23. März 2019

News

Nachruf Ingeborg Schneider
(1925–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Sie war keine Gestalterin, keine Kuratorin, keine Schreibende zu den nützlichen Dingen, keine Politikerin – aber ohne sie wäre das Design in Deutschland nach 1945 anders wahrgenommen worden, ohne die leise und gewissenhaft wirkende und nun nach langer Zurückgezogenheit gestorbene Ingeborg Schneider, deren jahrzehntelange Tätigkeit im Darmstädter Institut für Neue Technische Form (INTEF) erst das ermöglichte, was zum Ruf Darmstadts als wichtigem Designstandort beitrug.



 

Geboren 1925 in Potsdam, gehörte sie der Generation der Flakhelferinnen an, also denjenigen, die zu jung waren, um den aufkommenden Faschismus zu verhindern, aber alt genug, der verbrecherischen deutschen Wehrmacht Hilfsleistungen geben zu müssen. Die Bekanntschaft mit Angehörigen der Bekennenden Kirche verhinderte Schlimmeres, und im Zuge des Zusammenbruchs der NS-Herrschaft gelangte sie 1945 in die Schwarzwald-Gemeinde Höchenschwand, wo sie den Kunstdienst-Organisator und Deutsche Warenkunde-Mitarbeiter Gotthold Schneider heiratete, zwei Kinder – Michael und Sarah – folgten.

Gotthold Schneider knüpfte alte Kontakte neu, die Familie zog nach Darmstadt, das Darmstädter Gespräch „Mensch und Technik“ 1953 stellte Produktgestaltung als Aufgabe der jungen Nachkriegskultur vor, beeinflusste die Gründungen des Rat für Formgebung und des INTEF, mittendrin, an der Seite ihres Mannes, Ingeborg Schneider. Ein Bekanntenkreis vom 1. Deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss über den Notkirchen-Architekten Otto Bartning bis zu (zeitweise) Emigrierten und Exilierten wie dem Architekten Ferdinand Kramer oder dem Ausstellungsfachmann Robert Gutmann – Ingeborg Schneider war eine umsichtige Gastgeberin, die Verbindungen schuf, vor allem aber diese auch hielt. Ihre Notizbücher waren voll von Geburtstagen, die schriftlich, später auch telefonisch gewürdigt werden mussten, kein Anruf oder Besuch blieb unnotiert, kein Hinweis unbeachtet. So kannte man sie im Darmstädter Messel-Haus, wo das INTEF jahrzehntelang bis zum Wechsel in die Stadtmitte Unterkunft hatte, und mochten auch die Geschäftsführer, ihr Mann Gotthold und folgend ihr Sohn Michael, abwesend sein, sie hielt an Anwesenheitszeiten fest, lud ein zum Ausstellungsbesuch und auch zu Kaffee und Gebäck. Zahllos die Kontakte langjähriger Besucher und Neugieriger, die sie vermittelte, unablässig ihr Bemühen, Konflikte zu schlichten, verbindlich im Ton und bestimmt in der Sache. Erst spät mied sie altersbedingt die Öffentlichkeit und wurde bei Veranstaltungen des INTEF vermisst: Das war zu respektieren. Doch blieb die hohe Achtung, was nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck kam, dass die Ingeborg Schneider zugeeignete Festschrift „65+“ des INTEF in einem Einzelexemplar von vielen Personen des kulturellen Lebens der Stadt Darmstadt und darüber hinaus, darunter der Oberbürgermeister Jochen Partsch, durch Signaturen, Wünsche und Zeichnungen gewidmet wurde.

Um ihre Lebensleistung zu beschreiben, scheint es ungenügend, dokumentarisch darauf hinzuweisen, in welchen Zusammenhängen sie genannt oder fotografiert wurde. Der Autor empfiehlt stattdessen die Lektüre einer Geschichte Bertolt Brechts, die Hilfe unter Hintanstellung möglicher eigener Werke thematisiert. Der Titel dieser Erzählung lautet: „Der Städtebauer.“

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Nº 283
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