8. Januar 2019

News

100 Jahre lenkbares Licht

Text: Jörg Stürzebecher

Museum für Angewandte Kunst Köln

14. Januar – 24. Februar 2019

museenkoeln.de

 

„Das Bauhaus ist abgenagt bis auf die Knochen“, konstatierte vor mehr als zwanzig Jahren der kurzfristige Ulm-Student und langjährige Bauhaus-Forscher Eckhard Neumann. Dass dies die kunstgeschichtlichen Leichenfledderer im Jahr 2019 nicht davon abhalten wird, das Skelett in eine neue kleidsame und dennoch stinkende Uniform zu kleiden ist sicher – auf Bertolt Brechts „Legende vom toten Soldaten“, die ungefähr zeitgleich mit dem Bauhaus entstand, sei ausdrücklich und nicht nur aus mentalitätsgeschichtlichen Gründen hingewiesen. An der Leiche beweist sich der Arzt oder – museumsdeutsch – der Kurator. Da heißt es, sich zu beeilen, denn das, was vom Bauhaus profitieren will, zieht unweigerlich Kulturbulimie nach sich.



 

Schon jetzt ist einigen angesichts der wirklichen oder vermeintlichen Entdeckungen, wie sie etwa Art Magazin (Hin Bredendieck) oder AD (Lou Loeber und so weiter und so fort) schon 2018 präsentierten, der Magen verdorben – von den allgegenwärtigen Hochschulangebotsbelästigungen, mit denen Studierende der Kunstgeschichte oder des Grafikdesigns zurzeit in Winter- und Sommersemestern gepeinigt werden, nicht zu schreiben.

Eine etwas andere Auseinandersetzung versucht die Ausstellung „100 Jahre lenkbares Licht. Ursprung und Aktualität beweglicher Beleuchtung“ des Kölner Museums für Angewandte Kunst, das anlässlich der Möbelmesse seit Jahren einen Teil seiner Räume für kleinere Produzenten wie Nils Holger Moormann oder Designer wie Stefan Diez zur Verfügung stellt. Nun zeigt die Hamburger Manufaktur von David Einsiedler in Köln eben keine Produkte des Bauhauses, sondern solche, die diese ermöglichten. Es handelt sich dabei um ehemals in Thüringen gefertigte Werkstattleuchten mit dem treudeutschen und eben nicht neue Zeit verheißenden Namen „Midgard“, der auch nicht kleingeschrieben, sondern in braver Schülerschreibschrift Markenzeichenbestandteil wurde. Die Midgard-Leuchte – der Produktname verweist auf die Wieland-Sage, deren Schauplätze seinerzeit in der Gleichsetzung germanisch gleich deutsch auch in Mitteldeutschland verortet wurden – gehört zu den ersten beweglichen Gelenkleuchten. Ihr angeschrägter Reflektor sorgt für geschickte Lichtlenkung, sie ist leicht zu reinigen und, soviel sei gesagt, der Bauhausproduktion wie etwa den Kandemleuchten funktional überlegen. Das wusste man auch in Dessau zu schätzen, wo sie in den Werkstätten eingesetzt wurde. Auch Architekten, Künstler und Typografen wie Hannes Meyer, Lyonel Feininger oder Jan Tschichold nutzten ihre Qualitäten.

Merkwürdig nur, dass Midgard lange in Designgeschichten kaum bis nicht beachtet wurde. Sicher, der Produktionsstandort in der späteren DDR mag eine Rolle gespielt haben, aber auch dort unterblieb eine Würdigung, unbeschadet der Tatsache, dass der von Curt Fischer gegründete Betrieb mit späteren Entwürfen zum erfolgreichen Devisenbringer taugte. Dabei kann die Midgard, dieser Gegenstand eines kleineren mittelständischen Unternehmens durchaus zu Fragen anregen, etwa zum Verhältnis der Maschinenästhetik zur Moderne – zur ersteren hatte der Ingenieur und Entwerfer Fischer Affinität, zur zweiten wohl eher ein kommerzielles Verhältnis. 

Organisiert und nicht kuratiert wurde die Schau von Thomas Edelmann, lange Jahre Chefredakteur des Design Report und also vom Fach. Er stellt Midgard in den Kontext zeitgenössischer Leuchtenentwürfe vor allem deutscher Provenienz und ergänzt die umfassende Sammlung Einsiedlers mit einigen Fundstücken anderer Herkunft. Sicher ist George Carwardines Anglepoise auch vertreten, manchen amerikanischen oder französischen Entwurf vermisst man dennoch. Doch trotz dieses Einwandes: Was die 1920er-Jahre betrifft, kann einem in Köln manches Licht aufgehen, und was man übersehen hat, kann man im kostenlosen Katalog, der eine umfassendere Midgard-Publikation zur Folge haben wird, nach Hause tragen.

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