Indiecon. Gespräch mit Malte Brenneisen und Urs Spindler

Heinrich-Heine-Villa, Hamburg

5. – 6. September 2014

wasistindie.de


Malte Brenneisen und Urs Spindler beschäftigen sich seit ihrer Masterarbeit an der Universität Hamburg mit dem Thema Independent Magazine. Im Rahmen ihres Abschlussprojektes entstand ein Blog, auf dem sie unabhängig publizierte Magazine mit verschiedensten inhaltlichen Schwerpunkten sammelten. Mittlerweile hat sich daraus ein Archiv entwickelt, das mehr als 100 deutschsprachige Publikationen umfasst. Im September organisieren sie nun zum ersten Mal ein Festival, das sich ganz dem Themenfeld Indiemags widmet. Die Indiecon bietet Podiumsdiskussionen, Workshops und natürlich viele spannende Vorträge. Mit dabei sind: Gabriele Fischer (brand eins), Oliver Gehrs (Dummy), Kai Brach (Offscreen), Josephine Götz (Päng! Magazin), Dirk Mönkemöller (The Weekender) und Steven Watson (Stack Magazines). Auch wir werden dort sein und die form vorstellen. Vorab haben wir mit den beiden Veranstaltern über ihre Arbeit und den anstehenden Kongress gesprochen.





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Was fasziniert euch an Indiemags? Was hat euch dazu gebracht, den Blog, den ihr als Studenten und während eurer Masterarbeit zum Thema Indiemags angefangen habt, weiter zuführen und immer größer werden zu lassen?

 

Wie heißt das noch? „Nur Leiden schafft Leidenschaft“ – wir finden es immer wieder erstaunlich, mit wie viel Hingabe sich unabhängige Magazinmacher ins Risiko stürzen, nur um ihre eigenen Ideen zu verwirklichen oder ihre Botschaften mitzuteilen. Das ist schon eine interessante Truppe: Die einen Macher sitzen tagsüber in der WG-Küche und telefonieren mit Anzeigenkunden wie BMW oder Google, während die Mitbewohner im Nebenzimmer Sex haben – wiederum andere Macher verkaufen schon mal ein paar ihrer Redaktionscomputer, nur um die nächste Druckauflage zu finanzieren. Letztendlich entstehen redaktionelle und gestalterische Magazinkonzepte, die am Bahnhofskiosk neben dem Spiegel oder der GEO stehen. Mit unserer Masterarbeit haben wir begonnen, uns für das „wie?“ zu interessieren. Für Publikumsmedien gibt es Pressedatenbanken wie den Zimpel oder Stamm, doch wir haben noch keinen Ort gefunden, der unabhängige Magazine und ihre Macher in Deutschland zusammenbringt. Unser Verzeichnis indiemags.de ist der Versuch, dieses riesige Feld nach und nach zu erschließen. Gleichzeitig wird indiemags.de immer mehr zu einem Ort für den Austausch und das Netzwerken der Macher untereinander. Deshalb organisieren wir in diesem Jahr erstmalig die Indiecon – ein Festival für unabhängige Magazine in Hamburg.

 

Wie weit gehen die Konzepte und strukturellen Hintergründe der einzelnen Magazine auseinander? Ist die Unabhängigkeit die einzige Gemeinsamkeit?

 

Indiemags könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind mal rund oder dreieckig, sehen aus wie eine Zeitung oder wie kunstvoller Buchdruck. Sie werden in Skateshops, Museen oder Kirchen verkauft, erscheinen in Großauflagen oder als limitierte Handfertigungen. Sie kosten 20 Euro oder gar nichts, informieren über Kunst, Hooligans oder Architektur. In unserer Masterarbeit haben wir zwischen drei Organisationsformen unterschieden: Titel mit hohem Organisationsgrad (GmbH, UG, KG, AG oder Mischformen wie eine GmbH & Co KG; Geschäftsführung, Satzung und Kapitaleinlage; Handelsregistereintrag, Buchführungs- und Bilanzpflicht), Titel mit niedrigem Organisationsgrad (GbR, Gewerbeanmeldung ausreichend; Gründer tragen volles unternehmerisches Risiko, haften privat) und nicht kommerzielle Titel (Vereine oder gemeinnützige Unternehmen). Daran lässt sich vielfach schon ablesen, ob es eher darum geht, ein bestimmtes Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, ob ein Magazin als Hobby oder nebenbei entsteht oder ob damit auch Geld verdient werden soll.

 

Wie definiert ihr diese Unabhängigkeit? Wann ist ein Magazin in euren Augen ein „Indiemag“?

 

Wir definieren eigentlich eher, was Indiemags nicht sind. Sie sind aus unserer Sicht nicht an eine Partei, Kirche oder öffentliche Körperschaft gebunden. Indiemags sind auch kein Corporate Publishing. Sie werden nicht von einem Unternehmen herausgegeben, das in erster Linie andere Waren oder Dienstleitungen verkauft als das Magazin. Indiemags richten sich an eine größere Öffentlichkeit, können also prinzipiell von jedem Interessenten gekauft und verstanden werden. Fachpresse und Mitgliederzeitschriften gehören demnach auch nicht dazu. Darüber hinaus sind Indiemags nach unserem Verständnis nicht an einen großen Verlag gebunden. Natürlich machen auch Verlage großartige Magazine. Aber wir glauben, dass es einen Unterschied macht, wenn Magazinmacher maximalen Gestaltungsspielraum bei ihren ökonomischen und redaktionellen Entscheidungen haben. Oder kurz: Die Chefs sind auch die Macher.

 

Ist das Prädikat „Independent“ zu einer Art Gütesiegel oder Auszeichnung geworden?

 

Puh, uns steht gar nicht zu, das zu bewerten. Kaum ein „Independent Magazine“ ist wirklich unabhängig. Einige müssen ihre Anzeigenkunden glücklich machen, andere sind auf den günstigen Journalisten, Grafiker oder Illustrator angewiesen, der die Inhalte liefert. Wiederum andere würden ohne den kreativen Kopf im Hintergrund eingehen oder ohne die Druckmaschine im Keller. Wenn wir von „Indie“ sprechen, meinen wir vor allem einen Möglichkeitsraum. Indiemags sind unabhängig von direkten Eingriffen in den Arbeitsprozess. Sie sind losgelöst von institutionellen oder ideologischen Barrieren, unabhängig von strengen Hierarchien und streben nicht unbedingt nach Gewinn.

 

Was habt ihr seit der Gründung eures Blogs beobachten können? Wie haben sich die unabhängigen Magazine im deutschsprachigen Raum verändert (inhaltlich und gestalterisch), wie ihre Szene?

 

Das Blog ist erst anderthalb Jahre alt – um eine Entwicklung abzuleiten, müsste man den Markt unabhängiger Magazine über einen viel längeren Zeitraum wissenschaftlich untersuchen. Unsere Recherchen für die Masterarbeit haben allerdings gezeigt, dass Indiemags nicht unbedingt etwas Neues sind. Das Attribut Unabhängigkeit hat sich für die Macher der Indiemags eher zum Schlagwort entwickelt,  um sich vom Mainstream etablierter Zeitschriftenpublikationen und Verlage abzugrenzen. Dabei scheint die Titelvielfalt weniger ein kurzlebiger Trend oder Teil einer aktuellen Gründungswelle zu sein, sondern eher ein langfristiges Phänomen. Zum Segment gehören nicht nur die populären Neugründungen von Großverlags-Aussteigern – wie zuletzt Nikolaus Försters Impulse oder Katarzyna Mol-Wolfs Hohe Luft. Laut Presseforschern reicht der Trend zur Unabhängigkeit bis in die Gründerzeit der Alternativpresse in den 1970er und 1980er Jahren zurück, wenn nicht sogar bis zu den ersten Flugblättern und Zeitungen im 16. Jahrhundert. Das älteste Magazin, das wir in unsere Untersuchung aufgenommen haben (Das Magazin) ist 1924 zum ersten Mal erschienen.

 

Was hat euch nun dazu gebracht, eine Konferenz zu organisieren?

 

Wir wollten 2013 eine Masterarbeit abgeben, die nicht in der Schublade landet und verstaubt, sondern vielleicht noch einen Beitrag leistet. Deshalb haben wir begleitend zu unseren Recherchen das Verzeichnis indiemags.de geschaffen – und sukzessive mit Infos aufgeladen. Ruckzuck bekamen wir die ersten Mails von Magazinmachern, die sich mit Titelbild und Informationen eintragen lassen wollten. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Wir lassen uns jeden Titel zuschicken, prüfen ihn nach unseren Kriterien und laden ihn schließlich hoch. Wir stehen in engem Kontakt mit vielen der bislang über 200 Magazinmacher. Immer wieder tauchen ähnliche Fragen auf, nach Verkauf, Vertrieb, Finanzierung, aber auch nach den Machern hinter bestimmten Titeln. Deshalb wollen wir mit der Indiecon – Festival für unabhängige Magazine jetzt auch in der Wirklichkeit in einen Austausch treten. Wir laden 150 nationale und internationale Magazinmacher nach Hamburg ein und nähern uns in Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops der Leitfrage „Was ist Indie?“. Erste Sprecher und ihre Antworten haben wir bereits auf der Website veröffentlicht.

 

Was erhofft ihr euch von der Konferenz?

 

Wir möchten durch den Austausch mit Experten noch besser verstehen, was sich hinter dem Indie-Begriff verbirgt. Das Spektrum wird sehr groß sein, vom Hinterzimmer-Druckwerk bis zum Massenprodukt. Wir glauben, dass der Austausch sehr befruchtend sein kann. Vielleicht finden sich ein Heft und ein Schreiber oder Fotograf. Vielleicht hat eine Macherin die Lösung für ein Problem, über dem eine andere Redaktion schon ewig brütet. Wir möchten die Macher von den Schreibtischen holen und zusammenbringen. Dafür schaffen wir die nötige Atmosphäre, mit duftendem Papier und einer guten Umgebung. Wir erwarten eine tolle Atmosphäre – denn den meisten Indie-Machern geht es um Transparenz und Gemeinschaft und nicht um Konkurrenz. Das ist aus unserer Sicht auch die Basis, auf der künftig starke neue Indiemags entstehen. Und noch ein Satz zu den Stichwörtern Transparenz und Gemeinschaft: Wir organisieren das Festival pro bono und neben dem Job. Was die Teilnehmer bezahlen, fließt direkt in die Veranstaltung. Ohne die ehrenamtliche Unterstützung unserer Freunde und Partner von Die Brueder ginge gar nichts – und auch nicht ohne Sponsoren wie Hoffmann & Campe, AZ Druck und Adobe Typekit.

 

 

 

Die Indiecon – Festival für unabhängige Magazine findet vom 5. – 6. September 2014 in der Heinrich-Heine-Villa, Hamburg statt. Tickets kosten für Förderer 150 Euro, für reguläre Teilnehmer 99 Euro und für Studierende 75 Euro. 



















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