22. Februar 2019

News

Nachruf Karl Lagerfeld
(1933–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Er hatte die bekannteste Silhouette der Modebranche, und sein Name war fast so etwas wie ein Synonym für Mode allgemein; so bekannt, dass Kleider mit dem Label Karl Magerheld sogar in der deutschen Micky Maus von Klarabella getragen wurden. Nun ist der Modemacher, Fotograf, Herausgeber, Zeichner, Schnellsprecher und leidenschaftliche Sammler Karl Lagerfeld im Alter von 85 Jahren gestorben.



 

Lagerfeld wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf, der Vater war Besitzer der Glücksklee-Milchkonservenfabrik. Seine Mutter förderte seinen frühen Umzug von Hamburg nach Paris, von wo aus er mehrere Marken, zum Teil parallel, bestimmte. Fendi, Chanel, Chloé und die eigene Linie seien genannt, aber auch für H&M entstanden Entwürfe. Als Fotograf inszenierte er Kollektionen von Mitbewerbern, zu denen er sonst auf Distanz ging, und 2008 machte er sogar Werbung für ein Kleidungsstück mit der ungewöhnlichen Beschreibung „Sie ist gelb. Sie ist hässlich. Sie passt zu nichts“, um dann fortzufahren: „Aber sie kann Leben retten.“ Die Rede war von der aktuell in durchaus lebensgefährdenden und anders wahrgenommenen Situationen in Frankreich zum Einsatz kommenden gelben Sicherheitsweste, für die Lagerfeld selbst für die Plakataktion Modell stand: unpassend eben zu Bikerhandschuhen und Stehkragen, den neben Pferdeschwanz und Ringen bekanntesten Insignien des Couturiers und Selbstvermarkters.

Dem unsteten Wesen der Mode, dem Wechsel des saisonalen Luxus’ entsprach auch Lagerfelds Sammelleidenschaft. Früh am Produktdesign über die Kleidung hinaus interessiert – ein Bildnis des jungen Mannes zeigt ihn entspannt in einem Joe-Colombo-Sessel – häufte er Art-déco-Mobiliar mit erlesenen Furnieren und anderen Oberflächen an, nur um sich nach Jahren Neuem zuzuwenden: der Gruppe Memphis. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass Lagerfelds neue Einrichtung mit dazu beitrug, die postmodernen Oberflächen nicht unbedingt populär, aber doch zumindest begehrenswert zu machen, und auch Designhistoriker werden unabhängig von Nützlichkeitserwägungen Lagerfelds Diktum zustimmen, seit Memphis sei stilistisch nichts auch nur annähernd Einflussreiches entstanden. Doch auch hiervon trennt er sich 1991, das Auktionshaus Christie’s verlangt allein für den Katalog seiner Sammlung 500 Dollar – er ist trotzdem sofort vergriffen.

1993 erhält er den Lucky Strike Award, den seinerzeit bekanntesten, einer Person gewidmeten Designpreis, die Festpublikation enthält praktisch keinen Text – Lagerfeld, der Fotograf. Zusammen mit dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl verlegt er neben Eigenpublikationen zwei eigene Reihen, eine für Fotobücher, eine zweite für Essayistik und Philosophie. In der letzteren erscheint auch eine Wiederauflage von Texten Vilém Flussers, herausgegeben vom früheren Design-Report- und form-Redakteur Fabian Wurm. Für die Magazin genannte Farbanzeigenbeilage der F.A.Z. zeichnet er Karikaturen, in denen er mit Vorliebe Angela Merkel kritisiert, eine Sammlung dieser politischen Kommentare wird nun posthum erscheinen. Seine große Retrospektive in Bonn 2015 besucht er laut damit Befassten nicht, er will nicht zurück, sondern nach vorne blicken. Widerspruch ihm gegenüber ist zwecklos, nur in einem hat Lagerfeld, dessen Aussprache des Vornamens Claudia zahlreiche Imitationen anregte, nicht recht behalten: die Chanel-Kollektionen 2022 kann er zum Bedauern vieler nicht mehr verantworten.

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