Interview mit Franziska Morlok
und Miriam Waszelewski:
Vom Blatt zum Blättern

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Druckerzeugnisse ihrem Inhalt angemessen zu falzen, zu heften, zu binden – mit Faden, Leim, Draht oder Bindesystem – und in diesem Kontext sowohl das richtige Format als auch Papier zu wählen, ist für Gestalter nicht immer einfach, besonders wenn man noch wenig Erfahrung hat. Dieser Problematik haben sich Franziska Morlok und Miriam Waszelewski mit ihrer Publikation, erschienen im Verlag Hermann Schmidt, angenommen. Wir haben mit den beiden Autorinnen über den Entstehungsprozess des 420 Seiten starken Nachschlagewerks voller höchst ansprechender Infografiken und Fotografien gesprochen.

 

Franziska Morlok, Miriam Waszelewski

Vom Blatt zum Blättern

Falzen, Heften, Binden für Gestalter

Deutsch

Verlag Hermann Schmidt, Mainz (DE)

420 Seiten, € 50

ISBN 978-3-87439-877-0




Wann ist die Idee zu „Vom Blatt zum Blättern“ entstanden? Wie lange habt Ihr aktiv an der Publikation gearbeitet?

 

Zum allerersten Mal haben wir Ende 2011 über das Projekt nachgedacht, dann hat es aber ein bisschen gedauert, bis wir richtig losgelegt haben. Zunächst haben wir viel recherchiert und sind immer tiefer in die Materie eingestiegen. Wo fängt man da an? Das Thema Buchbinden klingt vielleicht im ersten Moment überschaubar. Faden, Kleber, Draht … Dass daraus mal ein 420-seitiges Buch wird, damit haben wir nicht gerechnet. Es gibt viele komplexe Vorgänge und Zusammenhänge beim „Falzen, Heften und Binden“. Durch die mussten wir uns erst mal richtig durcharbeiten.

 

Dann haben wir begonnen Konzepte zu schreiben, Ideen zu entwickeln und haben schließlich die Buchbinderei Burkhardt in Mönchaltdorf in der Schweiz besucht. Dort durften wir uns das „Bindorama“ anschauen, eine riesige Bibliothek mit sehr interessanten Büchern und Broschuren, die alle sehr speziell gebunden und produziert wurden. Das war eine enorme Inspiration und Motivation. All die Möglichkeiten, all die schönen Publikationen, ließen die Begeisterung für unsere Idee wachsen.

 

Auch wenn die Idee schon 2011 entstanden ist, hat unsere aktive Arbeit an dem Buch circa drei Jahre gedauert. Zwischendurch haben wir uns dann mit anderen Dingen beschäftigt – andere Bücher herausgegeben, gelehrt und in unseren jeweiligen Gestaltungsbüros gearbeitet. Ausschließlich an dem Buch zu arbeiten wäre auch nicht möglich gewesen – wir brauchten immer wieder ein bisschen Abstand, um eine gute Struktur zu finden und um Ideen mit Herrn Schmidt-Friderichs, dem Verleger von Hermann Schmidt in Mainz, zu diskutieren.

 

 

Was war der finale Auslöser, ein solches Nachschlagewerk zu initiieren?

 

Wir arbeiten beide als Gestalterinnen und Artdirektorinnen für Magazine und an diversen Projekten aus Kunst, Mode und Corporate Identity. Hier wird und wurde immer Wert auf Qualität in den Druckerzeugnissen gelegt. Bei den Magazinen war es eine Zeit lang so, dass gerne immer wieder zum Beispiel an der Papierqualität nach unten geschraubt wurde, weil die Auflagen sanken oder man es als nicht so wichtig empfand. Mittlerweile kann man beobachten, dass sich dahingehend das Bewusstsein auch in diesem Segment wieder stark dem haptisch Außergewöhnlichen nähert, weil wir eben mit der Publikation, die wir in den Händen halten, auch direkt auf die Eigenschaften des Absenders schließen. Egal ob positiv oder negativ.

 

Über das Thema Buchbindung haben wir uns immer wieder unterhalten, uns gegenseitig Empfehlungen gegeben und Erfahrungen ausgetauscht. Wir haben festgestellt, dass das Buchbinden als Teil des Gestaltungsprozesses oft nicht mitgedacht wird und dann im Nachhinein die Enttäuschung groß ist, wenn das Ergebnis nicht genauso geworden ist, wie man es sich vorgestellt hat.

 

Aber ganz besonders hat uns natürlich die Lust am Objekt Buch, die Begeisterung, mit der man Bücher konzipiert und gestaltet, angetrieben. Wir gestalten häufig Publikationen und müssen uns genau überlegen, welches Papier zum Konzept passt, welches Format sich eignet, mit welchem Material man den Leser begeistern kann und ob das alles im finanziellen Rahmen liegt. Wenn alles zusammenkommt und ein Buch mehr als die Summe seiner Seiten ist, dann ist das ein guter Moment. Dort hinzukommen soll Spaß machen und das war der Grund, „Vom Blatt zum Blättern“ zu entwickeln.

 

Unser Umfeld aus Kollegen und Buchbindern hat uns immer bestätigt, dass genau so ein Werk auf dem Markt fehlt. Also eine Lektüre, die ein solides Grundwissen vermittelt und die Kommunikation zwischen Buchbindern und Gestaltern verbessert, die Prozesse verständlicher macht und Lust erzeugt, etwas Neues auszuprobieren. Und schlussendlich tolle Bücher zu machen. 

 

 

Welchen Ausbildungsweg beziehunsgweise welchen Werdegang habt Ihr bislang zurückgelegt?

 

Wir beide haben visuelle Kommunikation studiert. Franziska erst an der HbK Saar und dann an der UdK Berlin, Miriam an der UdK Berlin. An der UdK haben wir uns dann auch kennengelernt. Franziska war künstlerische Mitarbeiterin und Miriam Studentin der visuellen Kommunikation.

 

Wir arbeiten beide seit Jahren in ähnlichen Disziplinen, hauptsächlich Editorial Design, aber in eigenen Gestaltungsbüros. Für dieses Projekt haben wir uns zusammengeschlossen, weil wir uns seit der gemeinsamen Zeit an der UdK Berlin immer wieder über das Buchbinden ausgetauscht haben. Uns fehlte immer ein Werk, in dem man das ganze Wissen aus gestalterischer Sicht nachschlagen kann.




An welche Leserschaft wendet Ihr Euch aus Eurer Sicht?

 

Wir haben das Buch aus der Perspektive von Gestaltern konzipiert. Sie bewegen sich meistens zwischen Konzepten, Kunden und Produktionen, dabei soll dieses Buch eine Wissens- und Inspirationsquelle bieten. Die Leserschaft reicht von Anfängern wie Studierenden gestalterischer Studiengänge und Mediengestaltern über Mitarbeiter von Verlagen und/oder Werbeagenturen, bis hin zu Designbüros, die sich täglich mit der Gestaltung von Büchern, Broschuren und ähnlichen Publikationen beschäftigen.

 

Durch die Struktur des Buchs kann man sich immer wieder visuell inspirieren lassen, und wenn man vielleicht noch nicht so tief in der Materie drinsteckt oder zu einem bestimmten Thema nach tiefergehenden Informationen sucht, findet man sie in den ausführlichen Texten mit guten Tipps und Tricks. Das Buch lässt sich non-linear lesen und kann bei jedem neuen Projekt immer wieder zur Hand genommen werden.

 

Uns ist es wichtig gewesen, alles so verständlich wie möglich zu kommunizieren. Wir haben dazu auf textlicher Ebene verschiedene Kriterien, unter anderem Umfang, Aufschlagverhalten, Haltbarkeit oder Kosten, aufgestellt, die uns als Gestalterinnen besonders interessieren. Der Fokus liegt auf der Vergleichbarkeit von Bindetechniken, Umschlagarten etc. Durch die vielen Querverweise verstehe ich als Leser, welche Techniken ich miteinander kombinieren kann und warum. Visuell werden die Texte von sehr vielen Illustrationen und Fotos ergänzt und erleichtern enorm das Verständnis komplexer Zusammenhänge.

 

Die Texte haben wir mit Buchbindern gemeinsam erarbeitet. Hier haben uns vor allem Herr Burkhardt von der Buchbinderei Burkhardt und Herr Kurtz und seine Mitarbeiter von der Buchbinderei Kösel unterstützt. Unsere Texte wurden dann von dem Autor Markus Zehentbauer so überarbeitet, dass sie gut lesbar und verständlich sind. Dadurch konnten wir sicherstellen, uns nicht in der Fachsprache zu verlieren.

 

 

Welche Rolle habt Ihr innerhalb des Produktionsprozesses des Buches eingenommen?

 

Mit dem ersten Konzept wuchsen natürlich auch die Ideen, wie diese Publikation einmal aussehen könnte. Da wir durch die Arbeit am Buch zum einen immer mehr buchbinderisches Wissen sammelten, sich im Prozess aber auch die inhaltliche Struktur weiter änderte und vor allem die Seitenzahl stetig wuchs, veränderte sich auch gleichzeitig die Form. Wir haben sehr eng mit Herrn Schmidt-Friderichs zusammengearbeitet und uns im permanenten Ideen-Pingpong befunden. Der Verlag Hermann Schmidt blickt ja auf eine lange Tradition hochwertig gestalteter Bücher zurück, was man in Gänze bei der Expertise des Verlegers spürt.

 

Eine unserer Anfangsideen war ein Buchblock, der aus vier verschiedenen Bindearten besteht. Somit wollten wir direkt am Objekt zeigen, wie die Techniken funktionieren. Wir haben dafür einige Dummys anfertigen lassen. Das hat bei einem geringen Umfang noch ganz gut funktioniert, aber als der Inhalt und somit die Seitenzahl weiter anstieg, wurde uns klar, dass das Buch stabiler werden musste.

 

Man stellt sich das ja erstmal sehr einfach vor, ein Buch über Buchbindung zu entwickeln, aber am Ende hängt alles voneinander ab. Wenn zum Beispiel ein Buchblock mit einer Fadenheftung gebunden ist und eigentlich ein gutes Aufschlagverhalten hat, dann aber zu stramm als klassische Broschur gebunden wird, hat das Endprodukt kein gutes Aufschlagverhalten mehr. Um das besser erklären zu können, haben wir die einzelnen Schritte der Buchbindung und ihre Auswirkungen einzeln aufgeführt – Umschlag und Bindetechniken werden voneinander separiert besprochen. Aber wir haben auch immer wieder Links hergestellt, die das verbinden.

 

 

Welche Rolle übernimmt Fotografie in „Vom Blatt zum Blättern“?

 

Die Fotografie ist für uns essentiell – das Buch sollte kein klassisches technikorientiertes Buch werden. Denn diese schauen wir uns selbst nicht gern an. Deswegen war es uns wichtig, das Buch als Objekt auch auf Fotos sichtbar werden zu lassen. Wir haben lange nach einem Fotografen recherchiert, der ein Gespür, aber auch die Geduld für dieses spezielle Sujet mitbringen könnte und sind mit Matthias Weingärtner fündig geworden. Wir haben in mehreren gemeinsamen Fotoshootings Papiere, Buchblöcke und Blindmuster inszeniert und dabei versucht, die Waage zwischen erklärend und visuell spannend zu halten. Matthias hat in das Buch eine Ebene eingebracht, die uns als Gestalterinnen sehr interessiert und auch unsere Begeisterung für das Thema visualisiert. Wir haben für das gesamte Buch nur Blindmuster fotografiert, damit wir einen stärkeren Fokus auf die Printobjekte und die Buchbindung legen konnten und nicht auf das Grafikdesign. Das war in der Produktion zwar sehr aufwendig, da natürlich jedes Buch erst einmal hergestellt werden musste, hat sich aber auch gelohnt.

 

 

Welche Binde- und Veredelungsverfahren kamen bei „Vom Blatt zum Blättern“ selbst zum Einsatz?

 

Die ersten 30 Seiten sind als Flatbook gebunden, deswegen gibt es da auch keinen klassischen Bund in der Mitte, sondern durchgehende Seiten. Diese Technik kennt man von Kinderbüchern. Die weiteren Seiten sind mit einer klassischen Fadenheftung gebunden. 

 

Das Cover zeigt überdimensioniert eine unserer Illustrationen aus dem Buch. Hier wurden die Linien der Zeichnung tiefgeprägt und das Punktmuster mit einem UV-Lack erhaben bedruckt. Dadurch entsteht ein besonders schöner Effekt, wenn man das Buch in den Händen hält. Es ist schön zu beobachten, wie jeder, der das Buch in den Händen hält, anfängt es zu streicheln. Und wenn das ein Buch schafft, dann hat man Vieles richtig gemacht.
















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Dossier
Media, Ausbildung, Designliteratur, Druckprozesse, Handwerk, Material
Jahr
2017
Disziplin
Kommunikationsdesign, Grafikdesign, Editorial Design, Fotografie
Ausgabe
form 269
Links
typografie.de
miriamwaszelewski.com
franziskamorlok.de

Die Rezension zu „Vom Blatt zum Blättern“ und weitere finden Sie in form 269 in der Rubrik Media. Diese Ausgabe können Sie in unserem Shop bestellen.

Text: Carolin Blöink