Nachruf Michel Leiner.
7. Mai 1942 – 16. März 2014

von Ursula Wenzel


Michel Leiner ist tot. Der Mann, der das Gesicht der Verlages Stroemfeld/Roter Stern prägte, trat in einer Weise hinter sein Werk zurück, wie das wohl bei kaum einem anderen Gestalter wahrgenommen werden konnte. Geprägt wurde er zunächst von der HfG Ulm, und wie bei vielen seiner Mitstudenten trifft auch auf ihn zu, was andere Ulmer auszeichnet: Er war Gestalter, und eben nicht nur Designer, und Gestalter meinte bei Leiner die Tätigkeit als Typograf und Art Director wie auch als Texter und Herausgeber, vor allem aber auch als Filmemacher. Um an der HfG Ulm aufgenommen zu werden, absolvierte er, der frühe Eindrücke in der legendären Op-Art Galerie Hans Mayers in Esslingen erhielt, zunächst eine Schriftsetzerlehre, um dann in der HfG Ulm zunächst in der Abteilung Visuelle Kommunikation zu studieren, sich dann aber dem Film zuzuwenden.




Dem Film blieb er treu, doch zur Finanzierung der Filmprojekte war anderes notwendig. So kam er zurück zur Drucktechnik. KD Wolff, Gründer des Verlages Roter Stern, hat das 1985 so beschrieben: „Michel Leiner war von Anfang dabei, als eine Art Werkbeauftragter. Ich glaube, Frank (Wolff) hatte zu mir gesagt, die Ulmer Filmer sind doch nach Frankfurt gekommen, ihrer Filmfirma Epplwoi Motion Pictures EMP geht es nicht gut, und Magdalena Kopp und Michel bekommen gerade ein Kind, und habt ihr nicht ein bisschen Arbeit für sie? So hat Michel Leiner praktisch die ganze Grafik im Lohnauftrag für uns gemacht. Er kam auch aus dem SDS, aber aus dem Ulmer SDS, der, verglichen mit anderen SDS-Gruppen, sehr besonders war. Sie verweigerten sich dem Rausch der Studentenrevolte, sie waren immer mit ihren Kameras da und wollten sehen, was passiert eigentlich? Ohne sie wären die einzigen richtigen Dokumentarfilme zur Studentenbewegung („Ruhestörung“ etc.) nicht entstanden. Ich habe das erst viel später begriffen: Die ersten Umschläge, die Michel uns gemacht hat, hat er uns gewissermaßen zur Strafe so gemacht. Er hatte dabei eine klare Vorstellung, daß eine bestimmte Art von Propaganda nur fette Helvetica-Schriften verdient. Michel dachte wohl, wenn sie solche Broschüren unbedingt machen wollen, kriegen sie eben die Umschläge dazu.“

Bei den Umschlägen blieb es nicht, Leiner wurde als Hersteller und Art Director zum zweiten Mann im Roten Stern – „Inzwischen weiß ich auch aus der Soziologie, dass wenn man eine gute, effektive Firma betreiben möchte, man immer 2,8 Personen braucht“ äußerte Michel Leiner später in einem Interview, und wurde als Entwerfer mit den Almanachen des Verlages legendär. Diese ähnelten im hoch-schmalen Format Stadtplänen und Reiseführern und passten in Jackentaschen: jährlich auf den Buchmessen erneuerte Begleiter. Hier trat Leiner auch einmal als genannter Herausgeber auf, 1985 mit dem Auto-Almanach, einem ironischen Kommentar zur in der grün-linken Community verbreiteten Technikfeindlichkeit.

In seiner Bildsprache wies Leiner Verwandtschaften mit dem Luzerner Grafiker Hans-Rudolf Lutz auf, gerne griff er auf Alltagsgrafik aus Zeitungen und Verpackungen zurück, auch der Bilderduden bot Ausgangsmaterial. Und Leiner nutzte Technik, die er im Satz und beim Film ja gelernt hatte, erkannte früh die Möglichkeiten des Computersatzes, etwa für die Werkausgaben, mit denen Stroemfeld/Roter Stern dann berühmt werden sollte und die ihm zahlreiche Ehrungen einbrachten.

In seinem zweiten Arbeitsbereich, dem Film, wo sich Leiner an Detten Schleiermachers offener Herangehensweise orientierte, entstand in Ulm eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft mit Reinhard Kahn – „wir entwickelten zusammen eine Art Popkultur in der Poesie, etwas, was es so öffentlich gar nicht gab.“ Diese gemeinsame Arbeit – zum Teil auch in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv von Epplwoi Motion Pictures – wurde 2010 in einem Buch von Peter Nau vorgestellt und 2012 in einer Retrospektive bei den Lichter Filmtagen geehrt. Ebenfalls 2012 wurde Michel Leiners Ulmer Phase ausführlich in einem Band der Schriftenreihe des Club Off Ulm über die Filmabteilung mit einem biografischen Interview vorgestellt.

 

Die Beerdigung findet am Freitag, 28. März 2014, 12 Uhr, auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main, Eckenheimer Landstraße statt.



















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