Interview mit Ezri Tarazi

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Ezri Tarazi ist Produktdesigner und Designtheoretiker. Das Tarazi Studio gründete er 1996 in Shoham und realisiert seitdem neben kommerziellen Projekten für Kunden wie Microsoft oder Airwell auch experimentelle Produkte, Installationen und Ausstellungen. An der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem unterrichtet er Industriedesign und koordiniert zudem in Zusammenarbeit mit Gesche Joost (↗ form 249, S. 34) und Bianca Herlo die Kooperation mit der Universität der Künste Berlin (UdK Berlin). Kai Rosenstein traf ihn während des Symposiums „Community Now? The Politics of Participatory Design“, das vom 19. bis 21. Februar 2015 am Jüdischen Museum Berlin stattfand, zum Interview.

 

Mehr zum Thema Design aus Israel finden Sie in form 259.




Können Sie als Einstieg Ihre persönlichen Prinzipien, Ideen und Ihre Philosophie des Designs beschreiben?

 

Für mich ist Design eine Schnittstelle verschiedener Dinge und keine geschlossene Disziplin. Es hat keinen eigenen Charakter, im Gegenteil: Es passt sich der Situation, den Umständen und den zu kombinierenden Elementen an. Alles begründet auf der Herausforderung, der Notwendigkeit, dem Wunsch interessant zu sein und dabei die Wirklichkeit und die beteiligten Personen zu offenbaren. Was mit Design zu tun hat, ist dynamisch und kein fest umrissener Bereich.

 

 

Auf dem Symposium „Community Now? The Politics of Participatory Design” am Jüdischen Museum Berlin haben Sie über die „Beispielhaftigkeit” von Dingen gesprochen. Dieser Begriff suggeriert, dass Design die Möglichkeit birgt, anders zu sein.

 

Ganz genau. Ich wollte den New Baghdad-Tisch zeigen, weil er zum ersten Mal 2005 in Mailand ausgestellt wurde, exakt vor zehn Jahren. Damals unterschied er sich vollkommen von allem, was normalerweise in Mailand gezeigt wird, und hat deshalb große Wellen geschlagen. Einige Leute haben ihn gehasst, anderen gefiel er und manche haben sich darüber lustig gemacht. Aber betrachtet man ihn und die Vision dahinter heute, verstehe ich es als ein Beispiel. Zu dieser Zeit haben Objekt- und Möbeldesigner in Mailand nie versucht, auf politische Ereignisse zu reagieren. Stattdessen zeigten sie komfortable Sofas oder hübsche Leuchten. Dementsprechend war es ein Schock für das System. Rückblickend würde ich es als eine Art Prophezeiung beschreiben. Ich habe 2003 in Jerusalem an dem Projekt gearbeitet, zwei Wochen vor dem Angriff auf den Irak durch die Alliierten. Der New Baghdad-Tisch ist schwierig zu bauen, ein filigranes Puzzle in Form eines Stadtplans. Er besteht aus zusammengeschweißten Aluminiumprofilen, mit denen sich nur schwer eine flache Oberfläche erstellen lässt. Tatsächlich ist das Ergebnis noch viel unbändiger als zunächst gedacht – wie auch die aktuellen Geschehnisse im Irak und Syrien viel zerstörerischer sind. Meiner Ansicht nach ist das etwas „Beispielhaftes“, eine Antwort, eine Reaktion auf etwas Radikales, das in meiner Heimat unmittelbar bevorsteht. Es war spontan. Ich war in einer Fabrik, die sich auf einem Hang am Jordan befindet. Ich hatte soeben die Nachrichten im Radio gehört und beschloss, den Baghdad-Tisch sofort umzusetzen. Erst später kam ich dazu, mir Gedanken darüber zu machen, was passiert war. Ich zog eine Lehre daraus und begann darauf zu achten, was in der Welt geschieht, um darauf zu reagieren.

 

 

Würden Sie die Arbeit an politischen Fragen und Themen als die soziale Rolle des Designs beschreiben?

 

Definitiv. Der Baghdad-Tisch war ein radikales Beispiel, aber alles, was man als Designer tut, ist ein politischer Akt. Wenn ich etwas für Ikea entwerfe, ist das ein politischer Akt: Ich kooperiere mit dem weltweiten Massenmarkt der Ikea-Kultur. Einmal habe ich Ikea-Lampen zerkleinert und sie mit Müll kombiniert, den ich auf der Straße gefunden hatte – auch das war eine Art politische Reaktion, ich habe kontra-kooperiert. Ich will damit nicht sagen, dass es verboten ist, mit großen Firmen zu kooperieren, aber man muss sich seiner Verantwortung bewusst sein. Das gilt auch für die Lehre.

 

 

Das bringt uns zur Bezalel und als Forschungspartner auch zu dem Projekt „Community Now? The Politics of Participatory Design”. Können Sie als Lehrender ihre persönlichen Erwartungen an die Kooperation mit der UdK Berlin beschreiben?

 

Zunächst halte ich die Kooperation an sich für das Wichtigste, die Tatsache, dass Gesche Joost, Bianca Herlo und ich begonnen haben zusammenzuarbeiten. Ich würde behaupten, dass sogar der erste Schritt, also das Vorhaben zu beschließen und die Finanzierung zu organisieren, sehr wichtig war, weil wir begannen, uns zu fragen, wie die jeweils anderen denken. Man teilt seine Ideologie mit und findet heraus, dass Leute – zum Beispiel in Deutschland – über vieles genau gleich denken. Natürlich sind wir uns über gewisse Dinge auch nicht einig, aber es gibt mehr Gemeinsamkeiten. Ich glaube, Hochschulen arbeiten häufig isoliert voneinander und sind sich gar nicht bewusst, wie sehr sie sich bei großen Fragen einig sind. Somit haben wir zunächst hinsichtlich der Gemeinsamkeiten kooperiert und dann auch versucht herauszufinden, wo wir unterschiedlich vorgehen. Wir haben verschiedene Kulturen und Einstellungen und können deshalb voneinander lernen.

Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Einer unserer Studenten kommt aus einem Kibbuz (israelische Kollektivsiedlung) im Norden Israels. Einige Austauschstudenten sind dort für eine Nacht geblieben und haben das Konzept eines Kibbuz kennengelernt. Der Student spielt auch Oud, eine traditionelle Gitarre, die in Syrien und Ägypten zu finden ist. Stellen Sie sich also eine Gruppe von Studierenden vor, die bei ihm zu Hause im Kibbuz sitzt, er spielt einheimische Musik und sie verbringen so den Abend zusammen. Ich glaube, deutsche Studierende werden so etwas nie wieder erleben. Es ist sehr wichtig, sich so einer anderen Kultur und Sichtweise zu öffnen.

 

 

Was ist die Motivation dieser Studierenden? Gibt es ein spezielles Interesse an Jerusalems Kultur?

 

Ich denke, in Jerusalem und an der Bezalel zu sein, ist eine der besten Wege den Mittleren Osten kennenzulernen. Momentan kann man nicht nach Bagdad oder Damaskus reisen, aber an der Bezalel zu sein, fühlt sich an wie das, was wir die Trennlinie zwischen West und Ost nennen. Ich selbst nenne es den „Wosten“. Das gleiche passiert zur Zeit in Berlin. Für die deutschen Studierenden sind es, glaube ich, diese Ähnlichkeiten, die die Anziehungskraft ausmachen. 




Können Sie uns mehr über die Struktur des Bildungssystems an der Bezalel erzählen?

 

Die Bezalel wurde 1906 als Kunsthandwerksschule gegründet. Sie wurde 1929 aufgrund des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft geschlossen und dann 1935 von Leuten wiedereröffnet, die aus der Bauhaus-Bewegung kamen. Diese jüdischen Studierenden und Lehrenden – vor allem die Lehrenden – verließen Deutschland wegen der Schließung des Bauhauses. Sie kamen nach Israel, fanden die Bezalel in geschlossenem Zustand vor und eröffneten sie als neuen Bauhaus-Ableger wieder. Das war sogar bevor das Bauhaus in Chicago öffnete. Die Bezalel ist also der erste Nachfolger des Bauhauses. Die Bezalel basiert stark auf der Bauhaus-Philosophie, die besagt, dass man von der ersten Woche an kreativ und praktisch tätig sein muss. Wenn man einen Vergleich zu anderen internationalen Designinstitutionen zieht, an denen der Start viel akademischer verläuft, dann ist die Bezalel ganz anders. Wir legen großen Wert auf die Vermittlung von Technologie, die Arbeit in den Werkstätten und die Kreativität der Studierenden. Sie verbringen viel Zeit in den Werkstätten. Ich glaube, das ist etwas, was deutsche Studierende lieben, weil sie diese Erfahrung in Deutschland manchmal gar nicht machen können.

Wir haben eine Struktur aus Bachelor und Master. Im Master gibt es drei Stränge: Einer beschäftigt sich mit Design und seiner Kritik durch das Gestalten. Er kommentiert das Design und bildet so einen kulturellen Gegenpol. Der zweite ist Designmanagement. Und dann gibt es noch einen dritten, der sich Design and Technology nennt.

 

 

Wie Sie bereits erwähnt haben, ist es wichtig, Studierenden aufzuzeigen, was in der Welt vor sich geht und was das mit Design zu tun hat. Ist das Bestandteil des Bachelors oder nur der Master-Programme?

 

Nein, das ist nicht nur Thema beim Master. Ich denke, wir haben viele Projekte, die das auch schon im Bachelor beinhalten. Wir sehen viel soziale Innovationen und Social Design in den Abschlussprojekten des vierten Jahres. Wir haben spezielle Kurse zum Design für ältere Menschen, für Gemeinden, für besondere Bedürfnisse etc. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Vor einigen Jahren haben wir in Mailand eine ganze Ausstellung gezeigt, die Design zum Erforschen von Situationen sammelte. Das war möglich, weil wir als Kuratoren festgestellt hatten, dass viele unserer Lehrenden in ihren Kursen auf das reagierten, was in der Welt passierte. Einer beschäftigte sich etwa mit der Situation nach dem großen Tsunami. Der ganze Kurs gestaltete Lösungen für Situationen vor oder nach Naturkatastrophen, zum Beispiel einen speziellen Tisch für Schulen, unter dem Kinder im Fall eines Erdbebens Schutz finden können. In Mailand war die Ausstellung eine Art Schock, da dort für gewöhnlich hübsche Avantgarde-Stücke gezeigt werden.

 

 

Was, denken Sie werden die wichtigen Themen der nächsten Jahre sein? Was möchten Sie unbedingt an ihrer Hochschule und auch in Kooperation mit den deutschen Hochschulen etablieren?

 

Meiner Ansicht nach geht es nicht nur um Israel und Deutschland. Ich denke, wir müssen hinsichtlich dessen, was auf der Welt vor sich geht, kooperieren, nicht nur hinsichtlich der Probleme Deutschlands oder Israels. Ich hoffe, dass wir ein Entwicklungszentrum für globale Veränderungen und Herausforderungen sein werden und zusammen mit unseren Studierenden daran arbeiten, diesen zu begegnen. Es ist heute klar zu sehen, dass der Fortschritt, den die Technologie möglich gemacht hat, nicht mit allen Gemeinden der Welt geteilt wird. Im Gegenteil, es gibt größere Lücken, größere Unterschiede, eine stärkere Trennung und mehr Chaos. Was geht da vor sich? Wir haben geglaubt in einer teilenden Gemeinschaft zu leben. Um herauszufinden, warum das so passiert, müssen wir zuerst nachforschen und uns dann mit spezifischen Projekten annähern, die als Prototyp und Inspiration für andere dienen. Es wäre toll, wenn wir zusammen an gemeinsamen globalen Herausforderungen arbeiten könnten.

Ich arbeite momentan sehr viel in Lateinamerika, eine sehr interessante und herausfordernde Gegend. Das gilt unter anderem auch für den Mittleren Osten und Afrika. Es ist ein riesiges Feld, wenn man alles bedenkt, von der Bildung bis zum Gesundheitswesen. Mit neuen Technologien und Möglichkeiten kann alles neu gestaltet werden. Und ich glaube, wir haben noch nicht einmal die Oberfläche von dem angekratzt, was mit der richtigen Einstellung möglich wäre. Einiges ist nicht dafür gedacht, Verbesserung zu schaffen, sondern Profit abzuwerfen. Das ist okay, große Unternehmen müssen an den Profit denken. Aber Bildungssysteme, Regierungen etc. müssen das menschliche Wohlergehen im Blick haben. Wir sollten eine Alternative bieten. Wir müssen sogar. Wenn wir es nicht tun, wird es wahrscheinlich kein System tun. Wir sehen es als eine Rebellion.

 

 

Ezri, vielen Dank für das Interview. 
















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2015
Disziplin
Produktdesign
Ausgabe
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udk-berlin.de
tarazistudio.com

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Text: Susanne Heinlein