30. Juli 2018

News

Nachruf Angelika Petruschat
(1956–2018)

Text: Jörg Stürzebecher

Es gibt Menschen, deren Biografie so sehr hinter ihrer Arbeit versteckt ist, dass erst beim Tod deutlich wird, wie wenig über ihr Leben bekannt ist. Zu diesen gehört Angelika Petruschat, deren Wirken mit Begriffen wie Design-Autorin und -Verlegerin zwar nicht falsch, aber überaus unzureichend beschrieben werden kann.



 

Petruschats Wirken, soweit es dem Autor bekannt ist, begann in der Endphase der DDR als Mitarbeiterin der Zeitschrift Form und Zweck. Die war mangels Material zu dieser Zeit keine Illustrierte für die Objekte des Luxus und der Moden, sondern Zentralorgan einer am Gebrauch orientierten Designphilosophie, wobei Gebrauch über funktionale Aspekte hinausgehend verstanden wurde, auch psychologische wie ästhetische Ansprüche integrierte. Erinnert sei hier nur an Diskussionen seit den 1970er-Jahren, wie die über die Gebrauchspatina, und an Gestalter und Theoretiker wie Clauss Dietel und Lothar Kühne, an Reflexives, das weit entfernt vom Plakativen von Alchimia und Memphis war, aber eben deshalb Aktuelles mit Dauerhaftem verband: Nachdenken über Design mit Haltbarkeitsnachweis.



 

Hier setzte Petruschat an, als sie zusammen mit ihrem Mann nach dem Ende der DDR Form und Zweck übernahm und zur leider viel zu wenig wahrgenommenen Zeitschrift deutschsprachiger Designtheorie machte. Weiterhin blieb man textaffin, wofür auch die sperrige Gestaltung zunächst von Grappa/Cyan sorgte, schrieb über William Morris oder frühe Kunststoffprodukte, brachte Vergangenheit und Gegenwart der HfG Ulm in zeitgemäßes Umfeld und verweigerte sich mit rauem Papier dem Metallic-Lack des Lifestyle. 2008 endete die Zeitschrift, die inhaltlich immer mehr zum Buch geworden war und gab einem Buchprogramm Platz, in dem zum Beispiel die in Form und Zweck oder dem Designreport erschienenen Texte Heinz Hirdinas (2008) unveränderte Aktualität bewiesen. Auch die bislang einzigen Monografien zu Rudolf Horn (2010) und Peter Raacke (2004) erschienen hier. Zuletzt arbeitete Petruschat zusammen mit Walter Scheiffele an einem Buch zu und von Clauss Dietel, dem wichtigen Designpraktiker und Theoretiker der Gebrauchspatina.



 

Das sind dürre Worte, die Petruschat nicht gerecht werden. Der Autor möchte daher an das Ende eine persönliche Erinnerung stellen. So erzählte ihm Petruschat an einer der Frankfurter Buchmessen von einer Begegnung mit dem österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra in der DDR im ehemaligen AEG-Bau in Berlin-Oberschöneweide nach Mauerbau und Kubakrise. Danach hätte der Pförtner des Werkes, vom internationalen Besuch erfahrend, bemerkt, er werde dem Ami schon zeigen, wie ein Proletarier im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat lebe. Sprach’s, zog seine Golduhr an, versorgte sich mit im Osten Berlins preiswert zu erwerbenden Havannas, und wartete auf den Architekten, dem manche Genüsse aufgrund des Kuba-Embargos verwehrt blieben. So sorgte der Pförtner für eine Korrektur des tradierten Bildes, blieb aber anonym und im Hintergrund. Für Angelika Petruschat, der an anderer Stelle persönlichere und bessere Nachrufe zu wünschen sind, gilt zumindest, was solchen Umgang mit der eigenen Person betrifft, Ähnliches.

 

(Der Autor dankt Joachim Krausse für Hinweise.)

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