In drei Richtungen weiter

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Seit dem Relaunch der form 2013 gestaltet das Microsoft Surface-Team um Ralf Groene die Backcover des Magazins. In form 250 haben wir mit Ralf Groene über seine bisherigen beruflichen Stationen bei Interform, Frog Design und Ideo, über den Computer der Zukunft sowie seine aktuelle Arbeit bei Microsoft gesprochen.

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Computer werden kleiner, leistungsfähiger und stehen in ihrem Design vor einer Weggabelung. Sie verschwinden ganz aus dem Sichtkreis der Nutzer, erhalten ein Upgrade zum Konsumfetisch oder folgen einer neuen Metapher.

 

Morgens um 11 Uhr in Seattle sitzt Ralf Groene an seinem Computer. Das Videobild zeigt einen fensterlosen Raum, hier in Zürich hat die Dunkelheit eingesetzt. Die Verbindung stockt anfangs und die Wörter ruckeln ein wenig. Wir haben 40 Minuten.

Ralf Groene: geboren 1968, über seine Arbeiten für Interform, Frog Design und IDEO kommt er nach dem Entwurf des Rocket eBook Readers nach Redmond und gestaltet ab 2006 für Microsoft die Arc Mouse, das Arc Keyboard und die LifeCam. Stephen Sinofsky, damals noch für Windows im Konzern zuständig, beauftragt ihn mit der Leitung des Designs eines ersten Microsoft Tablets, das heute unter dem Namen Surface erfolgreich im Markt lanciert ist. Derzeit befinden sich neue Geräte in der Entwicklung.

Nichts, was einen Computer der Zukunft ausmacht, entsteht ohne Vergangenheit. Was als tischgroßer Sur40 Surface Computer mit berührbarer Oberfläche beginnt, gemeinsam von Samsung und Microsoft entwickelt, steht heute, mit Surface, für etwas ganz anderes, das – mit einer per Touch Cover abnehmbaren Tastatur – eigentlich nur aus IN- und OUT-Komponenten zu bestehen scheint. Der Surface ist scheinbar ein Touch-Bildschirm, auf dem Windows 8 läuft. Und wer nicht tippt, der kann die bunte Tastaturklappe darum abnehmen. So stellt sich eigentlich eine komplette Umdrehung dessen dar, was immer noch unter der Kategorie Computer läuft. Der eigentliche Rechner ist so weit miniaturisiert, dass er fast nicht mehr ins Gewicht fällt. Nur die Ein- und Ausgabe seiner Daten bildet scheinbar das Gerät. Fast scheint es so, als würde der Rechner verschwinden, gäbe es nicht – noch – das Bedürfnis nach Tasten und einem Bildschirm vor den Augen.

 

Dem Verschwinden von zimmergroßen Mainframes folgt die Reduktion des Personal Computers, der bereits die Maus zum Opfer gefallen ist. „Atoms to Bit Migration“ nennt Ralf Groene diesen Weg. Die industrielle Herstellung eines Computers ist durch die digitale Revolution seit 30 Jahren auf den Kopf gestellt, und Geräte lassen sich nicht nur in Massen auf den Markt bringen, sie benötigen auch immer weniger Ressourcen, um exponentiell immer mehr Leistung aufzubringen. Moore’s Law scheint nicht nur für Prozessoren zu existieren. Und in diesem Prozess, der sich durch das industrielle Design neuer Modelle manifestiert, wachsen physikalisch verankerte Funktionen zusammen und verlieren ihre angestammte Form. Stichwort Virtualisierung. Wo früher noch ein Schalter war, reicht jetzt eine Geste auf kratzfestem Glas, hinter dem viele Geräte jetzt in einem Tablet zusammengefasst Platz finden. Ihre Simulationen lassen Videokonferenzen, Schreibtischarbeiten und die Herstellung oder den Konsum von Medien in einem Device zu. Der Vektor dazu ist einfach: Alles, was digital umgesetzt werden kann, wächst aus dem Analogen hinüber in Bits.

So gewinnt das Interface zunehmend an Bedeutung, das zu Zeiten des Mainframe-Computers schlicht aus einer Kommandozeile besteht und heute seinen langen Weg über eine Fenstermetapher und die Simulation von Stofflichkeit hin zur vielleicht ersten rein digital anmutenden Oberfläche von Windows 8 sucht. So dominant werden die ehemaligen Programm-Icons, die sich nun im Metro-Look gestaltet als Kacheln aufreihen, dass die schlichte Form eines Surface wie ein Echo auf sie wirkt. Das Gerät ist dazu da, direkten Zugang zur Software und ihrer grafischen Gestaltung zu ermöglichen.




Was nun, wenn man diese Hierarchie überspitzte und annähme, CEO Steve Ballmer entschiede, das nächste Windows solle als „Bubble 9“ herauskommen und die Kreisform sei ab jetzt die Grundform aller Anwendungen. Würde sich dann der Computer abrunden und seine Kanten verlieren?

Ralf Groene lacht und schüttelt den Kopf. Es folgt ein klares „Nein“. Nur wesentliche Softwareänderungen, die eine Unterstützung durch die Hardware benötigen, würde die Hierarchie verändern. Alles andere wäre reiner Schmuck. Und ein Computer habe ja auch nutzbar in seiner Handhabung zu sein. Das Touch Cover mit seiner faltbaren Grundform bilde auch einen Sockel, um die aufrechte Position des Surface zu stabilisieren. Ich nicke, ein ständig wegrollendes Tablet kann wohl nur als Scherzartikel auf den Markt kommen.

 

Aber wozu braucht man noch einen sichtbaren Computer, wenn in Zukunft eine Brille und ein Bewegungssensor in der Art einer miniaturisierten Kinect zum Computing genügen? Lässt er sich denn nicht bereits als unauffällige Streichholzschachtel mit Bluetooth-Verbindung in der Hosentasche tragen?

Denkpause. Software und deren Vernetzung stellten eine neue Welt her. Hardware unterstütze das. Verknüpfung von Hardware und Software werde zunehmend eher in Smart Objects mit einer starken Ausstattung an Sensoren für die Ein- und Ausgabe stattfinden. Kinect und Brillen sind IN/OUT-Devices, die in diesen Smart Objects sinnvoll verknüpft werden könnten. Und das Verschwinden eines großen, beigen Metallgeräts unter dem Tisch, das je nach Einfallsreichtum der Gestalter interessant in einem neuen Kontext erscheine, das könne doch nur positiv sein.

 

Verdinglichung

 

Ralf Groene hebt die Besonderheit der Universellen Maschine heraus. Der Computer ist mehr ein Schweizer Armeemesser. Er ist flexibel und übergreifend in seiner Funktion, er verändert sich in seiner Erscheinung, er verschwindet nicht wirklich. Der „Desktop“ als Analogie zum Schreibtisch verschwindet, die Darstellung einer Datei verliert ihre Papiermetapher. Das seien Übergangsmetaphern für unsere Generation gewesen, die man von bekannten Situationen ausgeliehen habe, um die Bedienung von Software einfacher zu machen. Authentisch digital bedeute aber heute, dass diese Metaphern abstrakter werden. Der Computer ist dazu die Bühne, die „Stage for Windows“, und implodiert zu einem Universalgerät, das unendlich viele Optionen bietet. Aber bei allem wird es physikalische Objekte geben, die aus gutem Grund nicht verschwinden.

Einwand meinerseits. Das Keyboard und das Cover können verschmelzen, und auch wenn virtuelle Tastaturen in einem iPhone vorhanden sind, will nicht jeder auf das Haptische an einem Computer verzichten. Allerdings hat man anhand der Euphorie um neue, aus Aluminium gefräste oder aus gepresstem und dann erkaltetem Magnesium gestaltete Computergehäuse das Gefühl, dass eine Gegenbewegung den neuen Fetisch generiert, der übermäßig viel Aufmerksamkeit für seine Oberfläche erhält. Er ist ein Schmuckstück auf dem Schreibtisch, auch wenn er vom gleichen Hersteller vielleicht als kleine silberne Schachtel in einer Schublade versteckbar wäre. Er ist der Altar, den man als Berührungserlebnis zelebriert und bis ins Kleinste edel gestaltet. Er wird zum Coffee-Table-Device.

 

Rückgriff. Hartmut Esslinger verwandelt in den 1980er-Jahren für Apple den ersten Computer zum Consumer-Produkt mit Styling. Ab 1995, zuerst mit den Macintosh LCs, dann ab 1998 mit den iMacs und ab 2001 den iPods/iPhones entsteht eine Umdeutung zur Medienmaschine, denn neue Anwendungen treten in den Vordergrund und machen deren Nutzung mobil. Und dabei geht keine der bisherigen Anwendungen verloren. Es entsteht aber die omnipräsente Maschine. Kein Verschwinden, sondern ein Konsolidieren der technischen Geräte in einem Tablet oder Smartphone lässt sich feststellen. Die Geräte, die noch existieren, etablieren sich als Icon für den modernen Menschen. „Ich lese Zeitung auf meinem Surface“ ist ein Lifestyle-Zeichen. So, wie der bewusste Verzicht auf Elektronik und eine Zeitung aus Papier dies auch sein können. Weil die zusammengefassten Geräte nicht mehr notwendig sind, bleiben die vorher dafür ausgegebenen Gelder für ein edel gestaltetes Gerät, das im oberen Preissegment liegt. Oder die Geräte erhalten einen schnelleren Kaufrhythmus. Moden erhalten Einzug in die Hardware-Welt. Das hippe Gerät zum Sommer ist denkbar. Das Neueste ist das Beste. Smartphones machen es heute schon vor. Das eine neue Gerät trägt dann den Markt und wird zum Statussymbol, das ein Unternehmen in wenigen Abwandlungen bis zu 50 Millionen Mal im Quartal verkaufen kann.




Neue Metaphern

 

Und immer noch reden wir über „Computer“, auch wenn die inzwischen telefonierenden Kartenleser mit Tonstudio und Schnittplatz oder Videokonferenz neben einem Fahrsimulator sind. Man kann auch damit noch rechnen. Das hätten wir jetzt fast vergessen. Eine Taschenrechner-App ist beim Zubehör des Betriebssystems immer noch zu finden. Aber all das kann man nicht mehr „Rechner“ nennen. Ein neuer Begriff steht an, denn die Kategorien stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und veralten. In den nächsten Jahren wäre dafür Zeit, denn zunehmend, so Groene, seien dynamische Small Objects zu erwarten, die noch nicht einmal einen Bildschirm haben müssen. So wie heute schon Tracker, die im Internet ihre Daten abgleichen. Je mehr Computing in der Cloud stattfinde, desto mehr Chips würden entwickelt, die in kleine Volumina passen.

Der interessante Aspekt für Gestalter sei es nun, diese neuen Möglichkeiten in neuem Kontext zu entdecken und sie wieder neu zusammenzuknüpfen. Also nicht eine Metapher ist zu sehen, sondern viele, für etwas, das Rechenkapazität zur Datenverarbeitung bereitstellt und aus diesen Informationen verschiedenster Art herstellt. Das ist die nächste Generation an Geräten, für die Designer viel bewusster arbeiten werden. Dass man darauf vielleicht seine E-Mail lesen kann, macht Devices dieser Art nur besser einsetzbar. Es wird sich auf jeden Fall der Formfaktor verändern. Selbst Interfaces müssen dabei nicht einmal mehr ein darzustellender Teil des Ganzen sein. Das macht Computer für Designer eher wieder interessanter, sie erfinden den Blechkasten mit Gebläse nicht ständig neu, denn das Verständnis und die Anforderungen an ein Gerät wandeln sich. Sie wandeln sich vielleicht sogar so weit, dass Teile des Computers in die Virtualität wandern. Schon heute bietet Microsoft Research erste Studien zur Stofflichkeit einer Grafik und gar zum Arbeiten im Screen an. Schnell ist man hier wieder bei Fragen, die sich um das Holodeck drehen, und schnell relativiert Ralf Groene. Es gebe einen Grund, warum nicht alle Komponenten eines Computers virtuell und nicht alle virtuellen Komponenten eines Screens haptisch erfahrbar sein werden. Das sei vom Nutzen abhängig, den diese Erfahrung stifte. Es mache einfach schon Sinn, gewisse physikalisch erfahrbare Erlebnisse nicht in den Screen zu verlagern. Jeder Gitarrist wisse, dass das Gefühl der Fingerkuppen auf den Saiten zum Spiel dazugehöre. Selbst wenn sich eine virtuelle Gitarre inklusive Saitenziehen inzwischen leicht auf einem Touchscreen simulieren lasse.

 

 

 

Harald Taglinger ging 1987 online und schreibt über das immer noch neue Medium. Er arbeitet seit den 1990e- Jahren von der Schweiz aus für unterschiedliche IT-Konzerne und widmet sich daneben noch diversen akustischen Projekten im Netz.













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Dossier
Smart Technology
Jahr
2013
Disziplin
Industriedesign, Produktdesign, Interfacedesign
Ausgabe
form 250
Links
microsoft.com/surface
taglinger.de

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Text: Harald Taglinger