Nachruf Michael Schneider

 

 


Michael Schneider, Leiter des Darmstädter Instituts für neue technische Form (INTEF), ist am 25. Juni 2016 in Hanau am Main gestorben. Am 19. August 1946 in Waldshut (Schwarzwald) geboren, studierte er zunächst Architektur in Berlin, bis er 1975 nach dem Tod seines Vaters Gotthold Schneider die Leitung des INTEF übernahm, in dem er über 40 Jahre mit der Organisation von Ausstellungen, Lesungen, Konzerten, Unterrichtsangeboten und vielem mehr wirkte.




In seiner Zeit im INTEF hat er die Wahrnehmung des Designs wie kaum ein anderer nach 1945 geprägt. Er veranstaltete die erste deutsche Ausstellung zu dem Architekturvisionär Friedrich (Frederick) Kiesler, baute die Braun-Sammlung auf, durch die die Kronberger Firma überhaupt erst allgemein für die Designgeschichte wahrgenommen wurde, kuratierte die erste monografische Schau zu Wolfgang Weingart, dem wohl einflussreichsten Typografie-Lehrer seit Jan Tschichold, darüber hinaus viele hundert Veranstaltungen zur Grafik, zur Produktform und zur Architektur – Namen und Begriffe wie Otto Bartning, Herbert Hirche, Anton Stankowski, Herbert Lortz, Wolfgang Schmidt oder Wilhelm Wagenfeld, Dieter Rams, Alessandro Mendini, Resopal und Letraset und so viel mehr seien hier nur genannt, um die Bandbreite seiner Interessen und Aktivitäten anzudeuten.




Michael Schneider war neugierig, offen, lernend, wissend, freundlich. Das alles kam auch in seinem Sammlerdasein zum Ausdruck. Denn er sammelte Gegenstände, vom Stuhl bis zur Stereoanlage, vom Gemälde bis zur Gabel und von der Karaffe bis zum Wegwerf-Kaffeebecher. Das alles aber mit Findigkeit, oft fast ohne Geld. Die gegenwärtige Langeweile, wo Sammler nur Geld und das Internet brauchen, um innerhalb kurzer Zeit eine Design-Collection aufzubauen, war ihm fremd, der Satz eines Braun-Händlers über den „Schneewittchensarg“, die Dinger seien damals von der Palette verkauft worden, dagegen Anregung, so viele Exemplare zusammenzuholen, bis diese wirklich eine veritable Palette auf der Fläche und in der Höhe füllten.

Und er sammelte Geschichten. Wie die über Philip Rosenthal, der über die Frankfurter Messe ging, um an den Ausrufestellen stündlich zu bitten, Frau X oder Herr Y möchten doch bitte an den Rosenthal-Stand in Halle soundso kommen – Werbung in Zeiten vor dem Smartphone.

Vor allem aber sammelte er Menschen – um sich und seinen enormen Freundes- und Bekanntenkreis, der so ständig wuchs. Er brachte seinen Förderer Moritz Landgraf von Hessen in Kontakt mit dem Designlehrer und -forscher Eckard Neumann, und als dieser fragte, wie denn der Landgraf angesprochen werde – Michael Schneider benutzte stets das Thomas Mann’sche „Königliche Hoheit“ – und dieser antwortete, mit „Herr von Hessen“, da waren die Standesunterschiede zwar nicht nivelliert, die Scheu aber verflogen. Wie das INTEF überhaupt ein Ort für alle war, für Kneipenbekanntschaften, Schulfreunde, Forscher, zeitweilig Obdachlose, Arbeiter, Klein- und Großbürger, Zaungäste, Kinder und Hunde. Über alle freute sich Michael, und sein INTEF war bei Eröffnungen und auch bei anderen Gelegenheiten ein Ort nicht des Neben-, sondern des Miteinander, wo gelacht, getrunken und auf die Bäume geklettert wurde.

Dieses Sammeln stand sich gelegentlich in seinen Ausprägungen im Wege. Michael ging gerne auf Flohmärkte, auch früh, aber er kam erst spät wieder zurück. Denn meist schon vor dem ersten Stand traf er Bekannte, hier eine Erkundigung, da eine Geschichte, da waren die Schnäppchenjäger schon fünf Stände weiter.

Dennoch wuchs die Sammlung. Seit 2013 erlebt das INTEF mit monografischen Ausstellungen, zu denen Christof Gassner die kleinformatigen und inhaltssatten Kataloge gestaltet, neuen Aufschwung. Die Konzeption der Ausstellung zum Thema Fernseher als Produkt „Glotze“, die im September eröffnet werden wird, hat Michael Schneider noch bestimmt. In der Uniklinik Frankfurt konnte er sich nicht Sattsehen an den Bewegungsfunktionen des Getränkeautomaten, und auf der Pflegestation in Hanau erläuterte er der Ärztin die Qualität des Braun-Designs, das diese im New Yorker MoMA gesehen hatte.

 




Ein erfülltes Leben, so möchte man annehmen. Aber kein leichtes. Denn jahrzehntelang bis zuletzt war Michaels Stellung in Darmstadt prekär. Der Fachbereich Gestaltung der Hochschule griff zwar auf seine Sammlung zurück, doch Lehraufträge und andere Arten der Ehrung oder finanzieller Unterstützung blieben aus. Städtische Beihilfen wurden gestrichen, die Funktionäre des hessischen Designzentrums erzwangen den Auszug aus dem Messel-Haus, in dem das INTEF jahrzehntelang gewirkt und gefeiert hatte. Unterstützung erhielt er privat und diskret: Freunde gaben kostengünstig Lagerräume ab, das ehemalige Herrscherhaus stellte Ausstellungsräume zur Verfügung, viele Freunde arbeiteten unentgeltlich.

 

Wie hoch Michaels Ansehen war, zeigte sich auch in den letzten Monaten, als er krankheitsbedingt immer häufiger Krankenhäuser aufsuchen musste. Sammler besuchten ihn von weither, Freunde saßen lange am Krankenbett, Forscher fragten ihn aus, Gestalter arbeiteten mit ihm. Und andere, die nicht kamen, halfen auch, hielten ihm und seiner Partnerin Sibylle den Rücken frei, Freunde schrieben, telefonierten, ließen grüßen. Trotz allem – am Schluss versagte der Körper.

 

Michael Schneider hinterlässt seine Frau Sibylle, seine Mutter Ingeborg und seine Schwester Sarah. Die um ihn trauern, leben in Darmstadt, Frankfurt, Baden (CH), Basel, London, Paris, Tel Aviv und vielen anderen Orten der Welt.

 

Die Trauerfeier findet am Mittwoch, 6. Juli, um 12.30 Uhr auf dem Alten Friedhof in Darmstadt, Herdweg 105 (Ecke Nieder-Ramstädter Straße) statt. 

 

Jörg Stürzebecher













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