Interview mit Patrick Tresset:
Die Simulation von Menschlichkeit

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Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es. Diese Redewendung bezieht sich auf routinierte Verhaltensweisen, die schwer abzulegen sind, weil sie sich über längere Zeit etabliert haben. Gewohnheiten bestimmen dabei nicht nur alltägliche Handlungen, sondern betreffen oftmals auch die eigene Weltanschauung, die durch das kulturelle und persönliche Umfeld geprägt wird. Diese in Frage zu stellen, fällt nicht leicht, doch stellen Umkehrung und Subversion ebenfalls im Design geeignete Mittel dar, um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen, alternative Sichtweisen aufzuzeigen oder ganz praktisch Verbesserungen zu entwickeln.


 

Durch die Simulation menschlicher Fähigkeiten mehr über das Menschsein zu erfahren, erscheint im ersten Moment paradox. Genau das passiert allerdings in den Projekten des Künstlers Patrick Tresset, der Roboter namens Paul anfertigt, die von ihrem Gegenüber mithilfe von Kamerabeobachtung und mechanischem Arm individuelle Porträts mit Kugelschreiber zeichnen. Wir haben mit Patrick Tresset über seinen Antrieb, die Schwierigkeiten während des Entwicklungsprozesses und die Reaktionen der Ausstellungsbesucher auf die zeichnenden Paul-Roboter gesprochen.




Was genau erforschst Du, wenn Du Roboter baust, die in der Lage sind, Porträts von Menschen zu zeichnen?

 

Ich arbeite an dieser Idee seit 16 Jahren, in denen ich verschiedene Phasen durchlaufen habe.

Ursprünglich war es rein künstlerische Forschung. Damals noch Maler, habe ich 1999 angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, wie man Maschinen Zeichnungen produzieren lassen könnte. Ich hatte meine Leidenschaft für das Kunstschaffen verloren, woraus sich fast natürlich die Untersuchung der Möglichkeit ergab, ob Maschinen nicht das übernehmen könnten, was ich nicht mehr konnte. Die grundlegende Motivation für meine Forschung beinhaltet bis heute, dass meiner Arbeit und den Robotern ein biografisches Moment innewohnt. Die Roboter können als eine Form von Selbstporträt betrachtet werden. Ich habe schnell realisiert, dass Prozesse des Zeichnens simuliert werden müssen, um interessante und wahrhaftige Ergebnisse zu erzielen. Statt zu versuchen, präzise oder vorsätzliche Ergebnisse zu realisieren, ist es besser, Prozesse der Wahrnehmung, motorische Kontrolle und Reaktionsfähigkeit etc. zu simulieren und zu schauen, was passiert. Das war zu diesem Zeitpunkt reine Intuition. Was ich in dieser Phase lernte, war, dass es möglich ist, interessante Ergebnisse zu erreichen und dies meine künstlerische Praxis sein könnte. Ich hatte auch verstanden, dass ich mir dafür bessere Forschungskompetenzen und Wissen in den Computerwissenschaften und anderen Feldern wie Wahrnehmung und Kognition aneignen musste.

Danach habe ich 2004 als Spätstudierender an dem Masterprogramm des Goldsmiths College Computing Department teilgenommen. Während dieser zwei Jahre meines Studiums habe ich an der gleichen Idee, Zeichnungen durch Berechnung zu produzieren, gearbeitet. Ich habe mir Computer- und Forschungskompetenzen angeeignet, Technologien wie Computer Vision kennengelernt und mich über Wahrnehmungspsychologie informiert. Für mein Abschlussprojekt und meine Thesis habe ich eine Software entwickelt, die simulierte Linienzeichnungen von Gesichtern produzierte. Ich habe ein paar Forschungsarbeiten und einige Zeichnungen in der Presse veröffentlicht. Das hat Aufmerksamkeit auf meine Arbeit gezogen. Obwohl die Zeichnungen von der Software erstellt wurden, hatte ich nicht das Gefühl, dass sie interessant sind, sondern vielleicht nur gute Illustrationen. Es war mir damals noch nicht klar, warum ich sie nicht als künstlerische Arbeit gesehen habe. Nichtsdestotrotz stellte es einen Machbarkeitsnachweis für die nächste Stufe dar.

Danach war ich ermutigt eine Promotion anzugehen. Dafür bekamen wir 2009 ein Forschungsstipendium des Leverhulme Trust. Die Förderung unterstützte die Erforschung des Zeichenprozesses durch rechnergestütztes Modellieren. In der Bewerbung für das Stipendium hatten wir keine Roboter-Komponenten stehen. Jedoch wurde nach einem Jahr Forschung klar, als ich erforschte, wie Menschen zeichnen und wie sie Zeichnungen wahrnehmen, dass dieses Modell in einem Roboter verkörpert werden muss. Ein Grund dafür ist, dass der Gesamteindruck einer Zeichnung durch die Summe von Gesten bestimmt wird. Es ist die Erinnerung an die Bewegungen des Künstlers, welche beeinflussen, wie die Zeichnung vom Betrachter wahrgenommen wird. Auf eine gewisse Art und Weise vereinfacht die Komplexität der Robotik das Problem ein rechnerbasiertes Modell zu entwickeln. Also verschoben sich die Fragen hin zu der Entwicklung eines Systems, das in der Lage ist, Zeichnungen zu produzieren, die den gleichen Effekt auf den Betrachter haben, wie menschengemachte, ohne dabei eine Nachahmung zu sein.

Eine der Theorien über die Wertschätzung von Zeichnungen besagt, dass der Betrachter die Intentionen des Künstlers – nicht nur die bewussten Absichten, sondern auch die verborgenen „Absichten“, die die Wahrnehmung und motorische Kontrolle steuern. Demnach wird die Zeichnung durch das Charakteristikum jedes Striches wahrgenommen, die in ihrer visuellen Erscheinung die Geschichte der Bewegung bergen, durch die sie entstanden sind. Das impliziert, dass eine Zeichnung, damit sie als interessant bewertet wird, das Ergebnis eines Prozesses sein muss, der als absichtlich und vorsätzlich, und in der physischen Welt vollzogen wahrgenommen wird. Damit die Markierungen eine wiederherstellbaren Erinnerung haben, müssen sie Spuren der Geschwindigkeit, des Drucks und der Richtung der zeichnenden Hand beinhalten.

Ich habe 2009 begonnen, mit Robotik zu experimentieren und 2010 erstmalig einen Roboter ausgestellt. Obwohl die Zeichnungen der Roboter nicht meinem Anspruch entsprachen, hat das Projekt international viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die ersten zufriedenstellenden Ergebnisse entstanden 2011, kurz vor einer Einzelausstellung in der Tenderpixel Gallery in London. Seitdem wurden die Roboter-Installationen vielerorts gezeigt, inklusive großer Museen wie dem Centre Pompidou, Tate Modern, Israel Museum, Victoria und Albert Museum, Science Museum und zu anderen Veranstaltungen wie Ars Electronica, Update_5, London Art Fair, Kinetica und der Istanbul Biennial. Aktuellen Ausstellungen umfassen das MMCA, Bozar, Laznia Center und La Maison d’Ailleurs. Außerdem steht demnächst wieder eine Einzelausstellung in London an.




Welche Ressourcen flossen in die Herstellung der Roboter?

 

Die Komponenten, die ich benutze, sind von der koreanischen Firma Robotis und relativ kostengünstig. Ich bestelle mir die Teile und baue sie dann zusammen. Diese Bezahlbarkeit erlaubt mir, Installationen mit mehreren Robotern zu entwickeln. Zudem besteht während der Testphasen nicht das Problem des Risikos, die Roboter zu beschädigen, sodass man sich nicht mit zeitaufwendiger Sorgfalt beschäftigen muss, die die Entwicklung von teuren Robotern mit sich bringt. Gerade beginne ich mit ein paar maßgeschneiderten Teilen zu arbeiten, um die Roboter zu bauen.

Ich schreibe außerdem die Software, oder genauer, das System, das das Verhalten der Roboter kontrolliert. Dieses System basiert auf existierender Open-Source-Bibliotheken und Frameworks für maschinelles Lernen, Computer Vision und Robotik, und der hauptsächliche Code wurde in der Programmiersprache Python programmiert. Ich benutze in all meinen Arbeiten das gleiche System; für Zeichnungen, Gemälde, Videos und die Kontrolle des Roboterverhaltens. Dieses Computersystem wächst und entfaltet sich seit 2008.

 

 

Welche sind die größten Herausforderungen bei der Entwicklung der Roboter?

 

Es macht einen großen Unterschied, ob man eine Software (ohne Körper) oder ein System entwickelt, das das Verhalten eines Roboters kontrolliert. Ein Roboter existiert und agiert in der realen, physischen Welt – und die Realität ist sehr komplex und unvorhersehbar, fast fehlerhaft. Das hat zur Folge, dass selbst wenn man alle Störungen behoben hat, es immer noch genügend Raum für Probleme gibt. Es hat etwas Interessantes an sich, einen Roboter dazu zu bewegen, etwas zu tun. Man realisiert wie hochentwickelt und anpassungsfähig Tiere, inklusive dem Menschen, sind. Während man den Roboter versucht zu manipulieren, versteht man immer mehr, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Zum Beispiel war der nächste Schritt, nachdem ich den ersten Arm gebaut und dazu gebracht hatte sich zu bewegen, ihm beizubringen, eine Linie zu ziehen. Obwohl das eine simple Aktion zu sein scheint, ist sie ohne Erfahrung in Robotik nicht einfach zu programmieren. Auch wenn wir das nicht realisieren, aber der Prozess des Strich Ziehens wird von vielen Faktoren beeinflusst, wie der Reibung der Stiftspitze auf dem Papier, der Oberflächenbeschaffenheit des Papiers oder dem Gewicht des Stifts. All diese Elemente beeinflussen die Dynamik des Arms und die Kräfte, die es braucht, um eine Linie zu ziehen. Da die Roboter ausgehend von ihren Beobachtungen zeichnen, kommt eine weitere Ebene der Unvorhersehbarkeit hinzu, wie die Veränderung des Lichts und andere Faktoren.

Da die von mir entwickelten Roboter in der Öffentlichkeit und manchmal für eine längere Zeit ausgestellt werden, müssen sie zudem sehr verlässlich sein und für die meiste Zeit relativ interessante  Zeichnungen produzieren.

 

 

Unterscheiden sich die Roboter namens Paul?

 

Die Paul-Roboter haben Nummern – Paul II bis Paul X bisher. Ein paar haben außerdem Buchstaben, beispielsweise Paul III.a, b, c, d, e, f und so weiter. Die verschiedenen Nummern verweisen auf den unterschiedlichen Stil der Schulbänke, die für den Körper der Roboter stehen. Die meisten Pauls haben die gleiche Morphologie: der Körper wird durch eine alte Schulbank gebildet, darauf geschraubt ein linker Arm, an den ein schwarzer BIC-Kugelschreiber angebracht ist. Zusätzlich ist eine bewegliche Kamera an der Schulbank befestigt. Bisher ist das Computersystem, das die Roboter kontrolliert, konstant aktualisiert worden und für alle Roboter das gleiche.

 

 

5RNP from Natalianne Boucher on Vimeo.

 

 

Wie haben die Besucher der Ausstellungen auf die Installationen reagiert?

 

Als ich zum ersten Mal einen der Roboter öffentlich ausgestellt habe, war ich von der Faszination der Menschen und ihrer Verbindung zu den Robotern überrascht; besonders zu einem Roboter, der nach seiner Beobachtung zeichnet. Menschen fürchten sich nicht vor Robotern. Wenn sie präsent sind, nehmen Menschen sie als irgendwie lebendig wahr, als ob sie eine eigenständige Wirkkraft haben. Sobald ein Roboter unter Menschen ist, wird er zum Akteur; ein Akteur, der ein Lebewesen simulieren kann, mit stilisiertem Verhalten, das Menschlichkeit vortäuscht. Damit spiele ich, wenn ich die Installationen, die ich ausstelle, kreiere. Ich bin immer noch erstaunt, wie leicht wir uns von ein bisschen Mechanik täuschen lassen, nur weil sie uns anschaut und eine Aktivität ausführen kann, mit der wir uns identifizieren können.

Zeichnen ist definitiv eine dieser Aktivitäten und wird oft als Indikator für Intelligenz wahrgenommen, die wir bis in die Steinzeit zurückverfolgen können. Wenn eine Zeichnung auf einem Stein oder an einer Wand entdeckt wird, wissen wir sofort instinktiv, dass intelligente Menschen erschaffen haben. Als wir die Wandmalereien in den Lascaux-Höhlen entdeckt haben, sind vormals primitive Lebewesen zu unseren nahen Vorfahren geworden. Es ist vielleicht derselbe Mechanismus, der die Menschen verblüfft, erstaunt und fasziniert, wenn sie meine Roboter zeichnen sehen, besonders, weil sie Menschen zeichnen.

 

 

Entwickelst Du die Paul-Roboter weiter?

 

Ja, die Roboter entwickeln sich ständig weiter. Aber erst einmal plane ich, die Systemarchitektur neu zu gestalten, um Technologien wie Reinforcement Learning leicht integrieren zu können, mit dem Ziel, dass die Roboter ihren eigenen Zeichenstil entwickeln. Ich schließe gerade ein Kunstwerk ab – betitelt „Before the Beginning and After the End” [Vor dem Anfang und nach dem Ende] –, das in Kollaboration mit der polnischen Künstlerin Goshka Macuga für ihre Einzelausstellung in der Prada Foundation in Mailand entstanden ist, wo ich neben neuen, mobilen und zweiarmigen Zeichen-Robotern auch großformatige Rollen mit Zeichnungen zeigen werde. Die Ausstellung heißt „To The Son Of Man Who Ate The Scroll” und läuft bis 19. Juni 2016. Weitere Ausstellungen finden in Kanada, Frankreich und Belgien statt. Außerdem werde ich erneut mit Oliver Deussens Team an der Universität Konstanz während eines mehrmonatigen Aufenthaltes zusammenarbeiten.

 

 

Verunsicherung als Methode


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Dossier
Tools, Smart Technology
Jahr
2016
Disziplin
Kunst, Kommunikationsdesign, Illustration, Interaktionsdesign
Ausgabe
form Nº 264 (hidden)
Links
patricktresset.com

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Text: Franziska Porsch