Drei Fragen an:
Julia Kaiser

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Essen nimmt in unserem täglichen Leben einen großen Stellenwert ein. Hierbei geht es keinesfalls um pure Nahrungsaufnahme, sondern vor allem um Genuss und funktionale Aspekte wie Transport und Haltbarkeit. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist es nicht überraschend, dass auch Lebensmittel nach speziellen Anforderungen und Wünschen entworfen werden müssen. Neue Technologien und Forschungsergebnisse schaffen hierbei immer neue Möglichkeiten.




Doch neue Forschungsergebnisse und Technologien sind oftmals gar nicht nötig, denn bereits vergangene Generationen haben Probleme, wie beispielsweise die Kühlung von Lebensmitteln, ganz energiesparend und effektiv gelöst. Um daran zu erinnern und vergessene Kulturtechniken wieder aufleben zu lassen, hat sich die Studentin Julia Kaiser in ihrer Abschlussarbeit hiermit auseinander gesetzt und nach Möglichkeiten gesucht, fast vergessenem Wissen eine neue Anwendung zu geben. Wir haben Julia hierzu einige Fragen über ihr Produkt – die Glosch – gestellt. 

 

 

1. In Deiner Masterarbeit hast Du dich dem Thema der „Vergessenen Kulturtechniken der vorindustriellen Subsistenzwirtschaft“ gewidmet – was war der Grund für diese Spezialisierung?

 

Ausgangspunkt war die Beschäftigung mit dem Themenfeld der Urban Agriculture während meiner Bachelorarbeit und dem eigenen Anbau von Nutzpflanzen in unserem gemeinschaftlich genutzten Hinterhof auf St. Pauli in Hamburg. Viertausend Jahre lang haben Menschen gelernt, den Boden zu kultivieren und ihre Nahrung anzubauen. Innerhalb von zwei Generationen haben wir (fast) alles verlernt und die Herstellung der Industrie überlassen. Im Rahmen der Urban Gardening-Bewegung findet eine Art Re-skilling [Wiederaneignung von Fähigkeiten] statt, wie es die Organisation Transition Town Totnes umschreibt. Ziel der südenglischen Kleinstadt Totnes ist es, sich Stück für Stück unabhängig vom Erdöl zu machen. Die lokalen Wirtschaftskreisläufe in der Kleinstadt werden gestärkt, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern. Aus diesen und weiteren Anreizen entstand die These, dass Kulturtechniken der vorindustriellen agrarischen Bevölkerung vergessen wurden. Meine Intention war es, den Gestaltungsrahmen weiter zu fassen. Ich habe kein Objekt neu designt, sondern eine vorindustrielle Kulturtechnik neu interpretiert. Dadurch ergaben sich neue Kombinationen von Material und Form.




2. Wie hat sich der Entwicklungsprozess der „Glosch“ von anderen Produktentwicklungsprozessen unterschieden?

 

Bevor es mir möglich war, alte Techniken der vorindustriellen Zeit neu zu interpretieren, um daraus ein neues Design zu entwickeln, habe ich viel recherchiert. Es war notwendig, die Gesamtheit der sich selbst versorgenden agrarischen Bevölkerung jener Zeit zu verstehen. Nur so konnte ich den Mehrwert der vergessenen Techniken für die heutige Zeit erkennen. Die Glosch ist eine neue Interpretation der naturbelassenen Aufbewahrung von Wurzelgemüse in feuchtem Sand. Das Gemüse wird mit Hilfe des Prinzips der Verdunstungskühlung frisch gehalten. Heutzutage findet eine energieaufwendige Kühlung im Kühlschrank statt, zudem trocknet das Gemüse hierbei aus. Inspiriert wurde ich von der französischen Servierglocke „Cloche“ aus der gehobenen Gastronomie, die dort vor allem dazu dient, Speisen vor dem Servieren warm zu halten. Die ursprüngliche Cloche ist allerdings nicht doppelwandig und besteht häufig aus Silber oder Glas. Ich habe diese Version abgewandelt und aus der wärmenden Cloche eine kühlende Glosch entwickelt.

 

 

3. Wie bist Du auf diese alternative, aber altbekannte Technik der Kühlung von Lebensmittel mit Hilfe der speziellen Eigenschaften von Porzellan gestoßen?

 

Es galt ein Material zu finden, das auf der einen Seite Wasser hält, auf der anderen Seite aber auch die Verdunstung des Wassers ermöglicht. Das Ergebnis der Materialforschung: Doppelwandiges, bei niedrigen Temperaturen gebranntes und teilweise glasiertes Porzellan. Der Hohlraum zwischen der Doppelwand aus Porzellan ermöglicht es, Wasser zu halten. Aufgrund der niedrigen Brenntemperatur ist das Porzellan offenporig, sodass eine Verdunstung nach außen stattfinden kann. Das Innere der Glosch ist glasiert, was das Durchdringen von Feuchtigkeit verringert, sodass eine kontrollierte Luftfeuchtigkeit entsteht. Die spiegelnde Glasur verstärkt die Kühlung, ähnlich dem Funktionsprinzip einer Thermoskanne.
















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Dossier
Food Design
Jahr
2014
Disziplin
Produktdesign, Industriedesign
Ausgabe
form 256
Links
julia-kaiser.de
transitiontowntotnes.org

Weitere Produkte und Projekte zum Thema Food Design stellen wir in form 256 vor. Die Ausgabe kann online über unseren Shop bestellt werden. 

Text: Jessica Sicking