Isabel Seiffert: Governance. Democracy. Delete.

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Zürcher Hochschule der Künste, 2013

open-output.org/isabel_seiffert


Die Publikation „Governance. Democracy. Delete.“ ist der 600-seitige Versuch, mittels Twitter-Einzeilern und dem damit verlinkten Material die Debatte über die Zukunft des Internets in seiner politischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimension einzufangen, zu strukturieren und zu kontextualisieren. Das Buch – als Teil der Open-Source-Bewegung zu betrachten – ist ausschließlich in frei zugänglichen Fonts gesetzt und als monatlich erscheinende Print-on-Demand-Edition gedacht.




„Die Jury war von dem massiven Aussehen des Buches beeindruckt. Die charmante, aber fett gedruckte und geradlinige Typografie korrespondiert hervorragend mit dem wichtigen Thema. Durch die Analyse der Sammlung wird die Bedeutung des Twitterns zu einem bedrohlich erscheinenden Geschichtsbuch erweitert. Die Macht des Designs!“ Hansje van Halem

 

1. Was hat dich zu deiner Arbeit inspiriert? Beziehst du selbst Stellung zum Thema Netzpolitik?

 

Mir war schon zu Beginn des Masters klar, dass ich mich als Gestalter in der Vertiefung Editorial Design mit dem Internet beschäftigen möchte. Ich trenne „analog“ nicht mehr von „digital“. Beide sind eng miteinander verzahnt. Nach ersten Recherchen wurde mir klar, dass die politische Dimension des Internets eine noch nicht ganz ernstgenommene, aber sehr pressierende Thematik darstellt. Ich sah meine Aufgabe darin, die Netzpolitik aus ihrer Nische herauszuholen und mithilfe der Gestaltungen einem neuen Publikum näher zu bringen.

In meiner Arbeit beziehe ich in indirekter Weise auch selbst Stellung zur Netzpolitik. Mein Netzaktivismus schwingt als Unterton mit. Deswegen habe ich auch die „Declaration of Internet Freedom“ neu verfasst, die sich einerseits im Kompendium findet und andererseits als Flugblatt verteilt wurde.

 

2. Lässt sich mithilfe von Tweets und Online-Artikeln ein ehrlicheres und wahrheitsgemäßeres Bild der öffentlichen Meinung zeichnen als durch andere Recherchemethoden?

 

In meiner Arbeit beziehe ich mich nicht auf die breite Masse und die allgemeine öffentliche Meinung, sondern versuche denen, die sich gut mit dem Thema auskennen eine Stimme außerhalb ihres Interessenkreises zu geben. Die breite Masse hatte zu der Zeit auch noch nicht wirklich eine Meinung zu dieser Thematik, da das Projekt vor Snowden entstand. Es gibt aber schon lange eine engagierte Gruppe von Leuten, die täglich über aktuelle netzpolitische Geschehnisse bloggt, twittert und zuweilen sogar Lobbyismus für unsere digitalen Bürgerrechte betreibt.

Anfänglich wollte ich Interviews mit den verschiedenen Organisationen und Einzelpersonen, die sich für Netzpolitik einsetzen, führen. Aber mir wurde schnell klar, dass sich alles auf ihren Blogs findet … und ihr Einträge und andere wichtige Links posten sie auf Twitter. Also entschied ich mich, ihnen dort zu folgen und zuzuhören. Das Folgen der Hashtags #netzpolitik, #netzneutralität und #netzsperren halfen bei der Suche.

Obwohl die Arbeit sehr umfangreich ist, kann man nie sagen, dass man ein absolut vollständiges und wahrheitsgemäßes Bild geschaffen hat. Das ist auch bei solch einer Thematik kaum möglich, da sie nicht schwarz oder weiß ist. Aber durch die Mittel der ästhetischen Rhetorik des Grafikdesigns und der Instrumentalisierung Twitters, sensibilisiert „Governance. Democracy. Delete.“ für das Thema Netzpolitik, regt zum Nachdenken an und schafft gleichzeitig ein Archiv, bevor die Kurznachrichten im „Deep Web“ verschwinden. Die Darstellung und Inbezugsetzung der Tweets zueinander geben zudem ein ausführlicheres und komplexeres Abbild der Diskussion.

 

3. Du beschäftigst dich mit einem ständig wachsenden und sich wandelnden Pool von digitalen Daten. Wie kam es zu deiner Entscheidung für das analoge Medium Buch als Umsetzung?

 

Dass ich mich für das Medium Buch entschieden habe, hat vielerlei Hintergründe. Zumal es zu diesem Projekt auch ein Webseitenkonzept und eine gefilmte Rede, die an die Bürger gerichtet ist, gab. Das Kompendium ist aber der Hauptteil meiner Arbeit. Zum einen war es für mich als Gestalterin interessant, die Ästhetik des Internets in eine gedruckte Form zu übersetzen. Zum anderen denke ich, dass es sehr wichtig ist verschiedene Kanäle für die Vermittlung netzpolitischer und digitaler Themen zu nutzen. Nur weil es um den digitalen Raum geht, heißt das nicht, dass das Internet das einzige Kommunikationsmedium dafür ist. Das gedruckte Buch wirft ein ganz anderes Licht auf Zusammenhänge und kann diese auch auf ungewohnte Weise darstellen. Es gibt diesen Überraschungseffekt und eine neuartige Leseweise, die beim Betrachter hängen bleiben.



















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