Interview mit Wintervacht:
Wrapped Up in a Warm Blanket

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Jeden Tag werden weltweit große Mengen an Müll produziert. Materialien wie Papier, Kunststoff und Glas sowie Elektroschrott füllen wöchentlich die Mülltonnen und Müllcontainer. Hinzu kommt, dass Gegenstände und Objekte, die nicht mehr funktionieren, in der Regel gar nicht erst repariert, sondern direkt weggeworfen werden. Dabei können ausgediente Möbel, defekte Gegenstände oder gebrauchte Kleidungsstücke nicht nur wiederverwertet – also recycelt –, sondern auch zu neuen Objekten modifiziert werden. Das Prinzip des Upcyclings wertet Produkte ästhetisch und ökologisch auf und schreibt ihnen neue Funktionen zu. Entgegen dem weitverbreiteten Klischee, dass es sich beim Upcycling um Kunsthandwerk handelt, nehmen sich auch Designer den scheinbar nutzlosen Materialien an.
Die niederländischen Designerinnen Yoni van Oorsouw und Manon van Hoeckel von Wintervacht nehmen sich einem Problem an, das besonders im Winter weit verbreitet ist – wenn es draußen kalt ist und es immer schwieriger wird, morgens aufzustehen. Yoni und Manon fertigen aus alten Textilien Kleidung an, die das Gefühl geben soll, den ganzen Tag in eine warme Decke gehüllt zu sein. Dabei gelingt es ihnen, Textilien eine neue Bedeutung zu geben, die ihren ursprünglichen Zweck bereits eingebüßt haben. Wir haben mit Yoni über das Konzept und den Arbeitsprozess hinter den Kleidungsstücken gesprochen. 




Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, alte Decken als Grundlage für Kleider zu nehmen?

 

Manon und ich lernten uns vor etwa acht Jahren an der Kunstschule kennen. Jeden Dienstag nahmen wir an Nähkursen teil, die meine Mutter gab. Zu dieser Zeit lebte Manon in einem Haus ohne Zentralheizung und hatte drei alte Wolldecken auf ihrem Bett liegen. Als meine Mutter vorschlug, ihr einen Mantel anzufertigen, hatte Manon die Idee, einen aus ihren Wolldecken zu machen, da ihr immer kalt ist.

Nachdem es immer mehr Komplimente gab, rief mich Manon mit dem Plan an, darauf ein Label aufzubauen. Gemeinsam mit meiner Mutter fertigte ich ein weiteres Modell an, das ich dann in der Schule trug. Wir begannen sie an Freunde und Klassenkameraden zu verkaufen, was uns wiederum Aufmerksamkeit verschaffte.

 

 

Was habt Ihr studiert?

 

Nachdem wir die Kunstschule, an der wir uns kennengelernt hatten, abschlossen, zog Manon nach Eindhoven um an der Design Academy zu studieren. Mich zog es nach Arnheim um dort Produktdesign an der Artez zu studieren. Während der Wochenenden arbeiteten wir gemeinsam an Wintervacht. Dafür wandelten wir die Häuser unserer Eltern in Arbeitsbereiche um, in denen jeder mithalf, besonders unsere Mütter. Mittlerweile haben wir unser eigenes Studio in Amsterdam, in das meine Mutter nach wie vor wöchentlich vorbeikommt um für uns zu arbeiten. Und Manons Mutter übernimmt alle Veredelungen der Mäntel. Wir hätten keine Ahnung, was wir ohne sie machen würden. Es ist eben ein richtiges Familienunternehmen.

 

 

Welche Materialien verwendet Ihr? Und woher kommen sie?

 

Wir sind immer auf der Suche nach Materialien mit hoher Qualität. Deshalb sortieren wir alle Decken und Vorhänge selbst. Wir suchen auch immer nach schönen Prints, glücklicherweise gibt es so viele verschiedene Decken, dass es nicht schwierig ist, fündig zu werden. Dies geht auf eine Zeit zurück, als die Produktion von Decken in den Niederlanden groß war und jeder Haushalt mehrere hatte. Heutzutage verwenden nicht mehr viele Leute diese Decken, stattdessen landen sie in Gebrauchtwarenläden. Zudem kollaborieren wir mit einigen Sortierungsunternehmen und recherchieren, welche Materialien wir in Zukunft verwenden können. Obwohl wir weiterhin Kleidungsstücke herstellen, arbeiten wir auch an Accessoires wie Stirnbändern und Fäustlingen. Ein neueres von uns verwendetes Material sind veraltete Schlafsäcke, aus denen wir in Zukunft eine limitierte Edition von Bomberjacken entwickeln werden.

 

 

Wie würdest Du den Herstellungsprozess beschreiben? Mit welchen Problemen musstet Ihr Euch auseinandersetzen?

 

Manon hat immer gute Ideen, wie ein aus einer alten Decke gefertigter Mantel oder eine Bomberjacke aus einem Schlafsack. Sobald sie einen Vorschlag vorbringt, mache ich mich an das Modell. Was für ein Modell möchten wir dafür überhaupt verwenden? Wo sollen die Taschen sitzen und wie sollte die Passform des Mantels sein? Alle Muster werden in unserem Studio hergestellt. Gemeinsam entscheiden wir, wie das finale Resultat aussehen soll. Jedes Stück schneiden wir selbst mit der Hand aus, erst dann geht es in das Nähatelier in Amsterdam. Danach kümmern wir uns um die Veredelung und Dämpfung der Kleidungsstücke. Erst dann ist es Zeit, schöne Bilder aufzunehmen und das Produkt auf unserer Webseite zu präsentieren.

Einige Probleme hatten wir mit den Bomberjacken aus Schlafsäcken. Da es ein schwer zu bearbeitendes Material ist, hatte das Atelier mit dem wir zusammenarbeiten einige Probleme bei der Herstellung. Wir entschieden uns deshalb, sie zurückzustellen, und stattdessen an Bomberjacken aus Decken weiterzuarbeiten. Erst wenn wir mit ihnen fertig und sie auf dem Markt käuflich zu erwerben sind, werden wir uns wieder der Schlafsack-Bomberjacke widmen. Obwohl du manchmal an etwas Neuem unbedingt weiterarbeiten möchtest, entscheidest dich, dass zu tun, was zuerst getan werden muss. Die Zeit ist eben nicht immer auf deiner Seite.

 

 

Woher nehmt Ihr Eure Inspiration? 

 

Wir lassen uns von verschiedenen Labels wie Dent de Man oder Afriek inspirieren, die Prints auf eine großartige Weise verwenden. Weitere Inspirationen holen wir uns auch aus Musterbüchern aus den 1940er- und 1960er-Jahren.

 



















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Dossier
Upcycling
Jahr
2015
Disziplin
Produktdesign, Modedesign
Ausgabe
form 261
Links
wintervacht.nl

Mehr zum Thema Upcycling finden Sie in form 261. Diese Ausgabe können Sie in unserem Shop bestellen. 

Text: Marie-Kathrin Zettl