Interview mit Patrícia Correia Domingues:
Keine Einheit ohne Trennung

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Die Brosche diente anfänglich dem Schließen von Gewändern und Kleidern. Nach der Erfindung des Knopfes verlor sie diese Funktion und wurde reine Zierde, ohne jedoch die zentrale Eigenschaft von Schmuck als Bedeutungsträger und Distinktionsmittel einzubüßen. Frei von der Einschränkung, um den Hals, am Finger oder am Handgelenk getragen werden zu müssen, bietet die Brosche zeitgenössischen Schmuckkünstlern und -designern die Möglichkeit, auf kleinstem Raum grundlegende Gestaltungsdimensionen wie Form, Farbe, Material und Komposition zu verhandeln. Fernab vom Massenmarkt entstehen dabei Objekte an der Schnittstelle von Kunst, Design und Handwerk, die auch ohne klassische Edelmetalle auskommen.

 

Die Arbeiten von Patrícia Correia Domingues sind von der Auseinandersetzung mit Steinen bestimmt. Ihre massiven, von Bruchlinien durchzogenen Broschen bestehen aus industriellem Baumaterial, das gekonnt über sein geringes Gewicht hinwegtäuscht. Wir haben mit ihr über die Funktionen von Schmuck und ihre Vorliebe für steinähnliche Materialien gesprochen.




Du arbeitest hauptsächlich mit steinartigen Materialien. Wie wählst Du diese aus?

 

Ich kam das erste Mal mit künstlichen Materialien in Berührung, als ich meinen Master in Idar-Oberstein begonnen habe. Idar-Oberstein ist für seine Steinindustrie bekannt. Neben Anbietern von Natursteinen gibt es auch einige Firmen, die Baumaterialien verkaufen. Ich habe angefangen, mich für diese Materialien zu interessieren, weil sie genau wie Steine aussehen, sich aber vollkommen anders verhalten, denn letztlich bestehen sie aus Kunststoff.

Seit einiger Zeit arbeite ich mit beidem, Steinen und Baumaterialien, und habe festgestellt, dass sie sich perfekt ergänzen. Steine sind mir eine Inspirationsquelle. Ich habe versucht herauszufinden, wie sie funktionieren, und habe ihre inneren Gesetzmäßigkeiten, ihre potenziellen Qualitäten und ihre Zerbrechlichkeit untersucht.

Auf der anderen Seite steht das Baumaterial: ein massiver, industriell gefertigter Block; perfekt in gewissem Sinne. Egal, wo man es bricht, es tritt immer das gleiche zu Tage. Wenn man mit Natursteinen arbeitet, beginnt man immer bei Null, weil deren Verhalten unvorhersehbar und kein Stein wie der andere ist. Baumaterial ist stabil und erlaubt mir deshalb, selbst unvorhersehbare Prozesse im Material hervorzurufen.




Was möchtest Du mit Deiner Arbeit ausdrücken? Welches Konzept steckt dahinter?

 

Ich kann nicht behaupten, dass es das eine Konzept oder die eine Idee gäbe, die ich vermitteln möchte. Ich bin es gewohnt, mit meinen Händen direkt am Material zu arbeiten. Dabei geht es weniger darum, was ich ausdrücken möchte, als um das, was auf meinem Tisch entsteht, während ich daran arbeite. Es ist ein fortwährender Prozess aus Manipulation und Beobachtung und durch diesen Dialog nehmen Ideen langsam Gestalt an.

Irgendwann habe ich angefangen, mich mit dem Thema der Linie und ihrer Doppeldeutigkeit auseinanderzusetzen. Mit dem Ziehen einer Linie provoziere ich eine Trennung im Raum oder im Material, trotzdem bilden die beiden entstandenen Teile eine Einheit. Diese Überlegung führte zu meinem allgemeinen Interesse an Teilungen: geteilte Erde, manchmal natürlich, andermal bewusst herbeigeführt, die Teilung von Völkern, von Elementen, Prozessen, Raum und dem, was wir Anfang und Ende nennen; immer bedenkend, dass man nicht von Zersplitterung reden kann, ohne an Einheit zu denken.

Momentan probiere ich mich auf verschiedene Art und Weisen dem Material zu nähern: es zu befreien, während ich neue Grenzen entdecke; seine Ordnung zu ändern oder eben doch zu respektieren.

 

 

Die meisten Deiner Arbeiten sind Broschen. Warum?

 

Ich denke, dass jeder Körperteil nach einer anderen Herangehensweise verlangt. Eine Brosche ist selbstverständlich anders zu gestalten als eine Kette oder ein Armband. In den letzten vier Jahren habe ich hauptsächlich Broschen gefertigt, doch auch einige Ketten. Es ist vor allem die Funktion der Objekte, die mich unterschiedliche Ideen entwickeln lässt.

Für mich sind Broschen etwas Monumentales, sie sind Körper. Die Brust und die Schultern verlangen nach einem starken und skulpturalen Bild, etwas, das ewig in einer statischen Position verweilt. Eine Kette, auf der anderen Seite, verlangt nach Bewegung und einer anderen Beziehung zum Körper. Die Bewegungen während des Anlegens der Kette hat nichts Statisches an sich. In dem Fall geht es um Wechselbeziehungen und organische Bewegungen.

 

 

Welche Funktion hat Schmuck heutzutage Deiner Meinung nach?

 

Genau die selbe wie vor 75.000 Jahren. Er hat sich nur an die gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst, denen wir alle unterliegen. Aber Schmuck repräsentiert immer noch unseren Status und Glauben. Natürlich gibt es unterschiedliche Arten von Schmuck. Das Feld des zeitgenössischen und künstlerischen Schmucks hat immer versucht, verschiedene Bereiche miteinander zu verbinden, wie Kunst, Handwerk und Design.




Wo positionierst Du Dich zwischen Handwerk, Kunst und Design?

 

Ich würde meine Arbeit wohl als eine Mischung aus Kunst und Handwerk bezeichnen. Obwohl ich die Arbeit vieler Designer bewundere und mich der Bereich genauso interessiert wie Kunst und Handwerk, resultiert mein kreativer Prozess aus den Fächern, die ich studiert habe; und ich war nie an einer Designschule. Ich habe mir nie die Fragen gestellt, mit denen sich ein Designer auseinandersetzen muss. Ich erlaube mir, in die Welt der Intuition einzutauchen, und lasse meine Arbeiten im konstanten und direkten Kontakt mit dem Material entstehen.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde sagen, dass Handwerk mein Werkzeug ist, ein Instrument. Durch das Handwerk habe ich gelernt, wie man Dinge fertigt. Kunst hingegen ist der Prozess, die Fähigkeit, das Material zu befragen, statt Antworten zu geben.

 

 

Kevin Hughes, ↗ Felix Lindner













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Dossier
Schmuck
Jahr
2016
Disziplin
Schmuckdesign
Ausgabe
form 266
Links
patriciadomingues.pt

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Text: Franziska Porsch