Interview mit Danit Peleg:
Demokratisches Modedesign

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2013 standen die Versuche von Designern und Architekten, die Grenzen der Nutzung von 3D-Druckern für ihre Bereiche auszuloten, im Zenit. Aus dreidimensionalen Computermodellen gingen deckungsgleiche Designobjekte hervor. Noch im selben Jahr präsentierten Designer erstmals visuelle und inhaltliche Gegenentwürfe zu der äußerst exakten 3D-Technologie. Sie rückten den Anfang aller Ideen – die gezeichnete Linie –  wieder in den Fokus. Im Jahr 2015 entwickelten sich aus dem ungezwungenen Spiel von Zwei- zu Dreidimensionalität Stücke, die als Hommage an diese Grenzüberschreitungen zu verstehen sind. Die Umsetzung bringt eine eigene Ästhetik hervor, die sowohl die Zerbrechlichkeit als auch den Standpunkt jeder Idee widerspiegelt: Am Anfang und am Ende steht die Linie. 

Die Modeentwürfe Danit Pelegs sind ein weiteres Beispiel dafür, wie die Exaktheit des 3D-Drucks in lebendiges Design übersetzt werden kann. Wir haben mit ihr über die Möglichkeiten der Technologie, ihre Demokratisierungseffekte und die Zukunft der Modeindustrie gesprochen.




Ihre 3D-gedruckte Modekollektion stößt aktuell auf sehr viele positive Reaktionen in der Medienlandschaft. Bei dem Projekt handelt es sich um Ihre Abschlussarbeit, mit der Sie im Juli diesen Jahres an dem Shenkar College of Engineering, Design and Art in Israel Ihr Studium abgeschlossen haben. Ihre Kollektion ist darauf ausgelegt, von Zuhause aus ausgedruckt werden zu können. Erzählen Sie uns von dem Projekt.

 

Es handelt sich um meine Abschlussarbeit, an der ich das gesamte Abschlusssemester über gearbeitet habe. Das waren insgesamt neun Monate. Schon seit jeher hatte ich ein großes Interesse an speziellen Textilien. Während meines Studiums habe ich mich darauf fokussiert, einzigartige Stoffe herzustellen. Gereizt hat mich dabei besonders, Wege zu finden, um neue Technologien und Mode miteinander zu kombinieren. Während meines Abschlusssemesters habe ich mich dafür entschieden, meine Recherchen auf den 3D-Druckprozess auszurichten; auch um zu verstehen, warum nicht mehr Menschen ihre Kleidung Zuhause selbst ausdrucken.

Anfangs habe ich ein Video über mein Projekt gepostet und es wurde innerhalb von zwei Wochen mehr als vier Millionen Mal angeschaut. Eine solche Reaktion habe ich wirklich nicht erwartet. Ich dachte mir schon, dass es auf Interesse stoßen wird, aber nicht in dem viralen Ausmaß. Ich denke, dass das Projekt eine Verbindung zu der Vorstellung der Menschen herstellt, wie die Zukunft von Mode aussehen könnte.

 

 

Auf Ihrer Webseite sagen Sie, dass sie glauben, „dass Technologie den Demokratisierungsprozess von Mode unterstützen wird“. Als Ihre Inspiration für die Kollektion geben Sie das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von EugèneDelacroix und die darin vorhandenen geometrischen Strukturen an. Wie hängt Mode und Demokratie zusammen? 

 

Ich habe mich frei gefühlt, während ich an dem Projekt gearbeitet habe. Ich musste in keinen Handel gehen, um Stoffe zu kaufen, die ein anderer für mich gestaltet hat – ich konnte sie einfach ausdrucken. Ich denke, das ist der Grund, der mich dazu bewegt hat, dieses Projekt umzusetzen. Das ist auch, was der Titel des Delacroix-Gemäldes impliziert. Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden, „Liberté“ auf den Rücken der roten Jacke meiner Kollektion zu schreiben. Es bedeutet „Freiheit“ auf Französisch.

In Zukunft wird es mehr 3D-gedruckte Mode geben, aber sie wird anders aussehen als heutzutage. Was ich getan habe, ist einen Beweis für die Machbarkeit zu liefern. Ich habe jetzt die Möglichkeit eine Jacke digital, als Email zum Beispiel, zu versenden, die dann in einem anderen Haushalt ausgedruckt werden kann. Wenn ich über Demokratie spreche, meine ich, dass es einfacher wird, Modedesigner zu sein und seine Designstücke zu verbreiten. Heutzutage benötigt man ein Geschäft oder eine Verbreitungsplattform, um den Käufern die Kleidung bereitstellen zu können. Man muss eine Menge Produktions- und Transporthürden überwinden, um ans Ziel zu gelangen. Wenn aber jeder die Möglichkeit hat, Kleidung online zu gestalten und zu verkaufen, die der Kunde Zuhause ausdrucken kann, wohnt dem die Möglichkeit inne, Mode zu demokratisieren. Dieser Prozess ist mit dem zu vergleichen, was sich durch Youtube für die Videoproduktion geändert hat.

 

 

 

Wie unterscheiden sich Ihre Stoffe und Ihr Stil von bisherigen 3D-gedruckten Modekollektionen der vergangenen Jahre? Als weithin bekannte Beispiele wären hier Amelia Agosta oder Iris van Herpen zu nennen.

 

Es haben bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits einige Designer mit 3D-gedruckter Mode experimentiert: Iris van Herpen, Nervous Systems mit ihrer „Kinematics“-Serie (siehe form 254) etc., aber sie alle verwendeten große industrielle Drucker, die sehr teuer sind und den Effekt haben, dass sich die Materialien wie Plastik anfühlen.

Die Möglichkeiten der 3D-gedruckten Stoffe haben mich schon immer umgehauen. Ich war für ein Praktikum bei dem Modekollektiv Threeasfour in New York, deren Kollektion ebenfalls 3D-gedruckte Kleidung beinhaltet. Die Stücke waren wunderschön, aber wurden aus hartem Plastik hergestellt, sodass die Models sich mit der Kleidung nicht hinsetzen konnten. Da sie mit industriellen 3D-Druckern ausgedruckt wurden, hatten wir zusätzlich nur einen Versuch, um sie herzustellen. In meiner Kollektion wollte ich versuchen flexible Materialien herzustellen, was die Schlüsseleigenschaft von real verwendbaren Stoffen darstellt. Ich habe für die Arbeit Filaflex verwendet, was eine neue Art von Faser ist – sie ist stark, trotzdem sehr flexibel und außerdem mit herkömmlichen 3D-Druckern druckbar.

 

 

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen: Wie sehen die Modeindustrie und die Aufgaben von Modedesignern aus, wenn 3D drucken eines Tages nicht mehr teuer und somit jedermann zugänglich sein wird?

 

Ich glaube, dass es bloß eine Frage der Zeit ist, bis wir günstige und bessere Drucker auf dem Markt sehen, mit denen man „tragbare“ Materialien ausdrucken kann. Falls sich die Technologie bedeutend verbessert, sehe ich da auch die Zukunft der Modeindustrie. Die Konsequenzen wären weitreichend – weniger Transportkosten, mehr Individualisierbarkeit und vor allem die Demokratisierung von Design. Jeder kann dann Kleidung herstellen.

So wie wir heute „virale“ Videos sehen, könnte man in der Zukunft „virale“ T-Shirts sehen, die irgendjemand gestaltet hat und plötzlich jeder trägt.



















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Dossier
Israel, Tools, Material, 3D-Druck, Mode
Jahr
2015
Disziplin
Modedesign
Ausgabe
form 262
Links
danitpeleg.com

Weitere Projekte zum Spannungsfeld zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, Linie und Objekt finden Sie in form 262. Das Magazin kann online über unseren Shop bestellt werden.

Text: Ann-Katrin Gehrmann