21. Dezember 2019

News

Nachruf

Martin Warnke

 1937–2019

Text: Jörg Stürzebecher

 

Dass die Kunstgeschichte zur Kunstwissenschaft, zur Bildwissenschaft erweitert wurde, ist zumindest für den deutschsprachigen Raum maßgeblich Martin Warnke zu danken. Warnke fügte zusammen, was Eliten separierten, und entlarvte deren konstruierte Sonderstellungen. So in seiner Generalabrechnung mit der deutschen Kunstgeschichtsschreibung und dem kunstwissenschaftlichen Sprachgebaren „Wissenschaft als Knechtungsakt“ von 1970, die zu einem Boykott seiner Arbeit von Seiten der Magnifizenzen führte. Hier hatte er es gewagt, das Geraune von Genialität und strengem Umriss, Willen und Kraft in der Kunst als das zu bezeichnen, was es war, als systemstabilisierende Phrasen. Der Vortrag wurde zum Ausgangspunkt der Gründung des Ulmer Vereins, einer kritischen Antwort auf die tradierte Kunstbetrachtung.

Für Warnke, der trotz allem ab 1971 in Marburg und ab 1978 in Hamburg als Professor lehrte, entstand Kunst nicht allein im weltabgeschiedenen Atelier, sondern integrierte gesellschaftliche Ereignisse, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, persönliche Erfahrungen, war komplexes Ergebnis. Das bedeutete nicht Plakativität oder Leichtverständlichkeit, wie in den 1970er-Jahren gerne vulgärmarxistisch gefordert wurde, sondern Analyse, Einarbeiten, Kenntnis von Verhältnissen, mithin umfassendes Wissen und Verstehen gepaart mit Nüchternheit und trockenem Witz. So haben sich ab 1979 viele Kunstinteressierte und -studenten, für die Kunst mehr war als schöne Dekoration oder Gesprächsthema auf Vernissagen und Partys, an seinen „Museumsfragen“ erfreut. Hier trat Warnke als Person gänzlich zurück, überließ den Text einem ungenannt bleibenden Museumsangestellten der Berlin-Dahlemer Sammlung Alter Meister und demaskierte so das wirtschafts- und bildungsbürgerliche, aus Erbauung statt auf Kenntnis abzielende Kunstverständnis. Drei Besucherfragen, die Warnke hier zitiert und die anders als Axel Hackes Feuilletons nicht veralbern, sondern entlarven, mögen dies erläutern:

 

Warum ist der Alte Fritz nicht auf dem Plakat? Wir sind doch Deutsche!

Wo hängt das Bild der Witwe Bolte?

In welcher Etage steht die Nitribitt?

 

Wie diesem Museumsmenschen ging es auch Warnke um Information und Präzision, die Unübersichtlichkeit der neuen Philosophien war seine Sache daher nicht. Folgerichtig brachte ihn sein fachsprengender Ansatz in die Nähe zur Arbeit Aby Warburgs und damit auch zur Bildwissenschaft, die etwa in Werbung, Produkten und deren Präsentation Archetypisches abbildet. Diesen bereits 1968 in dem Aufsatz „Rubens’ Ruf“ wohl erstmals formulierten Ansatz führen heute viele fort, wahrscheinlich auch solche, die nie von Warnke gehört haben und damit diesen Ansatz umso eindrucksvoller bestätigen, nicht zuletzt sein an der Burg Giebichenstein Industriedesign lehrender Sohn Vincenz.



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