Linien, Flächen, Räume und verschiedene Grau.
Ferdinand Kramer im DAM

Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main

– 1. Mai 2016

dam-online.de


Nach fast einem Vierteljahrhundert ist in Frankfurt wieder eine umfangreiche Ausstellung zur Architektur Ferdinand Kramers (1898–1985) zu sehen. Besonderes Augenmerk wurde diesmal auf Kramers Holzbau im amerikanischen Exil zwischen 1938 und 1952 und die Wohnhausentwürfe nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt, im Mittelpunkt steht freilich Kramers Hauptwerk, die Planung und Ausführung der Frankfurter Universitätsbauten zwischen 1952 und 1967.




Die Zeit des „Neuen Frankfurt“, in der Kramer zunächst vor allem typisierte Einrichtungsgegenstände und Installationen entwickelte, wird exemplarisch mit der Siedlung Westhausen vorgestellt, die Arbeit danach bis zur Emigration 1938, die im Werkkatalog immerhin fast 100 Einträge aufweist, findet kaum Berücksichtigung. Das mag mit der Materiallage begründet werden können, zumal es sich um viele Umbauten vor allem von Wohnungen nach dem Beginn des Faschismus in Deutschland 1933 handelt, auch damit, dass Kramer zu stilistischen Kompromissen gezwungen war, allein, er baute auch in den USA nicht nur radikal-modern, und gerade das hätte zu Vergleichen anregen können. Doch sollte dieser Einwand nicht überbewertet werden. Denn als Ganzes wartet die Schau mit vielen sorgfältigen Details auf, den Modellen – besonders pfiffig die Vorher-Nachher-Darstellung des Universitäts-Hauptportals 1953 (Sebastian Gille) und das Projekt eines Wochenendhauses 1944 (Karol Wolczyk), das präzise visualisiert, wie aus Flächen Räume werden können –, den Reproduktionen von Farbdias, die Kramer von seinen Gebäuden gemacht hat und die nun erstmals in einer Ausstellung und im Katalog zu sehen sind, und nicht zuletzt mit dem schönen Detail der Beschriftung auf grauem Karton, die Kramers Vorliebe für Stahlbeton zitiert. Im Ausstellungsteil, der den Universitätsbauten gewidmet ist, wird großer Wert auf die Gegenüberstellung von historischem Bildmaterial mit aktuellen Fotografien von Norbert Miguletz gelegt, die – wenn auch gelegentlich dramatisch überhöht – die jahrzehntelange Vernachlässigung durch die Universitätsverwaltung erschreckend dokumentieren. Leider fehlt hierbei das jüngste Beispiel dieses öffentlichen Umgangs mit Kramer, die unsachgemäße Entfernung des Universitäts-Schriftzuges über dem Hauptportal im Herbst 2015.

Doch trotz vieler gelungener Darstellungen und neuer Forschungsergebnisse – wobei die Zuschreibung des Juridicums an Kramer, wie Fabian Wurm auf der Pressekonferenz richtig bemerkte, mehr als fragwürdig ist – ist das Kramer-Projekt des DAM problematisch. Denn während die vorangegangenen monografischen Vorstellungen von Ernst May, Mart Stam und Martin Elsaesser das Erdgeschoss des DAM füllten, steht für Kramer lediglich der erste Stock zur Verfügung, von Bel Etage mag man hier nicht schreiben. Und bei dem Katalog fällt schon bei dem Titel „Die Bauten“ statt alternativ „Die Gebäude“ auf, dass nicht dem Gemachten, der Konstruktion das Augenmerk gilt. Ärgerlich ist auch die Bibliografie, wo etwa der Aufsatz „Humor eines Funktionalisten“ von Charly Außerhalb (Diskus 1/2014) fehlt und auch der Katalog des Kunsthistorischen Instituts zu den Frankfurter Universitätsbauten aus dem gleichen Jahr unberücksichtigt bleibt, beides Belege einer Auseinandersetzung der jüngeren Generation mit Kramer. Während also Charly Außerhalbs politisch links stehender Kramer-Diskurs verschwiegen wird, gibt der Katalog dem Schriftsteller Martin Mosebach unter dem Titel „Aus diesem Philosophicum weht mich der pure Nihilismus an“ auf sechs Seiten Platz, gegen die konstruktive Moderne Kramers zu polemisieren und die Universität im IG-Farben-Haus, das bei Mosebach geschichtsvergessen und universitätskonform Poelzig-Bau heißt, zu feiern. Die Herausgeber mögen das als Diskussionsbeitrag betrachten, wer in der Architekturbuchgeschichte bewandert ist, fühlt sich an etwas anderes erinnert: an die Niedertracht, mit der Arthur Niggli einen Brief von Walter Gropius als Nachwort in das Hannes Meyer-Buch von Claude Schnaidt 1965 aufnahm, auf das der Herausgeber nur noch mit einer hektografisch vervielfältigten Darstellung aus seiner Sicht, die er an Bekannte verschickte, reagieren konnte. Doch gibt es zum Glück noch andere, Kramer gerecht werdende Beiträge in diesem Band.

 

Die Ausstellung „Linie Form Funktion. Die Bauten von Ferdinand Kramer“ ist bis zum 1. Mai 2016 zu sehen. Der im Wasmuth-Verlag erschienene Katalog kostet im DAM-Museumsshop 32 Euro, im Buchhandel 38 Euro. Das umfangreiche Begleitprogramm beginnt am 10. Dezember 2015 mit der Veranstaltung „Akteure des Stadtbildes: Campus, Kirche und Kommerz“ um 16 Uhr im DAM.

 

 

Jörg Stürzebecher



















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