27. September 2019

Dossiers

Insekten: Interview mit Annika Engelhardt

Text: Nina Sieverding

Insekten sind im Gespräch. Ob als Superfood der Zukunft oder als Thema in der Politik: Während Pestizide und Agrar-Monokulturen für ein großflächiges Insektensterben auf dem Land verantwortlich sind, gehört bei vielen Institutionen der eigene Stadthonig mittlerweile zum guten Ton. Kurse für Hobbyimker sind gefragt, Städteplaner überlegen sich neue urbane Strategien für Wildbienen.  Auch Designer setzen sich auf vielfältige Weise mit dem Thema auseinander.

 

Im Rahmen ihrer Masterthesis „Municipal Bees“ an der Hochschule für Künste Bremen entwickelte Annika Engelhardt mobile Bienennester für Wildbienen, die sogenannten Hive Bombs, die sie an das Prinzip der Seed Bombs aus der Guerilla-Gardening-Bewegung anlehnte. Die Hive Bombs können überall im Stadtraum verteilt und angebracht werden, zum Beispiel an Laternenpfeilern. Sobald die Hive Bombs von Bienen angenommen wurden, dürfen die Wildbienennester laut deutschem Naturschutzgesetz nicht mehr entfernt oder bewegt werden. Im Entwicklungsprozess der 3-D-gedruckten Bienenbehausungen testete die Designerin verschiedene Materialien wie Chitin und Bioplastik, entschied sich aber für Holzfilament, das sich im 3-D-Druckverfahren gut verarbeiten lässt. Wir haben Annika Engelhardt zu ihrem Entwurfsprozess befragt.



 

Wie bist du auf das Thema der Wildbienen gestoßen?

 

Ausgangspunkt für mein Projekt war die Frage, wie man Natur in unsere immer größer werdenden Städte integrieren könnte, ohne sie zu zähmen, um eine Art hybriden Lebensraum für alle Arten von Leben zu schaffen. Dabei war ich zum einen von den grünen Wolkenkratzern des Architekten Vincent Callebaut inspiriert, zum anderen von der Arbeit von Joyce Hwangs Studio „Ants of the Prairie“, welches sich ebenfalls damit beschäftigt, wie wir Tiere, die wir heute noch als Plagegeister bezeichnen würden, auf eine Art und Weise in Gebäude und in die Stadtplanung einbeziehen könnten, sodass sie zu wertvollen Bestandteilen unseres urbanen Alltags werden. Wildbienen habe ich letztendlich für einen ersten Versuch gewählt, Wildleben zu integrieren, da diese Bienen einerseits stark bedroht und andererseits sehr friedlich sind. Anders als staatenbildende Bienen würden die meisten Wildbienen nämlich eher das Weite suchen, als einen Menschen zu stechen. Und obwohl diese Bienen unheimlich wichtig für uns sind, werden sie nach wie vor oft unterschätzt und finden im Vergleich zu Honigbienen noch wenig Beachtung.

 

Wie lief der Entwurfsprozess ab?

 

Da es das Ziel war, wilde Natur in Städte zu integrieren, war es mir wichtig, dass der Entwurfsprozess der „Hive Bombs“ nicht zu sehr davon bestimmt wird, was ich als „gut“ oder „schön“ empfinde. Es gibt ja einige Nisthilfen für Insekten, die in Form eines Hotels daherkommen – das mag für uns zwar eine nette Idee sein, wirkt auf mich aber wie der Versuch, die Biene zu einem Haustier zu machen. Natur zuzulassen bedeutet auch, ihr nicht vorzuschreiben, wie sie sich zu präsentieren hat. Das macht die Gestaltung eines Objekts natürlich etwas schwierig, nachdem man seine eigenen Vorstellungen nie ganz außen vorlassen kann. Ich beschäftigte mich daher damit, wie Formen in der Natur entstehen. Im Gegensatz zu uns setzt die Natur keine Teile zusammen, sondern Formen entstehen durch natürliche Prozesse, beispielsweise durch Wachstum. Wie etwas wächst, wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst – Erbgut, Umwelteinflüsse und auch ein Stück Zufall. Diesen Gestaltungsprozess habe ich versucht für die „Hive Bombs“ zu übernehmen. Ausgehend von verschiedenen Grundformen, die ihrer späteren Verwendung angepasst sind, „wachsen“ kleine Röhren für die Bienen durch einen Algorithmus, der zwar ein paar Rahmenbedingungen festlegt, aber auch Zufall und individuelle Faktoren zulässt. Ich habe sozusagen versucht, für die Formgebung eine Art digitale DNS zu schaffen, einen Algorithmus, der immer neue Formen generiert, sodass das Ergebnis davon gelöst ist, was ich persönlich als „schön“ empfinde. 

 

Was können wir von Bienen lernen?

 

Die Natur ist unglaublich komplex. Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Bienen mit ganz speziellen Eigenheiten, was Nistplätze, Zusammenleben oder Futterpflanzen angeht. Nisthilfen lassen uns ein bisschen an dieser Vielfalt teilhaben, indem wir beobachten können, was sich sonst im Verborgenen abspielt. Das schließt auch Parasiten mit ein, die die Brut der Bienen in ihren Nestern zerstören. Aber genau wie die Bienen leisten auch ihre Gegenspieler einen wichtigen Beitrag für die Natur und auch ihre Zahl geht stark zurück. Bienen und andere Lebewesen hängen entscheidend davon ab, dass nicht jede Ecke unserer Umgebung aus aufgeräumten Gärten und Monokulturen besteht. Sie brauchen Kleinstrukturen, Unordnung, wilde, blühende Wiesen, eine Art von Spontanität, die auch uns Menschen gut tun kann. Wer freut sich nicht über eine bunte Blumenwiese – abgesehen von Allergikern? Wenn wir unsere Umgebung bienenfreundlich gestalten, tun wir nicht nur der Natur etwas Gutes, sondern auch uns selbst.

 

Was hast du während des Projekts gelernt?

 

Vor diesem Projekt wusste ich kaum etwas über Wildbienen. Hummeln können die meisten von uns noch ganz gut von Honigbienen unterscheiden, aber dass es auch zwei Millimeter kleine, unscheinbare Bienen gibt, war mir neu. Dass viele Bienen gar nicht in oberirdischen Nestern oder Bienenstöcken leben, sondern auf sandige Böden und Steilhänge angewiesen sind, war mir vorher auch nicht bewusst. Während des Gestaltungsprozesses habe ich außerdem viel über Parametrisches Design gelernt und mich immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie man Menschen grundsätzlich zum Mitmachen bewegen kann, auch wenn sie sich nicht so sehr für das zugrundeliegende Thema interessieren. So bin ich auf den Guerilla-Ansatz des Projekts gekommen – eine friedliche Rebellion, an der jeder Spaß haben kann.



 

Werden die „Hive Bombs“ in naher Zukunft käuflich verfügbar sein?

 

Nein, das ist derzeit nicht geplant. Das Material, aus dem die „Hive Bombs“ bestehen, ist zwar aus einem biologisch abbaubaren Holz-PLA-Gemisch, aber ob es wirklich ein gutes Material für Niströhren ist, konnte ich noch nicht sicher feststellen. Das Projekt war eher dazu gedacht, Möglichkeiten zu explorieren und Neugier zu wecken und auf diesem Weg auf Wildbienen aufmerksam zu machen. Und vielleicht inspiriert es auch andere, sich darüber Gedanken zu machen, wie wir wilde Natur zukünftig besser in unseren urbanen Alltag integrieren könnten und was das für uns bedeuten würde.

 

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