Interview mit Sarah T. Gold:
Design for the Common Good

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Die Nutzung kollektiver Ressourcen ist Teil unserer alltäglichen Erfahrung: Probleme lassen sich in der Gruppe besser lösen als allein, die Umzugskisten sind von Vielen schneller in die neue Wohnung getragen als von Wenigen und das etwas teurere Geburtstagsgeschenk für einen Freund wird bereitwilliger gekauft, wenn sich Mehrere mit einem kleinen Betrag daran beteiligen. In weit größerem Umfang hat Crowdsourcing, seit das Internet Menschen weltweit miteinander vernetzt, Eingang in verschiedene gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche gefunden und unser Arbeits-, Interaktions- und Konsumverhalten verändert. Aus diesem Grund organisiert die Crowdsourcing Week (CSW) seit ihrer Gründung 2012 internationale Konferenzen und Treffen mit dem Ziel, über das Potenzial von Crowdsourcing für Unternehmen und Organisationen aufzuklären. Die nächste Konferenz findet vom 19. bis zum 23. Oktober 2015 in Brüssel statt, auf der Experten aus Wirtschaft, Politik und Kultur zu Themen wie Sharing Economy, smarte Städte, Kokreation, digitale Währungen und neue Möglichkeiten politischer Partizipation sprechen werden.

Eine der Sprecherinnen der CSW in Brüssel ist Sarah T. Gold, eine Designerin aus London, die sich in ihren Projekten kritisch mit den Möglichkeiten des Internets auseinandersetzt. Wir haben mit ihr über ihre Beweggründe gesprochen und darüber, wie Design den Umgang mit Technik verändern kann.




 

Du hast Architektur und Industriedesign studiert. Wie ist Dein Interesse an Technik und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft entstanden?

 

Zu oft in meinem Architekturstudium musste die Antwort auf eine gestellt Aufgabe ein Gebäude sein – was sinnvoll ist, wenn man eine Karriere im Entwerfen und Bauen von Gebäuden anstrebt. Allerdings tat ich das nicht. Nachdem ich ein paar Jahre nach meinem Bachelorabschluss gearbeitet hatte, merkte ich, dass ich in einem breiteren gestalterischen Anwendungsfeld arbeiten möchte. Ich habe den Schritt gewagt und mich für ein Industriedesignstudium beworben.

 

Ich habe die kreative Freiheit im Studium als eine positive Veränderung empfunden: Die Antwort auf eine Frage oder Aufgabenstellung konnte alles Mögliche sein, statt nur einer spezifischen Sache. Rückblickend habe ich die „leeren Leinwände“ der Industriedesign-Aufgaben sehr genossen und während der zwei Jahre Studium angefangen, mich für spekulatives Design zu interessieren, das sich prozesshaft mit aufkommenden Technologien auseinandersetzt und damit, was diese für das tägliche Leben bedeuten könnten. Parallel zu meinem Studium habe ich für das Open-Source-Hardware-Projekt Wikihouse die Wikihouse Foundation gegründet. Dadurch habe ich mich viel mit den Ideen rund um die dritte industrielle Revolution auseinandergesetzt: digitale Produktion, gestalterisches Gemeingut und Eigentum.

 

Mir war immer bewusst, wie Design die Gesellschaft beeinflussen kann. Ich glaube, das ist meinem Architekturstudium zuzuschreiben, in dem alles in großem Maßstab gelehrt wurde – Design für ganze Gemeinschaften oder Städte. Architektur hat mir ein Gespür für die Wichtigkeit von öffentlichem Raum und der Gestaltung für das Allgemeinwohl vermittelt. Durch diesen Fokus auf Design für die Zivilgesellschaft und einem Gefühl der Dringlichkeit nach den Snowden-Enthüllungen, habe ich mein Abschlussprojekt „Alternet“ entwickelt und gestaltet – einen Vorschlag für ein Bürgernetzwerk, in dem jeder der Besitzer seiner eigenen Daten ist. Es ist als autonomes Netzwerk vorgesehen, das parallel zum Internet als seine Fair-Trade-Alternative läuft. Seit Alternet habe ich weiter nach Projekten gesucht, in denen Technik nicht nur als Ware und wir als Konsumenten betrachtet werden, sondern die mit Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts zu tun haben, die mit uns als Individuen mit Handlungsmacht umgehen.

 

 

THLON #20 Sarah Gold - The Alternet from This Happened - London on Vimeo.

 

 

Was ist problematisch an der aktuellen Beziehung zwischen Technologie, Wirtschaft, Politik und Nutzern?

 

Es gibt eine Fülle an komplexen, vielschichtigen Problemen im Zusammenhang mit Technologie, Wirtschaft, Politik und Menschen. Statt zu versuchen, diese schlecht zusammenzufassen, kann ich Dir meine Top Drei nennen:

 

1. Die Informationswirtschaft

 

Viele, wenn nicht alle, vernetzten Produkte und Dienstleistungen, die wir heute verwenden, stützen sich auf die Informationswirtschaft. Jedes Mal, wenn wir ein vernetztes Produkt oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, generieren wir einen Tsunami an Daten. Es ist schwierig das Ausmaß unseres Daten-Outputs zu begreifen, weil es so enorm ist – es entspricht ungefähr 27 Millionen Tweets, die jeder von uns an einem Tag posten würde. Unternehmen sammeln unsere Daten offensiv, weil es ihr Geschäft vorantreibt. Sie machen enorme Umsätze damit, unsere Daten zu verarbeiten und an Werber und andere Firmen zu verkaufen.

Das Problem ist, dass wir keine Kontrolle über unsere Daten haben: Wir können nicht bestimmen, wer sie sammelt, was damit getan wird und wo sie gespeichert werden. Wir befinden uns alle an einem Punkt, an dem große Mengen unserer Daten über das Internet verstreut sind und außerhalb unserer Reichweite in Datenspeichern Dritter lagern. Offensichtlich haben wir dem zugestimmt, als wir uns mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einverstanden erklärt haben – aber nur wenige werden die AGBs gelesen haben, geschweige denn verstanden. Tatsächlich verzichten wir auf unser Eigentumsrecht auf Daten, Software und Hardware für den Zugang dazu. Ist dieser Kompromiss akzeptabel?

 

2. Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts

 

Die Informationswirtschaft und die damit verbundenen Geschäftsmodelle haben sogar noch größeren Einfluss. Es werden immer mehr Stimmen laut, dass neue Web-Technologien, die neue digitale Plattformen hervorbringen – die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts –, unsere Städte und Industrien transformieren werden. Gleichzeitig gibt es wachsende Bedenken, dass diese Infrastrukturen zum Besitz eines Oligopols außerhalb der Reichweite von Bürgern und Regierungen gehören werden. Wir sehen das heute schon an beliebten digitalen Diensten wie Uber oder Airbnb – zentralisierten, datenintensiven Unternehmen in Privatbesitz.

Das heißt nicht, dass diese Firmen grundsätzlich schlecht sind, aber wir müssen ihre Grenzen erkennen. Sie operieren ausschließlich im Interesse eines beschränkten Modells von Risikokapitalanlegern; die Produkte und Dienstleistungen, die sie anbieten, dienen nicht den Bürgern, sondern ihren Geschäftsinteressen.

 

3. Die immer größere digitale Kluft

 

Wie Aaron Swartz bereits formulierte und Martha Lane Fox in ihrer Dimbleby Lecture wiederholte, ist es nicht länger für jeden Einzelnen in Ordnung, das Internet nicht zu verstehen. Ich glaube, dass die Kluft zwischen denjenigen, die das Internet verstehen und denjenigen, die es nicht verstehen, immer größer wird – und das ist nicht gut. Wir brauchen bessere digitale Bildung für jeden, aber vielleicht besonders für diejenigen, die sich in Entscheidungspositionen befinden und Standards setzen, wie Beamte oder Schulleiter.

 

 

 

 

Wo kann Design ansetzen und welche Kompetenzen können Designer einbringen?

 

Design ist besonders geeignet, alternative Ideen für Produkte, Dienstleistungen, Systeme, Netzwerke und Geschäftsmodelle auszuprobieren und zu untersuchen. Spekulatives Design ist ein vielversprechender Prozess, da er jede kommerzielle Bedingung ausklammert und Designern erlaubt, über die Zukunft nachzudenken und derzeitige Praktiken zu kritisieren. Um dies gut zu machen, ist es entscheidend, das Internet, das Web und ihren Unterschied zu verstehen. Designer sind in einer einzigartigen Position, die zukünftige digitale Landschaft zu formen und Produkte mit gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Wert und Wirkung zu gestalten. Die Design Commission drückt das in ihrem Digital Economy Report treffend aus: „Designer sind wesentliche Akteure, die zwischen Menschen, Orten und Technik vermitteln können. Sie haben die Fähigkeit, die großen Fragen zu stellen, die die Menschen in das Zentrum der Digital Economy stellen und nicht die Technik.“

 

Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass Technik allein uns nicht retten wird, weswegen es ein Fehler wäre, den Aufbau der Zukunft ausschließlich den Entwicklern zu überlassen. Wir brauchen Designer, Anthropologen und andere Spezialisten, die User Research, Ethnografie und lebendige Prozesse einbringen, um bedeutungsvolle Produkte und Dienstleistungen zu gestalten. Die besten Produkte und Dienste werden von einer Reihe Fachleute gefertigt; dabei ist die wichtigste Rolle von Designern sicherzustellen, dass sich während des Entwicklungsprozesses kritisch mit den Bedürfnissen von Nutzern und der Komplexität der Realität auseinandergesetzt wird.

 

Aber es geht nicht nur darum, ein tolles Produkt oder eine tolle Dienstleistung zu kreieren, sondern auch um die Nuancen der Nutzung – Designer müssen sich mit der Politik, die ihre Produkte und Dienstleistungen implizieren, auseinandersetzen und sie verstehen. Fokussiert ihr Entwurf die Informationswirtschaft oder das Gemeinwohl, den Bürger oder Konsumenten? Während wir online mehr Experimente und Vielfalt brauchen, um unsere Möglichkeiten, Vorschläge zu machen, zu teilen, umzusetzen, zu debattieren und zu lernen, zu erhöhen, sollten wir auch ein größeres Verständnis dafür entwickeln, ob diese Experimente und Ideen politisch passen oder eben nicht.

 

 

Wie sieht Deiner Meinung nach eine bessere Zukunft aus?

 

Im Moment bewegen wir uns auf eine Zukunft zu, in der unsere digitalen Infrastrukturen zentralisiert, verwundbar und zutiefst undemokratisch sind. Während vieles automatisiert sein wird, werden weniger von uns Arbeit haben und alles wird im Besitz von ein oder zwei Unternehmen sein – eine ziemlich dystopische Vorstellung.

 

Ich glaube, die vorherrschenden Internet-Giganten müssen durch die Regierungen gezügelt werden, indem sie gespalten und für ihre Handlungen zur Verantwortung gezogen werden. Wir müssen sie formen, bevor sie uns immer mehr beeinflussen.

 

Worüber ich mich allerdings sehr freue, sind die Möglichkeiten, die wir haben, um den Status quo zu stören und eine andere Zukunft herbeizuführen – indem wir digitale Werkzeuge gestalten, die uns als Bürger bevollmächtigen, sodass wir die Regeln mitbestimmen können. Ich glaube, dass die Innovation aus den Randbereichen kommen wird, von den Experimenten mit aufkommenden Technologien wie Blockchain. Wir brauchen apolitische Institutionen als Wächter dieser digitalen Werkzeuge und den ihnen anhängenden Strukturen, wie neue Gemeingüter oder Cloud-Server – wie die BBC, nur für das Internet –, weil diese Werkzeuge unsere Beziehung zur Technik und zum Staat verändern, und schließlich die Macht und Rechte sowie das Potenzial, die wir als Bürger haben, neu erfinden werden.



















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Dossier
Smart Technology, Spekulatives Design
Jahr
2015
Disziplin
Webdesign, Produktdesign, Industriedesign
Ausgabe
form 262
Links
www.sarahtgold.co.uk

Mehr über die Crowdsourcing Week erfahren Sie in form 262. Die Ausgabe kann online über unseren Shop bestellt werden.

Text: Franziska Porsch