10. Januar 2019

Dossiers

Interview mit Gregg Buchbinder und Adrian Parra

Text: Kathrin Leist

Wenn ein Verhalten oder eine Form funktionieren, werden sie kopiert. Das Problem im Design: Originale wollen sich halten, Kopien wollen für Originale gehalten werden. Den Wert und die Qualität, die Originale versprechen, können die Nachahmungen oft nicht liefern. So wird geistiges Eigentum urheberrechtlich geschützt und von Designern verteidigt, die sich die Designentwicklungen und deren Verteidigung leisten können. In form 281 widmen wir uns diesem Phänomen ausführlich. Wir haben mit Gregg Buchbinder, CEO bei Emeco und Adrian Parra, Head of Marketing Vitra US, zum Thema Urheberrecht und Kopie gesprochen.

 

Was können Designer tun, um nicht kopiert zu werden? 

 

Gregg Buchbinder: Wir registrieren das Design jedes Stuhls, den wir in den USA und in Europa herstellen, um unser geistiges Eigentum zu schützen. Wenn jemand eine gefälschte Kopie herstellt oder verkauft, teilen wir diesem zuerst mit, dass er unser geistiges Eigentum verletzt. Die ehrlichen Unternehmen entfernen die Fälschung aus dem Katalog. Die echten Schurken, die Fälscher, ignorieren oder bestreiten in der Regel unsere Behauptung und verkaufen die Fälschungen weiter. Wenn wir rechtliche Schritte einleiten müssen, müssen sie für den finanziellen Schaden aufkommen. Die Kopien unserer Stühle werden beschlagnahmt, wir recyceln sie und machen daraus authentische Stühle. Wir haben noch nie vor Gericht verloren.

 



 

Adrian Parra: In bestimmten Gesellschaften gehört alles dem Kollektiv und nichts einer Person, auch das geistige Eigentum. Unsere globale Marktwirtschaft funktioniert aber nicht nach diesem Prinzip. Authentizität und deren Förderung ist ein geschätzter Wert. Alle Designer sollten sich mit den Grundlagen von Geschmacksmustern und Patenten auskennen, wie Marken und Urheberrechten, und wissen, welche Arten des Schutzes jedem gewährt werden. Wer in eine geeignete Art des Rechtsschutzes im Vorfeld investiert, schützt sich vor Kopien.

 



 

Haben Sie ein Beispiel für eine Kultur, die Wert darauflegt, dass geistiges Eigentum allen gehört?

 

Adrian Parra: China ist ein offensichtliches Beispiel für eine Gesellschaft, in der ein kollektives Eigentum des Besitzes hoch geschätzt ist. Es ist aus Sicht eines Möbelherstellers sehr verständlich, mit dem Finger auf die Fälschung von Exporteuren zu zeigen und mit Empörung zu erklären, dass sie die Rechte von Inhabern geistigen Eigentums respektieren müssen. Die Realität ist jedoch viel diffiziler, vor allem in Entwicklungsländern und Gemeinschaften, die sich die Vorteile der Globalisierung erst noch erschließen müssen.

Das geistige Eigentum als Konstrukt hat seine Wurzeln in der europäischen Kultur und wird heute als westliche Vorstellung verbreitet, die die Grundlage unseres globalen Handelssystems bildet. Um an der globalen Wirtschaft teilzunehmen, müssen sich die Teilnehmer natürlich mit ihren Grundnormen einverstanden erklären, zu denen auch das geistige Eigentumsrecht gehört. Es gibt aber auch Designer, die einen Entwurf absichtlich mit einer Gemeinschaft teilen.

 

Wer zum Bespiel?

 

Adrian Parra: Im vergangenen August sah ich eine tolle Ausstellung in der Galerie Kurimanzutto in Mexiko-Stadt, wo der Architekt Oscar Hagerman seinen Arullo-Stuhl aus dem Jahr 1969 erforschte, der selbst eine Interpretation eines populären mexikanischen Volksdesigns war. Anstatt mit Knappheit zu wirtschaften, wo ein begrenztes Angebot eine höhere Nachfrage und höhere Preise erzeugt, nutzte Hagerman die Entwicklung seines Designerstuhls als Katalysator für ein Gemeinschaftsprojekt. Er lehrte mexikanischen Gemeinden, wie sie ihre eigene Version herstellen können, um das lokale Handwerk und die Wirtschaft zu unterstützen. Schlussendlich wurde sein Stuhldesign durch Open Source verbreitet. Hagerman trat von seiner Rolle als Designer als Autor in die Anonymität. Die Ausstellung in Mexico-Stadt zeigte viele verschiedene Stuhldesigns, die auf dem Arullo-Stuhl basieren und die alle von mexikanischen Kunsthandwerkern gefertigt wurden.

 



 

Warum sollte man immer das Original von etwas kaufen?

 

Gregg Buchbinder: Das beste Argument gegen Fälschungen ist, wenn das Design nicht hält, was es verspricht und auseinanderfällt. Sie bekommen das, wofür sie bezahlen. Wir garantieren, dass unser authentischer 1006 Navy Chair ein Leben lang hält. Ein gefälschtes Navy-Stuhlbein ist so an der Sitzfläche befestigt, dass es nach kurzer Zeit abbricht, weil gefälschte Stühle nicht wärmebehandelt werden. Die Verbraucher halten Fälschungen für echte Navy-Stühle und verletzten sich sogar. Das ist sehr schädlich für unseren Ruf.



 

Was halten Sie von Designern, die andere Designer beschuldigen, sie zu kopieren?

 

Gregg Buchbinder: Über einen Zeitraum von sechs Monaten hat Frank Gehrys Sohn Sam an dem Liegestuhl Tuyomyo aus Aluminium gearbeitet, den die Handwerker bei Emeco umsetzten. Nachdem Frank unser Werk zum ersten Mal sah, fand er ein Foto in einem Auktionshaus-Buch, das unserem Produkt sehr ähnlich sah. Er sagte: „Es gibt keine neuen Ideen.“ Aber trotzdem wollte er mit dem Entwurfsprozess nochmals von vorne anfangen. Er wollte nicht, dass die Leute denken, er kopiere andere Designer. Ein Grund, warum wir immer jedes Projekt mit einem Patent schützen lassen ist, dass wir dabei intensiv untersuchen, ob unsere Arbeit originell ist. Das Tuyomyo-Projekt war ein Einzelstück, das wir entworfen haben, um Geld für die Hereditary Disease Foundation zu sammeln. Wir gingen nicht in Produktion und hielten kein Designpatent für notwendig. Im Rückblick wäre es klug gewesen, vor dem Beginn des Designprozesses Marktforschung zu betreiben.

 

Adrian Parra: Inspirationen kommen von überall her, jedoch ist das Soft-Knock-Off-Phänomen ein rutschiger Abhang. Besonders im Zeitalter von Social Media und dem reichhaltigen Zugang zu Informationen. Ich liebe diese Diskussion, weil wir nicht nur schnell herausfinden, wer von Grund auf eine Leidenschaft für Design hat, sondern auch, wer die Mechanik versteht. Man sieht aber auch, wer einfach auf den kommerziellen Zug aufspringen will, um schnelles Geld zu verdienen.

 

Warum haben viele Menschen nicht das Gefühl, moralisch falsch zu handeln, wenn sie Designer kopieren, den Konsumenten absichtlich Kopien anbieten oder Kopien kaufen?

 

Gregg Buchbinder: Sie lassen sich täuschen. Die meisten Verbraucher können die Kopie und das Original nicht auseinanderhalten. Sie gehen ins Internet und sehen einen Stuhl, den sie mögen, und wenn es sich um eine Fälschung handelt, ist sie preiswert. Also kaufen sie, was ihnen gefällt. Wenn sie herausfinden, dass sie Kopien erworben haben, weil sie sich bei uns über die Qualität beklagen, kaufen viele Kunden die authentischen Stühle und entsorgen die Knock-Offs.

Verkaufen sich ähnliche Designs besser als andersartige?

 

Gregg Buchbinder: Es ist wahr, dass Kunden ein Design nicht kaufen, wenn es zu anders ist. Der Stuhl Superlight, den wir mit Frank Gehry gemacht haben, ironisch-inspiriert von Gio Pontis Superleggera, verkauft sich nicht gut. Wenn eine Designfirma ständig so arbeitet, kann das für die Gesundheit des Unternehmens gefährlich werden. Aber wenn Sie das Glück haben, mit einem der erstaunlichsten Menschen auf der Welt zusammenarbeiten zu können, wie Frank Gehry, ist das ein einmaliges Glück im Leben.



 

In der Mode wird viel mit Kopien gespielt – Marc Jacobs kopiert sich beispielsweise gerade selber, Miuccia Prada gibt offen zu, dass sie Vintage-Balenciaga-Schnitte kopiert. Warum ist diese Haltung bei Produktdesignern nicht angesagt?

 

Gregg Buchbinder: Ich kenne Miuccia Prada und glaube, dass sie von Vintage-Designs inspiriert ist. Natürlich sind Produktdesigner auch von Designs angeregt, die im Laufe der Jahre gemacht wurden. Die wahren Designer aber können ihre Arbeit bei der Entwicklung eines neuen Designs zeigen. Und das neue Design ist keine exakte Kopie eines Vintage-Produkts.

 

Adrian Parra: Es beruhigt mich zu wissen, dass der Furniture Evolutionary Tree eine ernst zu nehmende Sache ist, der Gelehrte und Designhistoriker ihr Leben widmen. Es bilden sich immer neue Äste und es ist spannend zu beobachten, wenn ein Designer als Pionier einen neuen Zweig erforscht. Ein Designer kann gut für sein Design argumentieren und gegen die Nachahmung eines anderen, wenn seine Arbeit historisch und für einen bestimmten Zeitpunkt relevant ist. Ich denke, dass sich das visuelle Gespür der Menschen weiterentwickelt hat – trotz Social Media und Instagram. Hersteller und Designer in der globalen Wirtschaft von heute sind verantwortlich dafür, ihren Mund aufzumachen, wenn sie ihre Entwürfe als billige Wegwerf-Mode wiedersehen.

 



 

Was verstehen Sie unter dem Begriff „Furniture Evolutionary Tree“?

 

Adrian Parra: Ich spreche gerne über Designgeschichte, und so habe ich für mich den Begriff Furniture Evolutionary Tree [Evolutionärer Baum der Möbel] erfunden. Möbeldesign tritt nicht in einem Vakuum ohne Zusammenhang auf. Es basiert auf Präzedenzfällen, seien es technologische oder Materialinnovation, Kultur, Mode, wechselnder Geschmack, ganz zu schweigen von Markterfolgen und Misserfolgen. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist der weiße Plastikgartenstuhl Monobloc, der nicht nur stapelbar ist, sondern auch bis zu 114 Kilo trägt und nur zwölf Euro kostet. In der evolutionären Metapher entspricht der Stuhl den antibiotikaresistenten Bakterien. Einige echte Pioniere im Möbeldesign, die ganz neue Möbeltypen definieren, harmonieren mit dem Markt in einem magischen Moment – ich bezeichne einen Schreibtisch, an dem man im Stehen arbeiten kann, als einen Zweig des Schreibtischdesigns. Von diesem Moment an entwickelt sich die neue Kategorie von selbst weiter, weil andere diese Marktnachfrage erkennen und  ihre eigenen Versionen kommerzialisieren, um mit den Pionieren des Designs zu konkurrieren. Der Markt ist in vielerlei Hinsicht die treibende Kraft bei der Entwicklung des Möbeldesigns.

 

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Nº 283
The Power of Design

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