8. März 2018

Dossiers

Interview mit Arielle Bobb-Willis:
Der Prozess des Scheiterns bedeutet mir alles

Text: Kaja Ninnis

Anonym, androgyn und offensichtlich dem Scheitern nahe ist das menschliche Gebilde auf dem aktuellen Cover der form 276. Die 23-jährige New Yorker Fotografin Arielle Bobb-Willis treibt in ihren Arbeiten die menschliche Form an die Grenzen der Abstraktion und provoziert so Gefühle der Unbequemlichkeit und Fremdheit.

 

Die Modelle – meist aus dem Bekanntenkreis der Künstlerin – tragen farbenfrohe kontrastierende Secondhand-Kleidung und verrenken sich in absurd anmutenden Posen vor urbanen oder ländlichen Hintergründen. Der Mensch wird in Arielle Bobb-Willis’ Fotografie über Kleider und Textilien auf farbige Kompositionsflächen reduziert, sodass kein zentraler Fokuspunkt definiert werden kann. Inspiration für die Posen ihrer Modelle findet die Fotografin in der modernen Malerei, in der der menschlichen Form keine Grenzen gesetzt sind. Das Farbenfrohe in ihrem Werk hat seinen Ausgangspunkt in ihrer Begeisterung für die Kunst und Kultur von Kindern.

Das Medium der Fotografie entdeckte Arielle in einer von Depression gezeichneten Zeit, die sie als Teenager nach einem Umzug von New York in eine Kleinstadt in South Carolina durchlebte. Das Medium bot einen therapeutischen Rückzugsort, an dem sie ihre künstlerische Sprache fand. Die dafür bis heute anhaltende Faszination veranlasste Arielle zum Fotografiestudium in New Orleans und letztendlich zu ihrer heutigen Tätigkeit als freie Fotografin in New York.



 

Wie bereitest Du Dich auf Fotoshootings vor?

 

Mein Vorbereitungsprozess ist jedes Mal ein bisschen anders. Manchmal sehe ich einen Ort, an dem ich gerne fotografieren würde und baue dann darauf auf. Ich liebe sehr lange Spaziergänge, auf denen ich neue Farbspektren entdecke, je nachdem in welchem Bundesstaat ich mich zu dem Zeitpunkt befinde. Bis jetzt ist New Orleans definitiv meine Lieblingsstadt zum fotografieren, die Stadt gibt mir viel Spielraum im Hinblick auf Farbe und Komposition.

Außerdem treibe ich mich viel in 99 Cent- und Secondhand-Läden herum und verliere mich in all den wahllosen Dingen, die man dort finden kann. Dort finde ich viele meiner Ideen. Ich bin dort super konzentriert und es macht mir Spaß, all die möglichen Requisiten zu sehen, seien es Eisstiele oder ein übergroßer pinkfarbenen Anzug. Es ist für mich eine großartige Möglichkeit, nach innen gekehrt zu sein und mich darauf zu konzentrieren, was vor mir liegt.

Die Skizzen, die ich vor einem Fotoshooting mache, sind nicht sonderlich gut, helfen mir aber als Stichpunkte während Shootings. Normalerweise zeichne ich in mein Tagebuch oder ein anderes Notizbuch, das ich zu dem Zeitpunkt benutze, und notiere zusätzlich darin, wie ich mich fühle. Falls ich viele Ideen auf einmal habe, ist das eine gute Hilfestellung, um alles zu organisieren, sodass ich während des Fotoshootings nichts vergesse.

 

 

Welche Kamera benutzt Du? Wie entwickelst Du Deine Fotos?

 

Ich habe eine Nikon N80, das ist die einzige Filmkamera, die ich in den vergangenen zehn Jahren benutzt habe. Diese Kamera hat mich in die Welt der analogen Fotografie eingeführt. Ich habe mit Digitalfotografie angefangen, woraufhin der Wechsel zu analog umso erhellender für mich war. Ich verliebte mich in diese sanfte Körnung analoger Fotos und versuche diesen Effekt bei meinen digitalen Fotos in Photoshop nachzubilden. Ich bin außerdem großer Fan von weitwinkligen, Festbrennweiten-Objektiven, aus dem einfachen Grund, dass mir Konsistenz sehr wichtig ist.

Im Kunstraum meiner Highschool hatte ich eine Dunkelkammer eingerichtet, darin habe ich mich allerdings nicht sehr wohl gefühlt. Für mich war es einfach wichtig, so viel wie möglich über Fotografie zu lernen, zu sehen, wie ich meinen Film verarbeiten will und inwiefern das zu meiner Arbeitsweise passt. Wenn es darum geht, endlich meine Fotos entwickelt zu sehen, bin ich sehr ungeduldig, deswegen gehe ich zu einem Entwickler in Brooklyn, den ich zufällig bei einem Spaziergang entdeckt habe. Es ist ein sehr kleiner Laden, aber der Besitzer ist super nett und lässt mich meine Bilder immer schon am nächsten Tag abholen.

 

 

Bearbeitest Du Deine Bilder im Nachhinein?

 

Ich improvisiere viel, während ich fotografiere, deswegen ist es meistens ein ungefilterter Strom an Ideen. Wenn ich meine Fotos auf den Kopf drehe oder auf die Seite kippe, passiert das definitiv im Nachhinein. In der Bearbeitung ist es mir möglich, stundenlang das gleiche Motiv anzustarren, wenn ich möchte. Hingegen wenn ich fotografiere, bewege ich mich viel schneller und versuche, so viele Ideen wie möglich umzusetzen. Ich liebe es, danach Zeit zu haben, herunterzukommen und die Bilder meiner Vorstellung entsprechend nachzubearbeiten.



 

Findest Du neben der Fotografie auch Inspiration in anderen Künsten?

 

Maler werden mich immer am meisten beeinflussen – Sister Gertrude Morgan, William H. Johnson, Benny Andrews, Beauford Delaney etc. Aber seit kurzem bin ich tatsächlich total von Straßenfotografie inspiriert. Ich trage meine Kamera nicht immer bei mir, deswegen benutze ich zurzeit mein iPhone, um kleine Eindrücke aus meinem Alltag einzufangen. Ich denke, ich fühle mich zur Straßenfotografie hingezogen, weil man bei ungeplanten Motiven besonders viel Geduld braucht, um das perfekte Foto zu schießen und das ist etwas, das ich stark bewundere und respektiere. Der Fotograf, von dem ich aktuell am meisten inspiriert bin, ist definitiv Alex Webb.

 

 

Was fasziniert Dich an der menschlichen Form?

 

Es gibt viele Aspekte, die mich existenziell an der menschlichen Form faszinieren. Für eine lange Zeit hatte ich das Gefühl – und bis zu einem gewissen Grad habe ich es noch immer –, dass ich meinen Körper bloß miete oder dass er mir gegeben wurde. Ich hatte nie das Gefühl, er würde mir gehören. Ich wollte untersuchen und reflektieren, wie der Körper als ein fremdes Objekt gesehen werden kann oder sich anfühlen würde. Mit der Dissoziation von seinem Ich hatte ich bereits zu kämpfen und das kann man wohl auch in meinen Arbeiten erkennen. Ich bin definitiv die Art von Mensch, die nicht gerne im Mittelpunkt steht. Es ist mir lieber, dass meine Arbeiten die ganze Aufmerksamkeit bekommen. Ich kann also verstehen, wie die Anonymität meiner Subjekte damit in Verbindung gebracht wird. Die ganze Zeit auf Instagram zu sein und permanent mitzubekommen, wie viel Gewicht dem Gesicht und Schönheit zugeschrieben wird, da wollte ich mir selbst treu bleiben und nicht nur Spiegel dessen sein, was meine Mitmenschen für cool halten. Ich würde gerne Neues wagen und mit spezifischeren Personengruppen zusammenarbeiten, die mit dem gleichen Thema konfrontiert sind und die gleichen Emotionen erleben. Wir werden sehen – die Möglichkeiten sind endlos!



 

Was bedeutet es für Dich, im kreativen Prozess zu scheitern?

 

Der Prozess des Scheiterns bedeutet mir alles. Ich denke, meine Arbeit kommt aus einer Zeit, in der ich das Gefühl hatte, persönlich bei allem zu scheitern, was ich versucht habe. Die Langzeitdepression, die ich durchlebt habe, war der Grund, warum ich überhaupt erst angefangen habe zu fotografieren. Oftmals, wenn ich das Gefühl hatte, irgendwo gescheitert zu sein, habe ich mich der Fotografie zugewandt, um zu genesen und präsent zu bleiben. Ich hatte definitiv Meilensteine, Höhen und Tiefen und kreative Abgründe in meiner Fotografie, die lediglich eine Reflexion dessen waren, wie ich mich selbst wahrgenommen habe, wie ich mich gefühlt habe und was ich persönlich zu dem Zeitpunkt durchlebt habe. Über zehn Jahre hinweg hatte ich das Gefühl, meine Arbeit wäre nicht so ausdrucksstark, wie ich es gerne gehabt hätte. Ich musste sie aber weiterverfolgen, weil ich auch ohne die Resonanz von Außenstehenden die Fotografie brauchte, um glücklich zu sein. Beharrlichkeit und mutiges Scheitern sind auf jeden Fall Tugenden, die ich beibehalten möchte. Obwohl ich harte Zeiten erlebt habe, war es meine Entscheidung, diese in etwas Besseres zu verwandeln. Ich musste viele Male aufs Neue lernen, dass schlechte Erfahrungen Positives hervorbringen können und das ist, was meine Fotografie für mich persönlich repräsentiert.

 

 

Gibt es ein Objekt in Deinem Alltag, ohne das Du nicht leben könntest?

 

Ja! Ich bin großer Tagebuch-Fan. Ich hatte in jedem Lebensjahr seit der fünften Klasse ein Tagebuch. Damals habe ich angefangen, jeden Tag darin zu schreiben. Nichts Poetisches oder so, sondern mehr ein unmittelbarer Bericht über meine Gefühle. Ich glaube, es wird sehr inspirierend und erfrischend sein, diese Tagebücher zu lesen, wenn ich älter bin. Ich will einfach nie vergessen, dass ich immer noch das gleiche Mädchen bin, das ich mit elf, 16 und 20 war. Ich will diese Personen nicht einfach in meinem Kopf vergraben und diese Momente vergessen, egal wie peinlich sie waren. Die Sache ist die, ich kaufe kaum noch Tagebücher. Entweder finde ich Notizbücher in meiner Wohnung oder meine kleine neunjährige Schwester überlässt mir eines von ihren. Ich liebe es, in ihre Malbücher zu schreiben, weil sie nie alle Seiten füllt. Und um die vorhandenen Zeichnungen liebe ich, herum zu schreiben, weil ich Kinderzeichnungen einfach toll finde. Sie hat kürzlich zum ersten Mal ein ganzes Notizbuch mit Zeichnungen gefüllt und ich durfte es behalten. Es ist unglaublich, ich habe versucht, alle Zeichnungen meiner Geschwister aufzubewahren. Als mein kleiner Bruder fünf war, schrieb er meiner Mutter eine Karte zum Muttertag, auf der stand: „Dear mom, You are beyond love“ [Liebe Mama, du bist jenseits von Liebe]. Ich war so beeindruckt, dass ein Fünfjähriger so etwas schreibt, dass ich ein Bild davon gemacht, es ausgedruckt und bei jedem Umzug mitgenommen habe. Eines Tages möchte ich all ihre Zeichnungen einrahmen und aufhängen.



 

Wie schätzt Du die aktuelle Lage zeitgenössischer Fotografie und Kunstproduktion ein?

 

Ich sehe ständig neue Bilder und Kunstwerke und verliebe mich immer wieder aufs Neue in die Fotografie. Die eine Sache, gegenüber der ich – wie viele andere Kreative auch – eine Hassliebe empfinde, ist die Tatsache, dass es so viele Inhalte in den sozialen Medien gibt. Es ist leicht, sich in dem Rauschen zu verlieren. Ich schätze diesen direkten Zugriff auf Inspirationsquellen, aber wenn es darauf ankommt, reflektierte Gedanken und Ideen zu entwickeln, muss ich alles ausschalten und mit mir alleine sein. Deswegen glaube ich, dass es für diese Generation wichtig ist, eine gesunde Balance zu finden.

Ich werde mich auch für immer und ewig dafür einsetzen, Menschen mit schwarzer Hautfarbe in abstrakter und zeitgenössischer Kunst zu begegnen und ich freue mich darauf zu sehen, wohin mich das führen wird. Außerdem umgebe ich mich gerne mit sensiblen, empathischen Menschen, deswegen würde ich gerne davon ausgehen, dass das meine Generation ebenfalls wertschätzt. Dies ist eine Zeit, in der Menschen offen gegenüber anderen einzigartigen Vorstellungen von Glück sein sollten. Es gibt viele Millennials, die so sind und das schätze ich sehr. Ich selbst möchte immer offen und anerkennend gegenüber anderen sein, in meiner Arbeit und im täglichen Leben.

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