2. Oktober 2019

Dossiers

Interview mit Christian Zöllner 

Text: Charlotte Könenkamp

fabmobil.org

instagram.com/fabmobil

 

In der Print-Ausgabe Germany´s East haben wir sieben Projekten eine kleine Bühne geboten, die fernab der bekannten Kreativ- und Designmetropolen wie Leipzig und Berlin in Ostdeutschland beheimatet sind. Dabei handelt es sich um eine nicht-repräsentative Auswahl. Allen Projekten gemein sind jedoch Experimentierfreude und Engagement, Ideenreichtum und Mut. Nicht nur für strukturschwächere Regionen sind diese Beispiele zukunftsweisend, da hier post-industrielle Wirtschaft und Postwachstum schon gewissermaßen Realität sind. Oder wie es der Kühlhaus Görlitz Verein postuliert: aus Industriekultur wird Industrienatur. Hier können Sie das erweiterte Interview mit Christian Zöllner vom Fabmobil (Dresden) lesen. 

 

Wie entstand die Idee zum Fabmobil?

 

Seit circa 2015 beschäftigte uns die Frage, warum wir als Designer so auf urbane Zentren fokussiert sind. Was haben wir davon, mitten in Kreuzberg unser Designstudio zu betreiben? Was brauchen wir, um dieselbe Entwurfsqualität und Lust am Arbeiten auch auf dem Land zu haben? Schnell war da die Idee eines eigenen Coworking Spaces oder Experimentierlabors mit angeschlossenem Weiterbildungsangebot auf dem Tisch. Für noch mehr junge und experimentierfreudige Kreative auf dem Land. Schaut man aber genauer in die nicht-urbanen und dezentralen Räume in der Peripherie, dann wird deutlich, dass eine zentrale Immobilie nicht funktioniert. Es fährt ja kein Bus oder Zug dahin und alles ist immer irgendwie gleich weit weg. Also haben wir beschlossen, ein mobiles Labor zu entwickeln. So können wir zu den Leuten hinfahren und bei ihnen Workshops, Kurse oder einfach offene Werkstattzeiten anbieten. Aus dem eigenen Designstudio für uns auf dem Dorf ist ein fahrendes Weiterbildungslabor für alle geworden.

 

 Was bietet der „Goldtopf voller Ideen“ an?

 

Das Fabmobil hat alles an Board, was in eine gut ausgestattete (Digital-)Werkstatt gehört. Es gibt verschiedene 3-D-Drucker, einen Lasercutter, Folienplotter, Lötstation und Internet-of-Things-Equipment zum Hardware-Programmieren. Wir haben Laptops für Kurse und ganz analog auch Bohr-, Schleif- und Fräsmaschinen sowie eine riesige Auswahl an Material-Samples. In der buseigenen Bibliothek gibt es Bücher zu Design, Hacking und DIY-Kultur. Und natürlich sind auch die Workshop-Leiterinnen und -Leiter, die den Besuchern des Fabmobils helfen, ihre Projekte zu realisieren mit an Bord.



 

Hat sich durch das Fabmobil die Region Ostsachsen verändert? Und was können andere strukturschwache Regionen von Euch lernen?

 

Ob sich die Region durch uns verändert hat, ist noch schwer zu sagen, da die Einwirkungszeiträume von Social-Design-Projekten wie unserem sehr lang sind. Wir können sagen, dass sehr viele, vor allem junge Menschen, im Fabmobil sind, die das erste Mal als selbstständige Produzenten und nicht als Konsumenten mit Digitaltechnik in Berührung kommen. Einige kommen wieder und es gibt an manchen Orten, erste Verstetigungsversuche, eigene kleine Fab Labs zu installieren. Wir wirken als bundesweites Modellprojekt auch als Blaupause für viele andere Initiativen und beraten oft kleine und größere mobile Bildungsprojekte im Bereich Digitalkultur. Da die Projekte aber meist sehr kostenintensiv sind, tragen vor allem Länder oder der Bund die Initiativen. Die Regionen haben oft keine ausreichenden Budgets für so langfristige und große Vorhaben.

 

Einige Politiker fordern, dass die Fördergelder für den ländlichen Raum in die Ballungszentren fließen sollen. Wie seht Ihr das?

 

Solche Äußerungen folgen einer neoliberalen Verwertungslogik, dass nur profitable Regionen auch das Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse haben. Diese Schlussfolgerung ist schon an sich falsch und sie dann auch noch so indifferent zu kommunizieren ist fahrlässig. Ländliche Räume, wenn auch manchmal ökonomisch oder sozial dysfunktional, müssen darin gefördert werden, dass sie für sich langfristige Perspektiven entwickeln können. Und überhaupt: Was passiert denn, wenn sich die staatliche Förderung zurückzieht? Da haben wir dann Reichsbürger und Prepper, Crystal-Meth- und Alkoholabhängige und großflächige ökologische Verwahrlosung. Nein, danke.

 

Welche Projekte plant Ihr für die Zukunft?

 

Aktuell versuchen wir, uns und das Fabmobil in Ostsachsen obsolet zu machen. Mitte September veranstalten wir mit dem Komptenzzentrum für Kultur- und Kreativwirschaft des Bundes ein Innovation Camp zum Thema ländliche Räume im Kühlhaus Görlitz. Hierfür laden wir neben Akteurinnen und Akteuren aus der Lausitz auch Best Practice Beispiele und Initiativen aus dem Wendland, Sachsen-Anhalt, den Alpen und Baden-Württemberg ein. Designstudierende der Burg Giebichenstein unterstützen die Veranstaltung und übersetzten die Ergebnisse der Workshops in erste kommunikative Prototypen. Das wird klasse.

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Nº 284
Region of Design – Germany’s East

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