Interview mit Luke George
und Daniel Kok:
Knoten als Medium

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Knoten sind die denkbar einfachste Form, mit der Verbindungen, Fixierungen oder Strukturen zwischen, mit und innerhalb flexibler Materialien geschaffen werden können. In vielen Kulturen sind sie zudem fest in der traditionellen Handwerkstechnik und Symbolik verankert. Auf verschiedene Art und Weise kommen geknotete Seile auch im Design zum Einsatz, um sowohl praktische als auch ästhetische Zwecke zu erfüllen.

 

Die beiden Tänzer Luke George und Daniel Kok lernten sich 2014 während eines Workshops am Campbelltown Arts Centre in Sydney kennen und beschlossen, gemeinsam eine Performance zu konzipieren, in deren Mittelpunkt Knotentechniken stehen. Anfang 2016 fand die Premiere von „Bunny“ in Sydney statt. Seitdem gab es unter anderem Aufführungen in Singapur, Norwegen und Japan. Wir haben mit ihnen über die Performance, den Entstehungsprozess und ihre Ideen dahinter gesprochen.




Woher kam die Idee, Seile und Knotentechniken zum wichtigen Bestandteil einer Performance zu machen?

 

Luke George: Schon bei unserem ersten Treffen und in frühen Diskussionen haben wir bemerkt, dass wir ein ähnliches Interesse an den Machtverhältnissen zwischen Künstler und Publikum teilen. Die Idee, mit Seilen zu arbeiten, kam daher, dass sich dieses Material dazu eignet, Beziehungen zwischen Menschen und Körpern sichtbar zu machen – sowohl zwischen uns beiden als Kollaborateuren als auch zwischen Darsteller und Zuschauer. Wir waren auch fasziniert von der metaphorischen Sprachebene von Seilen und Verknotungen, wenn man über Beziehungen spricht: Verbindungen, Verstrickungen, Spannung, Entfesseln, Verdrehen, Aufhängen etc.

Die Entscheidung, die Arbeit mit Seilen auszuprobieren, trafen wir quasi intuitiv im Zuge unserer Diskussion über Zuschauen, Kollektivität und Partizipation in einer Performance. Wir haben uns über unsere persönlichen Erfahrungen mit Liebe, Sex, Dating und Tanzen in Nachtclubs ausgetauscht, die wir über die Jahre gesammelt hatten. Irgendwie landeten wir im Endeffekt bei Seilen. Wir waren sofort Feuer und Flamme und uns beide sicher, das ausprobieren zu wollen. Wir haben uns einen Rope Dojo (Anmerkung der Redaktion: Studio für Bondage-Kurse) in Sydney gesucht und mit dem Lernen begonnen.

Weitere relevante Interessen waren Daniels Ausbildung im Pole Dance und meine Tätigkeit als Masseur. All diese Aktivitäten laufen in der Frage nach dem Verlangen zwischen Tänzer und Publikum zusammen.

 

 

Welche ästhetischen Qualitäten bieten diese Komponenten?

 

Luke George: Wir haben uns mit verschiedenen Wissensfeldern bezüglich Seilen auseinandergesetzt: Makramee, Camping, Segeln und Klettern, Survival Paracords (Anmerkung der Redaktion: Fallschirmleinen), Bondage und chinesische Knoten. Wir haben viel Zeit darauf verwendet, diese verschiedenen Techniken und Fähigkeiten zu studieren; Bondage natürlich im Besonderen. Bondage hatte wegen des Rollenspiels im Zusammenhang mit Macht und Dynamiken zwischen Personen den größten Einfluss. Hier birgt es bereits großes Potenzial für die Performance.

Während unserer Recherche haben wir verschiedene Arten von Seilen gesammelt und mit ihnen gearbeitet. Das reichte von Naturfaserseilen, die im Bondage beliebt sind, über bunte Fallschirmleinen, aus denen heute oft Armbänder gefertigt werden, bis zu Seilen für den Haushalt oder solchen für professionelle Bergsteiger. Zwischenzeitlich hatten wir sogar überlegt, mit Industrieseilen für riesige Schiffe zu arbeiten, das wäre für uns jedoch eine zu große logistische Herausforderung geworden.

Ein Seil hat sowohl ästhetische als auch energetische Qualitäten. Es ist eine Linie im Raum, um einen Körper herum, zwischen zwei Körpern. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf räumliche und auch auf dynamische Beziehungen. Einen Körper in Seile zu wickeln, bedeutet nicht nur, ihn zu immobilisieren, sondern auch, ihn zu schmücken. Linien und Knoten würdigen die Kraft und auch die Verletzlichkeit des Körpers – Körper und Seil kommunizieren und bilden eine Einheit. Bei dem Grad der Spannung schwingt auch ein Unterton mit – eine Tatsache, die sicht- und fühlbar für die gefesselten Menschen und auch die Zuschauer ist.




Welche Rolle spielt das Publikum bei „Bunny“?

 

Luke George: Das Publikum nimmt viele Rollen ein: aktiver Zuschauer, Voyeur aus der Entfernung, physisch involvierter Part. Dies sind weder feste Rollen, noch werden sie didaktisch ausgeführt. Die Rollen finden auf verschiedenen Niveaus von Bewusstsein, Verhalten und Entscheidungen statt. Wir hoffen, dass das während der Performance klar wird. Bunny ist der Spitzname für die gefesselte Person beim Bondage. Für dieses Stück fragen wir: „Was, wenn jeder (im Theater) ein Bunny wäre?“ Das klingt erst einmal danach, als hätten wir vor, alle zu fesseln. Ganz am Anfang hatten wir das auch vor, aber dann wurde uns klar, dass man, um ein Bunny zu sein, nicht unbedingt körperlich gefesselt sein muss. Wir sprechen viel über Verlangen – sowohl individuelles als auch kollektives: das Verlangen, selbst gefesselt zu werden, oder jemanden dabei zu beobachten, wie er gefesselt wird und sich zu fragen, ob man gerne an seiner Stelle wäre; oder auch das Verlangen nach Spannung, geneckt zu werden, zu gefallen, zu gehorchen, belohnt zu werden, Empathie und Intimität, Vertrauen und Fügung. Während der Performance „fesseln“ wir Stück für Stück den ganzen Raum, physisch, psychologisch und metaphorisch. Wir beziehen das Publikum mit ein und verlangen Mithilfe dabei, die Show am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln. Zu Anfang sind wir selbst gefesselt und ruhiggestellt und geben einfache Anweisungen, etwa Musik von einem Handy abzuspielen, einen von der Decke abgehängten Darsteller zu drehen, uns zu fesseln oder zu entfesseln. Das Niveau und die Intensität der Einbeziehung steigt über die zwei Stunden auf recht anspruchsvolle Dinge, die nur möglich sind, weil das Vertrauen wächst während wir nach mehr verlangen. Gegen Ende des Stücks ist es immer wieder ziemlich beeindruckend, wie weit wir gegangen sind.

 

Daniel Kok: Irgendwann während des kreativen Entstehungsprozesses wurde uns bewusst, dass wir uns eine große Herausforderung geschaffen hatten: Jeden im Theater als Bunny zu deklarieren, bedeutet auch die Dominanz über sie alle zu haben. Damit geht eine entsprechende Verantwortung einher. Wir konnten also nicht mehr spielerisch damit umgehen und mussten uns mit den Konsequenzen befassen. Das Publikum von „Bunny“ begibt sich bis zu einem hohen Grad in unsere Hände und erwartet von uns, mitgenommen zu werden, an einen fordernden und überraschenden Ort. Wir fragten uns, ob wir uns zu viel vorgenommen hatten. Doch ist das nicht auch der ultimative Wunsch jedes Darstellers: Vom Publikum das Vertrauen zu erhalten, ihm etwas zu geben, wovon keiner von ihnen vorher wusste, dass er es will? Sobald uns klar wurde, dass genau das aufgrund der von uns gestellten Fragen von uns verlangt wurde, ist uns das Risiko und unsere Sorgfaltspflicht noch bewusster geworden. Wir mussten wohl die Ethik des Alltags verlassen und uns auf eine Art Rollenspiel einlassen, in dem wir denjenigen verkörpern, der vertrauenswürdig ist und zentral alles zusammenhält.

Schlussendlich kann ich sagen, das „Bunny“ für uns streckenweise zu einer wertvollen und lebensverändernden Erfahrung wurde. Es kommt selten vor, dass die intellektuelle Ebene meiner Arbeit so mit der emotionalen und persönlichen zusammengeht.




Wie definiert beziehungsweise verändert Ihr die Rolle von Menschen versus Objekten?

 

Luke George: Das Bühnenbild von Bunny besteht aus einem blauen Teppich, auf dem Objekte wie auf dem Boden eines Showrooms ausgelegt sind. Der ganze Raum wird von LED-Licht hell erleuchtet. Das hebt die leuchtenden Farben der Seile, Objekte und des Make-ups noch mehr hervor. Die Objekte sind Alltagsgegenstände, etwa ein Staubsauger, Tischventilator, CD-Spieler, Feuerlöscher oder Kissen. Jedes Objekt ist mit bunten Seilen verschnürt, inspiriert von Makramee, Shibari (Anmerkung der Redaktion: japanisches Bondage) und Netzknüpftechniken. Wir betrachten Objekte als Körper und fesseln sie auch so. Wir wickeln sie in Seile und machen sie dadurch zu schönen, wertvollen Dingen. Während des gesamten Stücks kommt Daniel in Kontakt mit jedem Objekt, hat eine intime und sinnliche Verbindung mit ihnen, er aktiviert sie und macht sie an. Der Ventilator klickt, weil er von Seilen an der Bewegung gehindert wird. Parallel zu Daniels Beziehung zu den Objekten bin ich in direktem Kontakt mit den Menschen. Ich spiele sie direkt an und beziehe sie immer weiter in das Stück ein, indem ich sie fessele. Die Objekte deuten ebenfalls an, dass die Körper – sowohl unsere als auch die des Publikums – ebenfalls Objekte sind, die verschnürt und zu etwas Schönem gemacht werden können.

 

Daniel Kok: Für mich war es eine faszinierende Feststellung, wie Seile ein gefesseltes Objekt mit größerer Subjektivität aufladen können – ob es sich um einen Staubsauger oder ein Hähnchen aus dem Supermarkt handelt. Den umgekehrten Fall gibt es auch: Ein Mensch kann durch Fesselungen zu einem Objekt werden, ohne dass die Objekthaftigkeit ihn in seiner Menschlichkeit einschränkt. Wenn Objekte und Menschen gefesselt zwischen Subjektivität und Objekthaftigkeit schwanken und beobachtet werden, glaube ich, dass das Empathieempfinden und das Verlangen steigt – besonders wenn das Beobachten im Kollektiv erfolgt. Gemeinsam zu erleben, wie jemand gefesselt wird, scheint diese Gefühle auszulösen.

 

 

Wie sehen Eure Pläne für die Zukunft aus? Werdet Ihr Euch weiter mit diesem Thema beschäftigen?

 

Luke George: Die Themen Intersubjektivität, Interaktion und Spannungsverhältnisse zwischen Künstler und Publikum sind allesamt fortlaufende Schwerpunkte für Daniel und mich in unserer individuellen Arbeit. Unsere Zusammenarbeit hat so gut funktioniert, dass wir sehr wahrscheinlich ein weiteres Projekt gemeinsam angehen werden, allerdings ist noch nicht klar, wann und was. Wir beschäftigen uns beide gerne mit neuen Arbeitsansätzen und bestimmten Materialien und Körperlichkeiten. Ob das noch einmal Seile als zentrales Thema sein werden, wird sich zeigen. „Bunny“ sorgt gerade für viel Aufmerksamkeit. Wir hatten bereits sieben internationale Aufführungen und es sind noch einige für 2017 geplant. Für uns persönlich sind und bleiben Seiltechniken etwas Besonderes. Wir sind etwas süchtig danach, zu fesseln und gefesselt zu werden.

 

Daniel Kok: Ich kann noch gar nicht sagen, womit wir uns als nächstes beschäftigen könnten … Wrestling? Einer Modenschau? Was auch immer es ist, vielleicht können wir noch einen Schritt weitergehen: mit der gleichen Art von Fragen zum Beispiel mit politischen Beziehungen umzugehen oder mit Intersubjektivität, ob mit oder ohne physischen Kontakt zum Publikum und seiner Partizipation. Ich bekomme jetzt schon Kopfschmerzen, wenn ich über die Umsetzung nachdenke. Aber ich hoffe, dass wir es dennoch versuchen werden. 













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Dossier
Szenografie
Jahr
2016
Disziplin
Kunst, Tanz, Choreografie
Ausgabe
form 267
Links
lukegeorge.net
diskodanny.com

Weitere Projekte zum Thema Knoten finden Sie in form 267. Die Ausgabe ist in unserem Shop erhältlich.

Text: Susanne Heinlein