Interview mit Michael Fragstein:
It’s a Thin Red Line

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Die Verknüpfung eines Songs mit einer entsprechenden Visualisierung ist heute in der Musikbranche relevanter denn je. Dennoch ist die Ära der Videoclips auf Musikfernsehsendern vorbei. Stattdessen nutzen Musiker zunehmend Videoplattformen im Netz, um ihre neuesten Clips mit einem breiten Publikum zu teilen. Eine Reihe von Programmen zum Erstellen von Filmen haben zudem das Medium Musikvideo zum Experimentierfeld für Gestalter werden lassen – so auch bezüglich 3D-anmutender Ästhetik.

„Wir richten Unordnung an, um danach aus gründlich zerstörten Erwartungen eine neue Wendung, eine andere Sichtweise, einen überraschenden Bruch zu erreichen.“ So lautet die Philosophie des in Stuttgart ansässigen Studios Büro Achter April von Michael Fragstein. Neben den Bereichen Ausstellungsgestaltung, Design Engineering und Standbild widmet sich der Artdirektor in seinem Studio auch bewegten Bildern. Für die Berliner Band Dan Freeman and the Serious konzipierte und entwickelte er die Visualisierung zu dem Song „Dagner“. Wir haben dem Filmemacher einige Fragen zur Entstehung, Konzeption und Produktion des Clips gestellt. 




Wie kam die Zusammenarbeit mit der Band Dan Freeman and the Serious zustande?

 

Der Kontakt kam über die Empfehlung einer befreundeten Berliner Produktionsfirma zustande. Der Sänger Dan Freeman hat mir eine Reihe unveröffentlichter Songs zur Auswahl geschickt. Beim Titel „Dagner“ gab es für mich sofort einige visuelle Anknüpfungspunkte.

 

 

Wie sieht das Konzept aus? Hast Du es alleine oder im Team entwickelt? Welche Programme hast Du verwendet?

 

Das Video war als Experiment angelegt mit dem Ansatz, Neues zu erproben, Grenzen auszuloten und sich zeitweise aus festen Produktionsstrukturen zu lösen. Das Video wurde nicht in einem klassischen Storyboard entwickelt, sondern aus den 3D-Szenen heraus, die wir dafür gesammelt hatten. Um die Welt für „Dagner“ zu bauen, wurde ein fotogrammetrisches Verfahren verwendet, das texturierte 3D-Modelle aus einer Reihe von Bildern konstruiert. Das Ziel war es nicht, perfekte Kopien der abgebildeten Szenen zu schaffen, sondern mit einer Ungenauigkeit im Prozess zu spielen, in dem das System mit minderwertigem Bildmaterial gefüttert wurde oder die Software-Parameter auf niedrige Werte eingestellt wurden. Diese Unschärfe zielt darauf, die Szenen lebendiger und geheimnisvoller wirken zu lassen. Die statische Stimmung eines gemalten Bildes wird geschaffen und diese mit einigen animierten Elementen kombiniert.

Das Konzept hatte ich alleine entwickelt. Bei der Vorbereitung des Shootings, beim Aufbau der 3D-Szenen und beim Color Grading wurde ich durch ein Team unterstützt. Dabei kamen Agisoft Photoscan, Maxon Cinema 4D, Adobe After Effects und Photoshop, sowie Davinci Resolve zum Einsatz. 




Wie viel Zeit hat der Herstellungsprozess in Anspruch genommen?

 

Vom ersten Kontakt mit der Band bis zur Veröffentlichung des Clips ist fast ein Jahr vergangen. Die Konzeptions- und Produktionsphase betrug vier Monate.

 

 

Inwieweit hat der Song selbst Einfluss auf die Konzeption genommen?

 

Es gibt natürlich eine direkte Verbindung zum visuellen Leitmotiv. Im Song heißt es: „It’s a thin red line“. Der rote Faden taucht direkt im Text und als Objekt im Video auf. Die Gestaltung der Bilder ist hier nicht angelegt, um die Worte zu illustrieren, sondern vielmehr um diese zu umspielen. 

 

 

Was hat Dich inspiriert?

 

Der Austausch mit Dan Freeman war eben nicht nur streng auf das Projekt beschränkt. Aus diesen Gesprächen ergaben sich Wege für die Gestaltung. Zudem sind die eingesetzten Werkzeuge selbst Inspirationsquellen, weil im Experiment die unglaubliche Bandbreite an Möglichkeiten noch weiter wächst. Das Surreale, die Reduktion und das Abstrakte tauchen bei vielen meiner Videoarbeiten auf und lehnen sich am stärksten an Vorbilder aus der Malerei und Literatur an. 

 

 

Wie ist es Dir gelungen, eine harmonische Balance zwischen der Musik und der Gestaltung zu schaffen?

 

Mein Ansatz ist oft, dass die Bilder kohärent sein müssen und in allen Szenen einer gestalterischen Idee folgen. Obwohl das Video auf eine klassische Narration verzichtet, gibt es eine Dramaturgie, die sich dem Song anpasst. Die Welt, die in dem Video gebaut wird, ist von einer bestimmten Stimmung getragen. Diese Stimmung ist die wesentliche Verknüpfung zum Song. Über den Schnitt und die Kamerafahrten, die auf den Rhythmus eingehen, sind die Bilder mit der Musik noch stärker verbunden. 

 

 

DAGNER from Michael Fragstein on Vimeo.
















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Dossier
Musik, Tools
Jahr
2016
Disziplin
Film, Animation, Kunst, Grafikdesign
Ausgabe
form 265
Links
fragstein.org
8apr.de
danfreemanandtheserious.com

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Text: Marie-Kathrin Zettl