Interview mit Florian Lohse:
Zeit gestalten

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Wie der Mensch Zeit wahrnimmt und gestaltet, ist nicht nur Schwerpunktthema unserer kommenden Ausgabe, sondern war auch Ausgangspunkt für die Masterarbeit des Industriedesigners Florian Lohse. Vor dem Hintergrund der steigenden Informationsflut und den Mengen an Beschäftigungsanreizen, denen wir uns (un)freiwillig aussetzen, entwickelte Lohse zwei Produkte; eines zur besseren Planbarkeit alltäglicher Vorhaben und ein weiteres, mit dem man sich zumindest der digitalen Reizüberflutung für eine gewisse Zeit bewusst entziehen kann. Sowohl das Wipeboard als auch die Quiet Time-Ablage schneiden Thematiken an, die wir ebenfalls in form 265 behandeln, wie die Schrumpfung unserer Gegenwart, die Auswirkungen unseres Zeitempfindens auf Planungsprozesse und unser (heutzutage fragwürdiger) Umgang mit Freizeit. Wir haben dem Designer Fragen zu seinem Gestaltungsansatz und seiner Arbeitsweise gestellt. form 265 erscheint am 14. April 2016.




Was war der Auslöser dafür, Dich in Deiner Abschlussarbeit mit dem Thema Zeit

auseinanderzusetzen?

 

Zeit hat mich als Metathema schon lange interessiert. Der Mensch besitzt zwar diverse sensorische Systeme zum Messen spezieller zeitlicher Vorgänge, jedoch kein zentrales „Zeit-Organ“, welches der verbreiteten Vorstellung einer einzigen, homogen mess- und bewertbaren Zeit gerecht werden würde. Stattdessen wird das Konstrukt der wahrgenommenen vergehenden Zeit durch unsere Aufmerksamkeit gesteuert und ist deshalb äußerst anfällig für Beeinflussung. Gleichzeitig prägt das konstruierte Erleben von Zeit alle Erfahrungen im Alltag. Die Qualität dieses Zeit-Erlebens hat wesentlichen Einfluss auf unsere Bewertung alltäglicher Prozesse und Ereignisse. Die Wahrnehmung von Zeit ist damit ein interessanter Ansatzpunkt für Gestaltung, denn eigentlich haben alle Objekte einen gestaltbaren Einfluss darauf.

 

 

Welche Erkenntnisse hast Du während der Recherche über das Phänomen Zeit gewonnen?

 

Meine Recherche begann breit angelegt, fokussierte sich jedoch schnell auf die kognitiv-wahrnehmungspsychologische Dimension von Zeitwahrnehmung. Dabei wurde deutlich, dass das eigentliche Messen von Zeit für mich als Gestalter gar nicht der wichtigste Aspekt des Themenkomplexes ist. Dadurch, dass Alltagsprozesse einerseits zunehmend ohne Wartezeiten oder vollautomatisiert ablaufen, andererseits jede Wartezeit durch ortsunabhängige Medien nutzbar gemacht werden kann, verschwindet das „Warten“ als Freiraum zwischen Aktivitäten zunehmend aus dem Alltag der digitalisierten Welt. Die Folge daraus ist eine starke Anreicherung der Wachzeit mit Phasen des kognitiven Inputs sowie geistiger Aktivität, die auf unmittelbare Beantwortung dieses Inputs gerichtet ist. Meine gestalterische Auseinandersetzung hat sich dann auf die absehbare kollektive Überlastung der menschlichen Kognition durch diese Zunahme an Input und Aktivität konzentriert.




Wie hat sich Dein Designprozess vollzogen?

 

Ich habe mich früh entschieden, mehrere Entwürfe aus der Auseinandersetzung mit der Zeit zu entwickeln. Ich wollte mir so die Möglichkeit einräumen, das komplexe Thema von mehreren Seiten zu bearbeiten, ohne in einem einzigen Entwurf alle Antworten geben zu müssen. Aus dieser Entscheidung ergab sich, parallel einen pragmatisch-symptomatischen und einen eher konzeptionell-ursächlichen Ansatz zu verfolgen. Die Ergänzung zum Wipeboard ist die Ablage Quiet Time, welche Smartphones beim Ablegen automatisch in den Ruhemodus versetzen kann und somit ungestörte, fokussierte Unterhaltungen begünstigen soll.

 

 

Ein Ergebnis ist also das Wipeboard. Wie funktioniert es?

 

Das Wipeboard ist ein Notizboard, das analogen Notizen durch einen sehr langsam rotierenden Wischer ein „Verfallsdatum“ gibt und sie automatisch löscht. Der Nutzer wird dadurch eingeladen, To-do-Listen und Notizen nicht als in Stein gemeißelte Sachzwänge, sondern als selbsterstellte dynamische Hilfsmittel zu begreifen und dabei Organisationsstrategien zu reflektieren. Der Wischer unterteilt die Notizfläche visuell in Zukunft und Vergangenheit, lässt diese aber auch gleichzeitig zu einem dynamischen Kontinuum verschmelzen und nimmt damit Bezug auf zyklische Alternativen zum linearen Zeitmodell der westlichen Gesellschaft. Die unvollständige Bedeckung der Notizfläche durch den Wischer erlaubt, mit dem Grad der Vergänglichkeit der Notizen zu spielen und gibt Raum für Überraschungen.




Benutzt du das Wipeboard selbst und in welchen Kontexten kannst Du Dir vorstellen, dass es Anwendung findet?

 

Ich habe das Wipeboard eine Zeit lang genutzt, bin dann jedoch insgesamt auf ein cloudbasiertes Notizsystem umgestiegen, welches meinen Mobilitätsansprüchen besser gerecht wird. Die mit dem Wipeboard begonnene Reflektion über das eigene Planungsverhalten, meinen Umgang mit Notizen und To-do-Listen ist dabei direkt in das digitale System eingeflossen.

Ich denke, das Konzept des Wipeboards wäre sehr gut geeignet, um in einem Büro die Planungsprozesse eines Teams kommunikationsfördernd zu begleiten. Es wäre reizvoll, dafür ein größeres Format, eventuell mit mehreren Wischern zu entwickeln.













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Dossier
Zeit
Jahr
2016
Disziplin
Industriedesign, Produktdesign
Ausgabe
form 265
Links

form 265 erscheint am 14. April 2016.

Text: Franziska Porsch