30. Januar 2019

News

Nachruf Florence Knoll
(1917–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Ihr Nachname steht für weit mehr als einen Stil oder eine Epoche – er bezeichnet ein mit Unterbrechungen mehrere Jahrzehnte umfassendes Lebensgefühl der Angestelltenkultur, einen Aufbruch zur alltäglichen Moderne, einen nicht auf Verschleiß ausgerichteten weltweit erfolgreichen American Way of Life: Florence Knoll, die am 25. Januar 101-jährig gestorben ist.



 

Zusammen mit ihrem 1955 verstorbenen Mann Hans begründete sie die Möbelmarke Knoll International, deren Adjektiv nicht Versprechen war, sondern tatsächlich globalen Einfluss markierte. Zeitgenössische, nicht modische Entwürfe wie die einfachen Holz-Gurt-Sitzkombinationen des dänischen Entwerfers Jens Risom stehen am Beginn. Schon bald trat neben die zeitgemäße Alltagstauglichkeit das zeitlose Luxusobjekt. Das war 1948, als Knoll einen fast zwanzig Jahre alten Entwurf des in die USA emigrierten deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe wiederauflegte: einen tiefen, bald unter dem Namen Barcelona-Chair bekannt werdenden Sessel. Die Architektin Florence Knoll bewunderte Architekt wie Werk gleichermaßen, wollte nachholen, was dem Möbel aufgrund der Zeitumstände verwehrt geblieben war, und zwar eine angemessene Würdigung als konstruktiv innovatives und formal überzeugendes Möbel. Tatsächlich gelang ihr etwas ganz anderes, die Begründung eines neuen Produktsegments nämlich: die Re-Edition. Der Sessel selbst wurde zum essenziellen Bestandteil der Nachkriegsarchitektur in offenen, hellen Räumen und transparenten Wartezonen, den Lobbys, ergänzt auch durch eigene Entwürfe Florence Knolls, ihre Sideboards und Sofas. Der Knoll International-Stil war in der Welt, zunächst in den USA und dann in ganz Amerika, bald in Westeuropa, wo in der Schweiz die Firma Wohnbedarf den Vertrieb übernahm und die Herstellung modifizierte, ab 1951dannauch in (West-)Deutschland. Dort richtete Knoll zunächst von Stuttgart aus Firmensitze sowie Privatwohnungen ein. Dabei erreichte zumindest eine Möbelserie, die Stahldrahtstühle des Bildhauers Harry Bertoia, geradezu Popularität und fand sowohl in zahllose Haushalte des aufgeklärten Bürgertums Eingang als auch bei einer großen Frankfurter Reinigungskette, wo der Bertoia-Stuhl dann zum Teil des Corporate Designs wurde. Letzteres freilich war für den Barcelona-Chair nicht vorgesehen. Wer diesen, der mit Chrom und Leder gattungsbildend für Lobby-Einrichtungen wurde, erwerben wollte, konnte ihn nicht einfach kaufen: Knoll-Inneneinrichter begutachteten zuvor die Räume, ob sie denn auch würdig für so ein Leitprodukt der Moderne seien. Davon abgesehen, gelang Knoll, gerade auch mit den von Florence Knoll entworfenen Möbeln und Eero Saarinens Tischen und Stühlen, Erstaunliches bei der Entrümpelung überkommener Repräsentationsräume, etwas, was der Spiegel mit einer Titelstory über Produktgestaltung und deren Urheberin würdigte. Knoll, das stand für Leichtigkeit und Beweglichkeit, für den Wechsel von Orten – Knoll, das waren Entwürfe für das Zeitalter des alltäglichen Luftverkehrs und die Individualmotorisierung, die die Reise imPullman-Waggon und dem Ozeandampfer ablösten. Sogar das seit der Antike für Räume genutzte schwere Material Marmor erhielt so eine zeitgemäße, in den Tischen Saarinens fast schwerelos wirkende Umdeutung.



 

Dass all dies auch bekannt wurde, war Verdienst der hervorragenden Produktgrafik, zu der Herbert Matter mit grafischen Durchdringungen, Massimo Vignelli mit plakativer Seriosität und die von einer jüngeren Grafikgemeinde besonders verehrte Irma Boom mit haptischer Assoziativität beitrugen. Florence Knoll hat dieses grafische Engagement begründet und damit das Autorendesign aus der Werbung zu befreien mitgeholfen, und sie mag Begriffe wie den der zeitschriftenkompatiblen Eames-Ära belächelt haben: Sie wusste es besser. Wie aktuell ihre Arbeit ist, bezeugen nicht nur die schönen historischen Reminiszenzen, mit denen die Zeitschrift der Creativen Inneneinrichter gelegentlich schließt, sondern war in Deutschland zuletzt in Köln während der Möbelmesse 2019 zu sehen. Dort zeigte Markanto alte Produkte und neue Produktionen, die Florence Knoll entworfen hatte. Gleichzeitig nahmen im Themenschaufenster der Buchhandlung Walther König zu Möbeldesign historische Knoll-Publikationen breiten Raum ein. Für ein solches Lebenswerk sind diese Hinweise natürlich zu wenig, für die folgende Feststellung aber mag es genügen: Florence Knoll hat nicht nur ein Jahrhundert gelebt, sie hat es auch wie nur wenige mitgestaltet.

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