Generation Maker
Do-it-together

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Als der Berliner Van Bo Le-Mentzel 2010 seine Hartz IV Möbel vorstellte, war er nicht der erste Gestalter, der sich anschickte, Anleitungen für Möbel zum Selberbauen zu entwerfen und zu verbreiten. Vorgänger waren unter anderen in den 1970er-Jahren Enzo Mari (Autoprogettazione) und Victor Papanek zusammen mit James Hennessey (Nomadic Furniture). Die in jüngster Zeit wieder prominent gewordene Do-it-yourself-Kultur wird aber nicht nur von Designern vorangetrieben, sondern auch von der sogenannten Maker-Bewegung, die den Zusammenhang zwischen Design, Produktion und Nutzung grundsätzlich in Frage stellt. Ob sie ihn verändern wird, bleibt abzuwarten.




Die Rechnung mit allen machen

 

Um den Zusammenhang neu organisieren zu können, muss man die Rechnung allerdings mit allen daran Beteiligten – Designern, Produzenten und Nutzern – machen, damit ein „Do-it-together“ möglich ist. Thilo Schwer konstatiert in seinem Buch „Produktsprachen – Design zwischen Unikat und Industrieprodukt“ ( form 258, S. 102), dass unsere Warenwelt sich in den letzten vier Jahrzehnten stark ausdifferenziert habe. Es gebe immer mehr Produkte, die sich durch immer geringere Differenzen unterscheiden. Das führe gleichzeitig zu einer „neuen Selektionskompetenz“1 der Nutzer beziehungsweise Konsumenten: Wer sich bei dem riesigen Angebot für ein Produkt entscheiden will, muss sich zwangsläufig mit ihnen und ihren geringen Unterschieden auseinandersetzen. Weiterhin, so Schwer, sei „die aktivste Form der Auseinandersetzung mit Produkten [die] der Anpassung und Veränderung von Serienprodukten oder gar [die] Erschaffung von neuen Objekten aus industriellen Halbzeugen.“2 Die Maker-Bewegung macht es vor. Sie bringt Menschen gleicher Interessen an öffentlich zugänglichen Orten zusammen – seien es Fablabs oder Gärten im Stadtraum, Maker Fairs oder Online-Foren – um Wissen auszutauschen und gemeinsam Projekte und Produkte umzusetzen, also Dinge selbst zu machen, die sie eigentlich hätten käuflich erwerben können.

Dahinter stecken vermutlich Motivationen, die, statt am Fuß der Maslowschen Bedürfnispyramide an deren Spitze zu finden sind: Zum einen gibt es von Seiten der Nutzer den wachsenden Drang nach Individualität, der darin Ausdruck findet, Massenprodukte gar nicht erst zu kaufen, sie zu manipulieren oder eben selbst zu machen. Hinter dem Selbermachen kann auch der Wunsch nach Teilhabe an Produktionsprozessen stehen, von denen sich der Durchschnittskonsument mittlerweile komplett entfremdet hat. Angesichts der zunehmenden Komplexität unserer (Konsum)Welt kann auch das Verlangen dahinter stecken, wieder mehr Kontrolle über die eigene Lebenswelt zu erlangen. Oder einfach die Tatsache, dass es in den meisten Fällen Freude bereitet, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen.

Dabei stoßen Konsumenten und Nutzer heute auf technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Voraussetzungen, die es ihnen ermöglichen, diesen Bedürfnissen nachzugehen und anders zu konsumieren als zuvor. Allerdings findet das Selbermachen, ob allein oder in der Gruppe, vermehrt in der Freizeit statt und verläuft damit weitestgehend parallel zu konventionellen kommerziellen Prozessen, was die Maker-Bewegung vor allem als soziales Phänomen auszeichnet. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Abgesehen davon, dass vielleicht nicht jeder Wert darauf legt, Dinge selbst zu machen, braucht es dafür Zeit und Fähigkeiten, die sich (eventuell) erst angeeignet werden müssen. Wer acht oder mehr Stunden am Tag arbeitet, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat diese Zeit nicht und kauft sich die benötigten Dinge, die wiederum durch die Arbeit anderer entstanden sind, von seinem erarbeiteten Geld. Das war und ist der Grundgedanke von Arbeitsteilung, die erst zu unserer ausdifferenzierten Warenwelt geführt hat. Hier schließt sich der Kreis wieder, denn demnach verbleiben das Design und die Produktion von Dingen eben doch in den Händen Weniger.




 

Sind Maker die neuen Konsumenten?

 

Wenn man die Maker-Bewegung ernst nimmt, stellt sich nichtsdestotrotz die Frage, welche Perspektive sich daraus für einen neuen Zusammenhang von Design, Produktion und Nutzung entwickeln lässt, der sich dann „Do-it-together“ nennen könnte.

Abgesehen davon, das beim Selbermachen die oben genannten Bedürfnisse ausgelebt werden, findet ein Lernprozess statt, der die Beteiligten für den Entstehungsprozess eines Produktes sensibilisiert, weil sie ihn „begreifen“. Zum einen entsteht dabei ein Bewusstsein für die Konsequenzen der Entscheidungen, die im Prozess getroffen werden müssen. Zum anderen wird sich auch intensiver damit auseinandergesetzt, was das individuelle, selbstgemachte Produkt können soll, damit es dem eigentlichen Bedarf entspricht. So sensibilisierte Nutzer werden anders konsumieren, weil sie aufgrund ihres Wissens erstens bewusstere Kaufentscheidungen treffen und zweitens in der Lage sind, sich in den Entstehungsprozess aktiv miteinzubringen, weil sie wissen, welches Produkt sie brauchen und haben wollen. An dieser Stelle sei das Buch „Gebrauch als Design“ ( form 259, S. 110) von Katharina Bredies genannt, die darin dafür plädiert, den Gebrauch eines Produkts als Teil des Designprozesses zu begreifen und Dinge so zu gestalten, dass sie Aneignungen durch den Nutzer sogar provozieren.

 

 

Do-it-together

 

Wie könnte ein „Do-it-together“ aussehen? Das Ziel des neuen Zusammenhangs könnte sein, jedem Nutzer das Produkt zu verschaffen, welches er tatsächlich braucht und haben möchte, indem alle das zum Entstehungsprozess beitragen, was sie am besten können.

Bevor etwas Neues produziert würde, sollte sich gleichwohl vergewissert werden, ob das gewünschte Produkt nicht schon existiert, denn dann könnten materielle wie menschliche Ressourcen eingespart werden. Daraus ergäbe sich die erste Prämisse für den neuen Zusammenhang: Das Wissen über Produkte, ihre Entstehung und Verfügbarkeit sollte für jeden transparent und leicht zugänglich sein. Falls ein neues Produkt benötigt würde, wäre die Aufgabe des Designs – Prämisse zwei –, seine eigenen Prozesse so anzulegen, dass der Nutzer direkt an der Gestaltung beteiligt ist. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Nutzer das Produkt lang und gern gebraucht. Aufgabe der Produzenten wäre es als dritte Prämisse, Ressourcen, Kompetenzen und Informationen so zu koordinieren, dass das betreffende Produkt möglichst ressourcenschonend und sozialverträglich produziert werden kann. Damit das der Fall wäre, würden sich Produktionsstätten vermutlich dezentral und lokal ansiedeln, während die Tätigkeit der Produzenten mehr und mehr zum Service würde. Das Ergebnis wären Produkte, die eine annähernd hundertprozentige Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage darstellen: nicht ein Produkt beziehungsweise Design für alle, sondern ein Produkt beziehungsweise Design für jeden einzelnen, an dem aber „alle“ beteiligt sind. Mittels bestehender Informations-, Kommunikations- und Produktionstechnologien sollte das möglich sein, die Herausforderung bestünde letztlich darin, geeignete Geschäftsmodelle zu entwickeln.
















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Dossier
Tools, Low-Tech Solutions, Do-it-yourself
Jahr
2015
Disziplin
Produktdesign, Industriedesign
Ausgabe
form 259
Links
thilo-schwer.de
design-research-lab.org//katharina-bredies

 

1 Thilo Schwer, Produktsprachen – Design zwischen Unikat und Industrieprodukt, S. 116, Bielefeld: Transcript Verlag, 2014.

2 Ebd, S. 135.

 

Den ersten Teil dieses Textes finden Sie in form 259 und hier. Die Ausgabe kann online über unseren Shop bestellt werden.

Text: Franziska Porsch