Datensicherheit:
Crytch

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In Zeiten digitalisierter Kommunikation ist Privatsphäre ein sensibles und komplexes Thema geworden. Immer wieder werden Fälle bekannt, bei denen Informationen nicht nur den Adressaten, sondern auch unerwünschte dritte Parteien erreicht haben. Moritz Ebeling und Leon Lukas Plum haben im Rahmen ihres Studiums der visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar ein Tool entwickelt, mit dem jeder Text- und Bildinformationen so verschlüsseln kann, dass diese Gefahr umgangen wird. Wir haben mit den beiden Gestaltern gesprochen.




Welchen Beitrag leistet Crytch zur digitalen Privatsphäre?

 

Als eine Art Prototyp ermöglicht Crytch die Gestaltung und Verschlüsselung visueller Botschaften. Dazu ist weder Vorwissen noch eine bestimmte Einrichtung notwendig – alles geschieht direkt im Browser. Crytch macht das Verschlüsseln eigener Nachrichten sicht- und damit nachvollziehbar und dient so als Ausgangspunkt, um sich mit digitaler Privatsphäre zu befassen. Crytch soll zeigen, dass dieses Thema nicht nur etwas für Spezialisten ist, sondern dass man sich ihm auch spielerisch und kreativ nähern kann.

 

 

Nach welchen technischen und visuellen Prinzipien funktioniert Crytch?

 

Die grundlegende Funktionsweise ist inspiriert von einem visuellen Verschlüsselungsverfahren, das Moni Naor und Adi Shamir in den 1990er-Jahren entwickelt haben. Dabei wird ein Bild in diverse Ebenen zerteilt, die erst durch exaktes Übereinanderlegen wieder das Original ergeben. Crytch bewegt und verschiebt Formen auf einem Raster so, dass sie hinterher nicht mehr erkennbar sind. Die erstellte Nachricht wird bei der Eingabe des Passworts mit jedem Zeichen schrittweise manipuliert und somit immer unleserlicher.

Die fertig kodierte Nachricht wird dann auf dem Server gespeichert und kann unter einer eigenen URL abgerufen und dann durch Eingabe des Passworts wieder dekodiert werden. Hier wird der Verschlüsselungsprozess schrittweise rückgängig gemacht, bis die ursprüngliche Botschaft wiederhergestellt ist. Das Passwort selbst wird dabei nirgends gespeichert, es ist allein in die manipulierte Form „eingearbeitet“. Als Verifikation eines korrekten Passworts dient somit ausschließlich die wieder lesbare Botschaft.




Wie unterscheidet es sich von anderen Verschlüsselungsmethoden?

 

Man muss Crytch nicht installieren, kaufen, vorbereiten oder lernen. Es kann von jedem jederzeit genutzt werden. Besonders ist, dass man die Verschlüsselung der eigenen Nachricht live beobachten kann, sodass nicht nur der Prozess, sondern auch der Grad der Verschlüsselung sichtbar wird und vom Nutzer beeinflusst werden kann. Außerdem stehen dem Nutzer verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, mit denen er seiner Nachricht einen persönlichen Charakter verleihen kann, zum Beispiel mit Farben, Strichstärken, Buchstaben oder einem Zeichenwerkzeug. So besteht jede Nachricht eben nicht nur aus der reinen Information, sondern ist ein eigenes kleines Kunstwerk, eine digitale Postkarte. Auch die Verschlüsselung selbst hat ihre spezielle Ästhetik.

 

 

Ist Crytch als Experiment gedacht oder könnt Ihr Euch auch die Anwendung im Alltag vorstellen?

 

Beides. Aber zunächst steht für uns das Experiment im Vordergrund: Uns interessiert, wie sich ein so abstraktes Thema wie Kryptographie visualisieren lässt, inwiefern diese Sichtbarmachung Einsichten in den Prozess erlaubt und wie daraus eine neue Formensprache geschöpft werden kann. Zudem lässt sich mit Crytch die Spannung zwischen gestalterischer Freiheit und klar definierten Bedingungen erproben.

Die Methode, die wir für Crytch entwickelt haben, ließe sich in Zukunft auch weiter nutzen, zum Beispiel als Messenger-Dienst oder Ver- und Entschlüsselungsmechanismus für ganze Dokumente. Bis dahin ist Crytch ein funktionierendes Werkzeug und insofern „alltagstauglich“, als dass es das Herstellen, Verschlüsseln und Versenden kurzer Nachrichten ermöglicht.
















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Dossier
Gefahr, Typografie, Tools, Informationsdesign
Jahr
2017
Disziplin
Webdesign, Grafikdesign, Interfacedesign
Ausgabe
form 271
Links
crytch.com

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Text: Susanne Heinlein