den Raumschiffen nicht detailgenaues Design, sondern – allerdings funktionstüchtige – Bricolage die Gestaltung bestimmte. Von Moderne, wie in der Süddeutschen Zeitung behauptet, ist da keine Spur, kaum etwas vom Modernismus. Was man stattdessen sieht, sind groteske Zierstreifen fehlverstandener Stromliniengestaltung, mechanische Elemente, die tatsächlich die Startrek-Gleichung Klingonen gleich Russen schlüssig sein lassen, und Bücherregale, ein liebevoller Hinweis auf die damalige Lesenation UdSSR. Denn Balaschowa ging durchaus mit Empathie an ihre Aufgabe und nahm auch in Kauf, dass Aquarelle, die an die Heimat erinnerten, nach Ende der Nutzungsdauer verglühten. Und dass die Moderne ihre Sache nicht war – man betrachte nur einmal das eigene Bücherregal mit Kunstbüchern zu Ilja Repin, Rembrandt und Turner, aber eben nicht Tatlin oder Filonow – kann man Balaschowa nicht vorwerfen, man muss aber auch nicht das Gegenteil behaupten.

 

Kuratiert wurde die Ausstellung von Philipp Meuser, dem Entdecker Balaschowas, der auch ein Buch (↗ form 257, S. 108) über sie verfasste und im eigenen Verlag herausgab. In diesem Band ist dann wenigstens ein Hinweis auf Georgij Krutikow und seinen poetischen Ansatz der Raumfahrutopie zu finden, ein Ansatz utopischer Mobilität, der etwa von Panamarenko oder jüngst von Alfredo Häberli mit dem „Spheres“ für BMW fortgeführt wird (↗ form 260, S. 68). Doch das findet sich nicht in der Ausstellung, die dagegen für weitere Meuser-Bücher wirbt. Unberücksichtigt bleibt auch Naheliegendes wie etwa der Vergleich mit den zeitgleichen um 1970 entstandenen Entwürfen Raymond Loewys für die NASA, die tatsächlich Bezug auf die Eames’ nehmen, und auch der Hinweis auf die in Speyer gelandete Buran-Raumfähre unterbleibt.

 

So hinterlässt die Ausstellung einen zwiespältigen Eindruck, denn Frau Balaschowa ist nach jahrzehntelanger Anonymität ihre Ehrung aufrichtig zu gönnen, nur – ganz so unkritisch, nein, das sollte nicht das Niveau des Deutschen Architekturmuseums sein.

 

 

Jörg Stürzebecher



















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