Interview mit Michael Johansson:
Something Different, Something Meaningful

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Jeden Tag werden weltweit große Mengen an Müll produziert. Materialien wie Papier, Kunststoff und Glas sowie Elektroschrott füllen wöchentlich die Mülltonnen und Müllcontainer. Hinzu kommt, dass Gegenstände und Objekte, die nicht mehr funktionieren, in der Regel gar nicht erst repariert, sondern direkt weggeworfen werden. Dabei können ausgediente Möbel, defekte Gegenstände oder gebrauchte Kleidungsstücke nicht nur wiederverwertet – also recycelt –, sondern auch zu neuen Objekten modifiziert werden. Das Prinzip des Upcyclings wertet Produkte ästhetisch und ökologisch auf und schreibt ihnen neue Funktionen zu. Entgegen dem weitverbreiteten Klischee, dass es sich beim Upcycling um Kunsthandwerk handelt, nehmen sich auch Designer den scheinbar nutzlosen Materialien an.


 

Der schwedische Künstler Michael Johansson, der abwechselnd in Berlin und Malmö lebt und arbeitet, nimmt sich in Einzelausstellungen und für öffentliche Rauminstallationen gebrauchten Möbeln und Gegenständen an, die er zu neuen Objekten kombiniert und umfunktioniert. Wir haben Michael Johansson einige Fragen zu seiner Arbeitsweise und seinem Konzept gestellt. Mehr zum Thema Upcycling finden Sie in form 261.




Deine Arbeiten zeichnen sich durch die Verwendung von gebrauchten Alltagsobjekten wie Möbeln, Koffern, Elektrogeräten und Containern aus. Wieso ziehst Du es vor, mit diesen ausgedienten Objekten zu arbeiten?

 

Der Hauptgrund, weshalb ich hauptsächlich mit gebrauchten Alltagsgegenständen arbeite, ist, dass ich an den Geschichten, die ihnen innewohnen, interessiert bin – dass sie ein Leben beziehungsweise eine Identität haben, bevor ich sie finde. Da jedes Werk aus hundert verschiedenen Gegenständen besteht, die ich an unterschiedlichen Orten gefunden habe, bilden die einzelnen Geschichten zusammen eine neue und fingierte Identität, die es vorher so nicht gegeben hat. Die Konzentration auf Objekte verschiedenen Ursprungs, durch die ein imaginäres Bild von einer neuen Realität entsteht, ist für mich viel faszinierender als die Verwendung von neu hergestellten und gekauften Produkten aus dem Kaufhaus. Es hat etwas mit der Kenntnis darüber zu tun, dass es sich um eine limitierte Anzahl von „einzigartigen“ Objekten handelt, wodurch es unwahrscheinlicher wird, dass diese präzise Gestaltungsform so bereits existiert.

 

 

Wie sehen Deine Auswahlkriterien für die gebrauchten Gegenstände aus? Woher bekommst Du sie?

 

Für mich ist es wichtig, dass die Objekte innerhalb eines Werks auf verschiedenen Ebenen miteinander verknüpft sind, zu denen nicht nur Begriffe wie Farben und Formen gehören, sondern eben auch, dass sie für sich selbst stehen können, wenn es um Qualitätsmerkmale wie Herkunft und Zeitgeist geht. Abhängig von der Charakteristika der jeweiligen Situation suche ich nach Gegenständen, die in diesen speziellen Kontext passen.

Die meisten Gegenstände, die ich für meine Arbeit verwende, finde ich auf verschiedenen Flohmärkten und in Secondhandshops. In den meisten Fällen schaue ich mich nach Dingen in der näheren Umgebung um, in der ich wohne. Wenn ich eine Arbeit beispielsweise in Japan zu erledigen habe, verbringe ich dort gewöhnlich vor Beginn des Projekts mehr Zeit, um Dinge zu sammeln, die ich vor Ort verwenden kann. Zudem habe ich eine Serie von speziellen Arbeiten für Museen und Gallerien entwickelt, für die ich mir Gegenstände für die Zeit der Ausstellung geliehen habe, die ich in den Lagerräumen der Institutionen fand.




Wie sieht das Konzept für Deine Installationen aus?

 

Als ich damit begann, gewöhnliche Gegenstände in meinen Arbeiten zu verwenden, wollte ich die Objekte von ihrer Funktion trennen, indem ich sie aus ihrem „normalen“ Kontext herausnahm, um aus ihnen lediglich Elemente aus Farbe und Form zu machen – sie sozusagen auf Null zu setzen. Es ist immer noch wichtig für mich, dass die Elemente innerhalb eines jeden Werks nicht mehr in der Art und Weise zugänglich sind, wie wir sie kennen, damit wir eben mehr oder weniger dazu gezwungen werden, sie mit anderen Augen zu sehen.

Das Wichtigste dabei – das hoffe ich zumindest – ist, dass Menschen, die auf meine Werke treffen, dazu gebracht werden, Gegenstände wiederzuentdecken, die sie vernachlässigen, weil sie sie zu oft gesehen haben. Dinge, die so gewöhnlich geworden sind, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden. Ich möchte, dass meine Arbeiten aus diesen täglichen Mustern herausbrechen; als Erinnerung daran, dass es möglich ist, sich selbst neu zu erfinden ohne notwendigerweise neue Orte zu besuchen. Ich weiß, dass ich mich selbst daran immer wieder erinnern muss, indem ich die Kunst von anderen Künstlern zu schätzen lerne, die mich widerum dazu bringt, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Ich hoffe, dass meine Kunst anderen das ebenfalls ermöglicht.

 

 

Spielt das Thema Upcycling eine Rolle für Deinen Arbeitsprozess?

 

Die meisten Gegenstände, die ich verwende, sind nicht nutzlos, aber ungewollt. Dinge, die immer noch Teil des Alltags der Menschen sein könnten, wenn diese sich nicht dazu entschieden hätten, sie loszuwerden. Seit ich Gegenstände verwende, die ursprünglich von jemand anderem entwickelt wurden, indem ich sie auf eine andere Weise nutze als sie ursprünglich gedacht waren, spielt das Thema Upcycling für meinen Arbeitsprozess eine Rolle. Dennoch verbringe ich während des Produktionsprozesses keine Zeit damit, darüber nachzudenken, ob die Qualität oder der Wert des fertigen Werks zu dem Vorangegangenen notwendigerweise gestiegen ist. Mein Ziel ist es, die von mir verwendeten Gegenstände auf eine Weise zu verändern, dass sie etwas Neues präsentieren – etwas anderes.


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Nº 273
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Dossier
Upcycling
Jahr
2015
Disziplin
Kunst
Ausgabe
form Nº 261 (hidden)
Links
michaeljohansson.com

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Text: Marie-Kathrin Zettl