Nachruf Karl Gerstner


„Klar, strenger“, so hat der mit Karl Gerstner (20. Juli 1930 – 1. Januar 2017) befreundete Künstler André Thomkins einmal die Buchstaben des Namens neu geordnet. „Klar, strenger“, das war auch Gerstners Lebensmotto und ist Kennzeichen seiner grafischen Gestaltung und seiner freien Kunst. Denn Gerstner war keiner, der aus dem Verborgenen schöpft, sondern was er machte, konnte erklärt und damit verstanden werden, mit allen Variablen, Möglichkeiten und Folgen, war konsequent.

 




Der 1930 in Basel Geborene will Chemiker werden, die ökonomischen Verhältnisse der Eltern lassen das nicht zu. So belegt er mit 14 Jahren den Vorkurs an der heimischen Gewerbeschule und lernt dort das Zeichnen von Elementarkörpern, das Teilen von Flächen, Hell-Dunkel-Kontraste und zunehmende Komplexitäten, alles Themen, die später auch in seinen gebrauchsgrafischen und freien Arbeiten behandelt werden. Eine Lehre bei dem realistischen Grafiker Fritz Bühler schließt an, dazu kommt weiterhin der Unterricht in Basel bei Armin Hofmann und Emil Ruder, den Begründern der neuen Basler Grafik nach dem Zweiten Weltkrieg. Danach arbeitet Gerstner zunächst im Werbeatelier des Chemiebetriebes Geigy, macht sich bald selbständig und lernt, mit Geigy weiterhin verbunden, den Schriftsteller Markus Kutter kennen.1955 gestaltet Gerstner dessen gemeinsam mit Max Frisch und Lucius Burckhardt verfasste Streitschrift „achtung: die schweiz“. Nach der Zusammenarbeit an der Festschrift „100 Jahre Geigy“, in der Goldschnitt, Büttenpapier und Honoratiorenverehrung durch die grafische Darstellung von Produktions- und Unternehmensentwicklung, also konkrete Visualisierungen, ersetzt werden, gründen beide 1959 die Agentur Gerstner und Kutter. Gerstner strebt an, „das Bauhaus als Geschäft zu betreiben.“ Nach dem Beitritt von Paul Gredinger wird der Betrieb zur GGK erweitert, ein Exporteur schweizerischer Grafik mit Niederlassungen in Düsseldorf und später in weiteren Städten, unter anderen New York. Markus Kutter hat diese Zeit in der Publikation „Sachen und Privatsachen“ beschrieben und darin gezeigt, was möglich ist, wenn Gestaltung nicht nur als Marketingstrategie, sondern als kulturelle Realität begriffen wird, zumal bei GGK Kunst seinerzeit nicht Ablenkungsmittel, wie bei Unternehmenssammlungen, sondern integraler Bestandteil des Selbstverständnisses ist.




Denn neben der grafischen Arbeit und keinesfalls losgelöst von dieser ist Gerstner als Maler der konstruktiv-konkreten Kunst verpflichtet und gehört zu deren bedeutendsten Vertretern der zweiten Generation; darüber hinaus liefert er mit „Kalte Kunst?“ einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieser Kunstrichtung. Auch Paul Gredinger malt, und unter den Basler Mitarbeitern Mitte der 1960er-Jahre gibt es Künstler-Gestalter wie den durch seine Kugelreliefs bekannt gewordenen Paul Talman und den ebenfalls konstruktiv operierenden Helmut Schmidt-Rhen. Dazu ist Gerstner etwa mit Dieter Roth und Daniel Spoerri befreundet und befördert dessen Übersiedlung nach Düsseldorf mit Eröffnung der Eat-Art-Galerie und dazugehörendem Restaurant.

Die 1960er-Jahre, das ist die Zeit, in der Gerstner weithin bekannt wird. Für Christian Holzäpfel, der die innovativen Möbelsysteme des Designers Herbert Hirche produziert, entwirft er ein Balkenlogo mit Variablen, das Raum und Elementbauweise zitiert, dazu einen Prospekt, der sich vielfältig nach links und rechts ausdehnt – mit dem Bild des Unternehmers als Ruhepol in der Mitte. 1962 zeigt er mit der Gestaltung der Zeitschrift Capital, dass Wirtschaft viel mehr ist als Entwicklungskurven und Zahlen, mit von der Agentur GGK gestalteten Sponsorseiten statt Inseraten. Ein komplexes Raster von Felix Berman sorgt für enorme Variabilität und inhaltlich nimmt Capital einiges von der viel späteren Brand Eins vorweg. Wie Raymond Loewy arbeitet auch Gerstner am Shell-Logo, wie Helmut Schmitz bei DDB widmet auch er sich der Aufgabe, Autos der Marke VW mit Witz und Sachverstand zu bewerben. 1971 zieht sich Gerstner aus der Tagesarbeit von GGK zurück, die nun zunehmend von Werbern wie Wolf Rogosky oder Michael Schirner geprägt wird, und er übernimmt, unterstützt von alten GGK-Freunden, komplexe Aufgaben für die Swissair, die Verlage Burda, Ringier und Langenscheidt oder die IBM.




Hauptsächlich aber widmet Gerstner sich nun seinem künstlerischen Werk und Publikationen. Seit den frühen Ausstellungen etwa in der (Op)-Art Galerie Hans Mayers in Esslingen in den 1960er-Jahren hat er das Repertoire der künstlerischen Arbeit stetig erweitert. Sein 1964 erschienenes Buch „Programme entwerfen“ ist, obgleich schwer zu erreichen, Wunschlektüre vieler anspruchsvoller Grafiker, das „Kompendium für Alphabeten“ wird nach der Erstauflage 1972 zum Dauerseller. 1990 erscheint seine „Avantgarde-Küche“ mit dem auch für nicht-kulinarische Gestaltungen wichtigen Postulat „Prinzipien statt Rezepte“, und mit zwei umfangreichen Bänden zu Grafikdesign und Kunst fasst er Anfang des neuen Jahrtausends sein bis dahin entstandenes Werk zusammen.

Am 1. Januar 2017 ist Karl Gerstner gestorben. Längst ist seine Position in der Kunst- und Designgeschichte gesichert, sein Beitrag zur schweizerischen Grafik ebenso wie der zur Erweiterung der konstruktiv-konkreten Kunst hin zum Spielerisch-Variablen, wozu auch seine Arbeit für die kinetisch-variable Edition MAT gehört. Und deren Gründer, Daniel Spoerri, einem engen Freund Gerstners, sei das letzte Wort dieses Nachrufs gegeben, ein Wort, das Spoerri gerne auch als Widmung schreibt, und so grüßt dieser Text Karl Gerstner mit:

Salute!

 

Jörg Stürzebecher













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