Drei Fragen an:
Max Brück

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Die ersten Objekte, die Max Brück baute, waren Waffen. Neben Pfeil und Bogen entstanden in seiner Kindheit auch technische Waffen wie Erbsenrohre und Zwillenrevolver. In einem Forschungsprojekt leitete er nun als Student an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach beim diesjährigen Rundgang eine Bauhütte, in der Gleichgesinnte Kindheitswaffen herstellen konnten. Ergebnisse des Workshops stellen wir in der Bildstrecke Take a Walk on the War Side in form 255 vor. Wir haben Max außerdem drei Fragen gestellt:




1. Waffen sind als Spielzeuge in jedem Kinderzimmer zu finden und üben auch später noch auf viele Menschen eine Faszination aus. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

 

Diese Frage ist meine zentrale Projektmotivation. Ich sehe meine Arbeit als eine Art Forschungsprojekt zur Beantwortung dieser Frage. Meine Arbeit ist derzeit an einem Punkt, an dem ich diese Frage größtenteils nur aus meinen eigenen Kindheitserfahrungen beantworten, aber auch schon einige objektivere Schlüsse ziehen kann. Ich bin in einem Dorf mit 900 Einwohnern aufgewachsen und habe immer viel draußen gespielt. In der Werkstatt meines Vaters konnte ich Waffen aus Holz und anderen Materialien bauen. Ich war allgemein handwerklich interessiert und würde bereits dies als eine erste Motivation für die Auseinandersetzung mit Waffen benennen. Mit den gebauten Waffen habe ich dann draußen gespielt. Wir haben kleine Schlachten gekämpft, Festungen gebaut und Mannschaften gebildet. Das war immer sehr aufregend, wild und aufwühlend. Manchmal hatte ich auch Angst. Das Bauen von Waffen hatte für mich auch immer etwas Verbotenes. Die Leute haben uns misstrauisch angesehen; man konnte mit den Waffen Aufmerksamkeit und Gefühle auslösen. Als 10-Jähriger ist es etwas Besonderes, jemandem Angst einzujagen.

 

 

2. Wie haben die Besucher des HfG-Rundgangs auf deinen Workshop reagiert? Was sagst du zu den gebastelten Ergebnissen?

 

Manche Leute haben meine Form der Auseinandersetzung mit dem Thema vollkommen abgelehnt. Ich denke, dass meine Herangehensweise gewissermaßen provokant war. Die Besucher wurden mit der direkten Herstellungserfahrung einer Kindheitswaffe konfrontieren. Ich habe keine Waffen ausgestellt, die ich vorher gesammelt habe, sondern versucht Besucher direkt zum Waffenbau zu motivieren. Das hat natürlich einige abgeschreckt, aber in erster Linie Aufmerksamkeit geweckt. Viele erinnerten sich plötzlich an ihre Kindheitswaffen und konnten meine Beobachtung der starken Präsenz von Waffenspielzeugen in der Kindheit nachvollziehen. In meiner Werkstatt wurden Waffen von Kindern und Menschen von über sechzig Jahren gebaut: Jede Altersgruppe konnte etwas mit dem Thema anfangen, wobei besonders ältere Generationen, die Kriege miterlebt hatten, interessante Ansichten vertraten, die nicht (wie von mir erwartet) immer grundpazifistisch waren. Die Ergebnisse waren stark unterschiedlich in ihrer Komplexität, erinnerten aber häufig in ihrer Form an echte Gewehre. Es ergaben sich häufig Gespräche zum Thema, wobei einige auch ohne den Hintergrund zu erfragen direkt an die Werkbank gingen und eine Waffe bauten. Besonders interessant wurde es, wenn eine Familie mit Kindern den Raum betrat. Manche Kinder durften von ihren Eltern aus keine Waffe bauen; das Gegenbeispiel war ein Vater, der mit seinen Töchtern fast zwei Stunden in der Werkstatt verweilte und mechanisch aufwendige Waffen mit ihnen entwarf. Grundsätzlich finde ich eine Unterdrückung des Waffenspieltriebs in der Kindheit falsch. Mein Vater hat mir auch beim Waffenbauen geholfen und trotzdem wurde ich gleichzeitig pazifistisch erzogen. Das heißt, dass ich glaube früh verstanden zu haben, dass Krieg schrecklich ist. Ich ging mit meinen Eltern in politische Ausstellungen und machte im fünften Schuljahr ein Anti-Irakkriegs-Poster für unseren Klassenraum. Das klingt nun nach Musterknabe, aber so war das nunmal und es geschah aus freien Stücken. Eltern sollten nichts unterdrücken, aber gleichzeitig erklären.




3. Wie wird es mit Deinem Projekt in Zukunft weitergehen? Dich interessiert zum Beispiel der Umgang mit Spielzeug-Waffen in anderen Kulturen. Ist eine Reise mit dem Waffen-Workshop geplant?

 

Mit meiner Werkstatt auf Reise zu gehen kann ich mir derzeit nicht vorstellen, aber es wird sicherlich andere Projekte zu diesem Thema geben, bei denen ich mir vorstellen kann, auch im Ausland zu arbeiten. Wie ich während des Rundgangs gemerkt habe, ist die Themenverbindung „Waffen“ und „Kindheit“ gesellschaftlich zwar stark präsent, wird aber nicht wirklich reflektiert. Man lehnt die Auseinandersetzung lieber direkt ab, anstatt sich damit zu konfrontieren. Mich interessiert, ob diese Einstellung in anderen Kulturen aufgeklärter ist und ob der kulturelle Hintergrund Einfluss auf den Umgang mit Waffen in der Kindheit nimmt. Ich habe alte Videos zu diesem Thema aus meiner eigenen Kindheit gesammelt. Ich hatte eine Digitalkamera mit Videofunktion. Mit Freunden zusammen habe ich Videos gedreht, in denen wir kleine Theaterstücke spielten, in denen häufig Waffen vorkamen. Ich möchte mit diesen Aufnahmen arbeiten und plane eine Videoinstallation. Hierfür werde ich anfangen ähnliches Videomaterial von anderen Menschen zu sammeln.


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Text: Susanne Heinlein