5. August 2019

News

Neuer Mensch – Neue Wohnung

Text: Jörg Stürzebecher

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main

–18. August 2019

dam-online.de

 

Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt zur Frankfurter Moderne 1925-1930

 


 

Diese Rezension hätte früher geschrieben werden können, allein, der Autor hoffte lange, dass Hinweise am Eröffnungstag auf Vergessenes und Unrichtiges, berücksichtigt worden wären. Allein, dies ist bis Anfang Juli nicht geschehen, und so gilt es, auf Gleichgültigkeit neben anderem hinzuweisen. Etwa darauf, dass Hans Leistikow als Gestalter vieler Drucksachen wie etwa des Plakates „Die Wohnung für das Existenzminimum“ nicht genannt wird, dass aber der Umschlag des Russlandfahrer-Heftes der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ 9/1930 nicht von Willi Baumeister, sondern eben von Leistikow stammt und das Leistikows Schwager Werner Hebebrand dort mit merkwürdig fotomontiertem Bein und charakteristischem Hut zu sehen ist. Hier könnte sich auch eine Untersuchung darüber anschließen, welch unterschiedliche Gestaltungsauffassungen Leistikow und Baumeister hatten und wie sich dies in der Gestaltung der Zeitschrift niederschlug. Aber so ist das eben, historische Literatur wie die Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ oder einschlägige Monografien zu Leistikow und Baumeister werden ignoriert, und auf journalistische Besserwisser können Museen sowieso verzichten, schließlich hat man museale Positionen.

Solche Ignoranz und Selbstgefälligkeit allerdings zeichnet diese Ausstellung insgesamt, trotz schöner Einzelfunde wie einer Karikatur zum Neuen Wohnen und einem zeitgenössischen Gemälde zur Römerstadt, aus, was auch schon im Titel der Schau, die das Wohnen, einen komplexen Vorgang, auf die Wohnung, einen bloßen Ort, reduziert. Dazu verwendet der Untertitel „Die Bauten des Neuen Frankfurt“ nicht die Begriffe Gebäude oder Bauen und trägt auch damit zu einer kunstgeschichtlichen Einordnung bei, die vielleicht bei Martin Elsässer, kaum aber bei Ernst May intendiert war.

 



 

Dazu eignet sich das Neue Frankfurt allerdings kaum. Denn hier ging es um Wohnungen für breite Bevölkerungsschichten, um Hygiene, Licht, Luft und Sonne, um Freiräume, um Funktionstrennungen innerhalb des Städtischen, um demokratischen Ausgleich, und mit der Frankfurter Küche auch um gemäßigte weibliche Emanzipation innerhalb der Grenzen des gesetzlich Erlaubten und letzten Endes um Befriedung der ökonomisch-politischen Gegensätze: mit Mitteln der Rationalisierung; nicht zuletzt auch um neue, gegen Repräsentation gerichtete, rationell produzierte Formen. Deshalb die vielen Siedlungen mit der Römerstadt als Ideal, deshalb die Zeitschrift Das Neue Frankfurt mit Themenheften zum Verkehr oder auch dem Gewerkschaftshaus von Max Taut, und deshalb eben kein Themenheft zur Trutzburg des IG-Farben-Konzerns, dessen stadtkronenartiger Bau heute der Universität dient und der so gar nichts mit der offenen Gesellschaft, die im Neuen Frankfurt angestrebt wurde, zu tun hat.

Genau dies ignoriert die Schau, zeigt nicht das Neue Frankfurt, greift mal vor, etwa beim wuchtigen Erstlingsbau des Instituts für Sozialforschung – dessen Nachfolgeeinrichtung (Alois Giefer und Hermann Mäckler) keinesfalls an derselben Stelle wie der Ursprungsbau steht, wie es der Katalog behauptet, sondern schräg gegenüber –, bringt zusammen, was seinerzeit getrennt war und auch in anspruchsvollerer Architekturgeschichte als gegensätzlich betrachtet wird. Gezeigt wird also nicht das Bauen des Neuen Frankfurt und dessen Leistungen und Einflüsse, sondern vorgestellt werden Frankfurter Bauten der 1920er-Jahre. Mit Huth-, aber ohne Ostpark, mit Siedlungen und Villen, aber ohne das ehemalige Privathaus des Malers Hanns Ludwig Katz, ein Musterbeispiel des anspruchsvollen Privathauses im Rahmen des Neuen Frankfurt, in dem zum Beispiel der Soziologe Siegfried Kracauer verkehrte. Auch fehlt der kriegszerstörte Bau der sozialdemokratischen Volksstimme von J. W. Lehr, ein von Le Corbusier beeinflusstes Gebäude mit prä-brutalistischen Elementen wie unverkleideten Rohrleitungen, an dessen Stelle heute Ferdinand Kramers Universitätsbibliothek – ein später Reflex auf die Offenheit des Neuen Frankfurt – einer ungewissen Zukunft entgegensieht. Dafür aber gibt es ein großes Kapitel zum „Neuen Menschen“, der hier anhand von Friedrich Nietzsche und homoerotischer Ästhetik um 1900 behandelt wird, das Menschenbild des literarischen Expressionismus und dessen Einfluss auf die Moderne nach 1920 oder die Androgynität um 1925, die Kameradschaftsehe und sowjetische Modelle, wie etwa von Sergej Eisenstein in „Die Generallinie“ (1929) beschrieben, aber unterschlägt. Hier wird der für 2020 geplanten Ausstellung zu Homosexualität und Architektur im DAM die historische Perspektive geopfert.

Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum, was das Neue Frankfurt nicht nötig hat. Ihre Grafik missversteht Hans Leistikows schwarze (Teil-)Rahmen des Neuen Frankfurt völlig und erinnert an ein dilettantisch-modernistisches Fotoalbum mit überlagerten Fotografieecken, die den Dokumentcharakter von Fotografien ignorieren. Ihre Exponate sind fragwürdig ausgewählt, und ihr Blick entpolitisiert das Neue Frankfurt zu einer Ansammlung fast beliebig zusammengestellter Bauten. Sie ist nicht Kür, sondern Pflicht, und auch darin höchst fragwürdig. Ihr guter Besuch mag darüber nicht täuschen. Denn was in den Köpfen hängen bleibt, ist weniger Neues Frankfurt mit seinen immer mehr wahrgenommenen Qualitäten als antiquierte Schöne Neue Welt.

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