Interview mit Felix Lindner:
Wie möchte ich, dass „etwas“ aussieht?

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Die Brosche diente anfänglich dem Schließen von Gewändern und Kleidern. Nach der Erfindung des Knopfes verlor sie diese Funktion und wurde reine Zierde, ohne jedoch die zentrale Eigenschaft von Schmuck als Bedeutungsträger und Distinktionsmittel einzubüßen. Frei von der Einschränkung, um den Hals, am Finger oder am Handgelenk getragen werden zu müssen, bietet die Brosche zeitgenössischen Schmuckkünstlern und -designern die Möglichkeit, auf kleinstem Raum grundlegende Gestaltungsdimensionen wie Form, Farbe, Material und Komposition zu verhandeln. Fernab vom Massenmarkt entstehen dabei Objekte an der Schnittstelle von Kunst, Design und Handwerk, die auch ohne klassische Edelmetalle auskommen.

 

Der ausgebildete Goldschmied und studierte Schmuckgestalter Felix Lindner verbindet in seinen Broschen verschiedene Prinzipien, unter anderem: die Rückseite ist aufwendiger gestaltet als die Front. In einem Interview erklärt er uns, woher diese rühren, in welchem Verhältnis edle zu unedlen Materialien stehen und welche Funktionen Schmuck heute besitzt in seinen Augen.




Wie kommt Ihre Materialwahl zustande? Worin liegt für Sie der Reiz von unedlen Materialien?

 

Ich wähle Materialien, weil ich in ihnen besondere Qualitäten sehe. Das sind vor allem ästhetische Eigenschaften wie Farbigkeit, Struktur oder Textur. Zum anderen sind es technische Materialeigenschaften, die es mir ermöglichen, mit den gegebenen Mitteln ein gestalterisches Vorhaben umzusetzen.

Ich möchte kurz auf den Begriff „edel“ eingehen. Unter naturwissenschaftlichen (chemischen) Gesichtspunkten wird ein Material als edel bezeichnet, wenn es unter Umwelteinflüssen eine hohe Beständigkeit aufweist. Im Fall von Gold, Platin und Silber ist diese Beständigkeit extrem hoch. Dann gibt es noch eine Bedeutung von edel, die sich eher ökonomisch begreifen lässt. Ein Material ist edel, wenn es selten und begehrt ist – natürlich sind beide Deutungen von „edel“ miteinander verknüpft.

Unser allgemeines Schmuckverständnis ist von Edelmetallen und Edelsteinen geprägt. Tatsächlich ist der Gebrauch von „unedlen“ Materialien im Schmuck eine alte Geschichte. Tierzähne in Amuletten der Steinzeit, exotische Schalen und Früchte in Renaissance und Barock, Gusseisen im 19. Jahrhundert sind allesamt Beispiele, die unedle Materialien zeigen, die in ihrer Epoche eine besondere Wertschätzung erfahren haben und von zivilisatorischen Ereignissen zeugen. Die Abbildung zeigt ganz gut, was ich meine – wer würde heute auf die Idee kommen, eine Kokosnuss als Kostbarkeit zu präsentieren?

In diesem Sinne greife ich auch bewusst auf unedle Materialien wie Kunststoffteile zurück. Kunststoff ist ein Material, das für hohes technisches Können und gleichzeitig für Ressourcenverschwendung steht, aber dennoch fantastische Farben und Materialqualitäten offeriert. Kunststoff hat in der Schmuckgestaltung eigentlich seit seiner Entdeckung einen festen Stellenwert. Interessanterweise findet Edelmetall in meinen Arbeiten einen ähnlichen Gebrauch wie in dem Kokosnusspokal. Es ist die verlässliche Größe, chemisch beständig und handwerklich relativ einfach zu verarbeiten, die es ermöglicht, das Material zu fassen und zum „edlen“ Gebrauchsobjekt zu machen. Die allgemeine Abmachung, dass es sich um ein besonders wertvolles Metall handelt, berücksichtige ich dabei natürlich auch. Das erzeugt in Kombination mit Kunststoff dann eher einen Kontrast.




Welches Konzept, welche Prinzipien verfolgen Sie in Ihren Broschen-Arbeiten?

 

Seit circa 18 Jahren mache ich Broschen, bei denen die Vorderseite aus einem Fundstück oder einer reduzierten Form besteht. Die Rückseite ist im Vergleich zur Vorderseite oft aufwendig gearbeitet. Bei dieser Arbeitsweise treffen mehrere Prinzipien aufeinander.

Am Anfang steht ein recht archaisches Prinzip: Man findet ein Objekt, es erregt Aufmerksamkeit, man findet Gefallen an ihm und möchte das kommunizieren. Man hängt es sich um, steckt es sich an und stellt es aus.

Meine Arbeit als Gestalter besteht darin, eine technische Lösung zu finden, die dem Charakter des Objekts folgt und es zur Brosche, zum Schmuck macht; mir also hilft, den Status des Objekts zu ändern.

Die Gestaltung der Rückseite ist auch ein Spiel mit dem Thema Broschierung. Der Titel des (zugegebenermaßen etwas skurrilen) House-Tracks „How to do that (in a new way)“ von Jean Paul Gaultier war dabei irgendwie immer ein Leitfaden für mich. Natürlich versuche ich dabei ästhetische Auffassungen zu formulieren und zu kommunizieren.

 

 

Schmuckstücke haben immer mehrere Facetten, die offensichtlich kommunizierte Botschaft und die ideelle Bedeutung. Das ist ein weiteres Prinzip, von dem meine Broschen handeln. Ein (plattes) Beispiel ist der Trauring – jeder kann ihn sehen und verstehen. Doch der Name des Partners und das Datum der Trauung sind auf der Innenseite eingraviert und bleiben damit neben anderen Wundern und Katastrophen, für die der Ring steht, den meisten verborgen.

 

 

Welche Funktionen hat Schmuck in Ihren Augen heutzutage?

 

Genauer betrachtet ändert sich eigentlich nichts: Schmuck ist zweckfrei und verschönernd. Schmuck zeichnet aus, das heißt, er grenzt seinen Träger ab und/oder macht ihn zugehörig. Schmuck hat neben seiner reellen Existenz eine Bedeutungsebene. Das sind wesentliche Funktionen, die Schmuck seit Urzeiten hat und die er auch heute noch erfüllt. Wer sich mit „zeitgenössischer Schmuckkunst“ schmückt, positioniert sich und wendet sich klar an den „gebildeten Betrachter“.




Welche Vorteile und Möglichkeiten bietet die Brosche als Schmuckstück im Vergleich zu anderen, wie der Kette beispielsweise?

 

Broschen trägt man auf Kleidungsstücken. Sie sind eine Weiterentwicklung von Schmuckstücken, die ursprünglich die Funktion von Gewandschließen hatten. Daraus ergibt sich eine räumliche Distanz zum Körper. Broschen sind der Schmuck, den man angezogen nach Außen trägt. Sie bilden also eine relativ abstrakte Plattform, die dem Gestalter mehr Freiheit einräumt, um Ideen zu kommunizieren.

Ketten und Ohrschmuck funktionieren teilweise direkt auf der Haut. Der Körper ist viel präsenter. Beim Entwerfen von Ketten oder Ohrschmuck treten für mich plötzlich andere Themen in den Vordergrund: beispielsweise Ideale von Schönheit, Weiblichkeit und die erotische Seite im Schmuck.

 

 

Wo würden Sie sich zwischen Handwerk, Kunst und Design positionieren?

 

Ich bin Goldschmied – Künstler, Handwerker und Gestalter. Ich genieße die Tatsache, dass sich in diesem Beruf, so wie ich ihn ausübe, Wesenszüge dieser drei, in unserer Gesellschaft leider häufig voneinander abgekoppelten Schaffensweisen vereinen lassen.

Als Künstler sehe ich mich, da mich persönliche Themen treiben, die sich aus meiner Sicht auf unsere Gesellschaft und Umwelt ergeben. Den Begriff Designer möchte ich durch Gestalter ersetzen. In jeder Arbeit von mir gibt es den Moment, in dem ich mich als Gestalter sehe. Es geht dann um bestimmte Aufgaben: Wie lässt sich eine Idee realisieren und welche Formensprache kommt bei der Bewältigung technischer Notwendigkeiten zum Einsatz? Dieser Teil einer Arbeit ist für mich immer „Design“ beziehungsweise Gestaltung. Ich mag es sehr, mir die Frage zu stellen: Wie möchte ich, dass „etwas“ aussieht? Hier noch eine Erklärung, die ich immer sehr hilfreich fand: „[…] Gestaltung ist die ästhetisch qualifizierte Formung eines Inhalts. […]“ (Lexikon der Kunst, Leipzig: E. A. Seemann Verlag).

Das Handwerk ermöglicht es mir letztendlich, den Herstellungsprozess und sein Ergebnis zu kontrollieren – handwerkliche Erfahrungen bereichern die Möglichkeiten des Gestalters und zeigen ihm ebenso Grenzen auf. Das virtuose Ausüben einer handwerklichen Tätigkeit bringt durchaus viel Vergnügen mit sich.

 

 

Patrícia Correia Domingues, ↗ Kevin Hughes













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Dossier
Schmuck
Jahr
2016
Disziplin
Schmuckdesign
Ausgabe
form 266
Links
felixlindner.com

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Text: Franziska Porsch